Ein weltweiter Mangel an Fluglotsen treibt die grenzüberschreitende Abwerbung erfahrener Kräfte an. Die Personallücken wecken nach Angaben von Luftfahrtvertretern Sorgen um die Flugsicherheit und um Störungen im Luftverkehr. In Australien, den USA und Kanada hat der Lotsenmangel bereits zu Beeinträchtigungen im Flugbetrieb beigetragen.
Länder von Australien über Kanada bis Südafrika konkurrieren um erfahrene Lotsen. Einige greifen dabei auf ausländische Kräfte zurück, während ihr eigenes Personal anderswo angeworben wird. Einer Prognose des Trainingsanbieters CAE aus dem Jahr 2025 zufolge werden bis 2034 weltweit 71.000 neue Fluglotsen benötigt.
Lotsen und Gewerkschaftsvertreter nannten als Gründe für die Wechsel höhere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen und in einigen Fällen die Möglichkeit, über das Rentenalter des Heimatlandes hinaus zu arbeiten.
Insidern zufolge wechseln derzeit einige Lotsen der australischen Flugsicherung Airservices Australia nach Katar. Das Land hatte zuletzt Stellen für Fluglotsen ausgeschrieben. "Uns sind Dutzende Fluglotsen an mehreren Standorten in Australien bekannt, darunter einige in Sydney, die entweder bei Airservices gekündigt haben, um im Ausland zu arbeiten, oder diese Möglichkeit prüfen", sagte Scott Nugent, Präsident der Gewerkschaft Civil Air Australia.
Kanada wirbt gezielt im Ausland an
Die meisten der abwandernden Lotsen suchen nach Angaben eines Insiders bessere Regelungen zu Ermüdung, Urlaub, Überstunden und Personalausstattung. Airservices Australia erklärte, die landesweite Fluktuationsrate bei den Lotsen liege im Rahmen der Erwartungen. Die katarische Zivilluftfahrtbehörde ließ eine Anfrage unbeantwortet.
Auch Kanada, das als Fluglotsen normalerweise nur Staatsbürger oder Personen mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht einstellt, sucht inzwischen im Ausland. Die kanadische Flugsicherung Nav Canada teilte mit, sie habe kürzlich im Rahmen einer "begrenzten, gezielten Maßnahme" eine externe Firma beauftragt. Diese solle acht ausländische Lotsen anwerben, die bereit sind, nach Kanada einzuwandern.
Nick von Schoenberg, Präsident der Canadian Air Traffic Control Association, sagte, seine Gewerkschaft befürworte die Einstellung ausländischer Kräfte üblicherweise nicht als Lösung für seit Langem bestehende Personalprobleme. Gegen die Pläne von Nav Canada erhebe sie aber keine Einwände. "Angesichts der Schwere der aktuellen Umstände werden wir uns dem nicht in den Weg stellen", sagte er.
Südafrika versucht dagegen, den Mangel nicht einfach in andere Länder zu verlagern. Die Flugsicherung Air Traffic and Navigation Services begrenzt die Zahl der Lotsen, die sie aus einzelnen Ländern anwirbt. Sie hatte zwischen 2024 und 2025 innerhalb von acht Monaten selbst 28 Lotsen verloren. "Wir wollen das keinem bestimmten Land antun", sagte Betriebsvorstand Josia Manyakoana.
Branche sucht nach gemeinsamen Lösungen
Die neuseeländische Flugsicherung erklärte, die Flugsicherungsdienstleister sollten den Personalmangel gemeinsam angehen, statt ihn "einfach" von einer Organisation zur nächsten zu verschieben.
Der Branchenverband Civil Air Navigation Services Organisation (Canso) vertritt Flugsicherungsdienstleister weltweit. Er prüft, wie sich die Ausbildungskosten eines Lotsen aufteilen lassen. Beteiligt werden sollen sein aktueller Arbeitgeber und die Organisation, die ihn ausgebildet hat. "Das (Land), das einen Lotsen ausbildet, trägt in der Regel die vollen Kosten, auch wenn dieser Lotse später weiterzieht", sagte ein Canso-Sprecher. "Uns ist bewusst, dass mehrere unserer Mitglieder besorgt sind, Lotsen zu verlieren, die sie auf eigene Kosten ausgebildet haben."
Einige Länder suchen zudem nach Wegen, den weltweiten Personalpool zu vergrößern. Indonesien, das über einen Überschuss an Lotsen verfügt, hat zugesagt, 2027 fünf Lotsen nach Australien zu entsenden. Sie sollen dort bis 2030 arbeiten. "Australien braucht mehr Lotsen, und wir haben derzeit einen Überschuss", sagte Setio Anggoro, Betriebsdirektor von Airnav Indonesia. "Wir sind bereit, unsere Lotsen zu exportieren."
Der Wechsel erfahrener Kräfte zwischen Ländern kann kurzfristig Entlastung bringen, ändert aber wenig am zugrunde liegenden weltweiten Mangel. Die Branche kämpft damit, eine alternde Belegschaft zu ersetzen und Lotsen schnell genug auszubilden, um den Bedarf zu decken. Die Ausbildung von Nachwuchs kann Jahre dauern. Luftfahrtvertreter sind sich deshalb einig, dass Rekrutierung allein das Ungleichgewicht nicht beseitigt. Die Länder müssten mehr Lotsen ausbilden und zugleich ihr Personal besser halten.
