Die neue Ferienfluggesellschaft, die Condor-Eigentümer Attestor aktuell in Estland gründet, alarmiert die Beschäftigten von Tuifly. Marabu will im kommenden Jahr mit zunächst sechs Airbus A320 von den Basen München und Hamburg aus zu Ferienzielen starten.
Nachdem die Ankündigung des Condor-Mehrheitseigners bereits unter den Mitarbeitern von Condor für Verwirrung gesorgt hat, gibt es nun auch Aufregung unter den Tuifly-Piloten.
Die Cockpitpersonalvertretung der deutschen Tui-Airline bringt ihren Unmut über die neuen Kapazitäten im deutschen Markt nun in einem Rundschreiben an das fliegende Personal zum Ausdruck. Mit großem Erstaunen habe man die Aussagen von Tui zu einer möglichen Kooperation mit dem neuen Condor-Ableger Marabu zur Kenntnis genommen, heißt es in dem Brief, der airliners.de vorliegt.
Tui-Deutschland-Chef Stefan Baumert hatte sich Anfang der Woche sehr positiv über den neuen Anbieter geäußert. Er wird unter anderem mit den Worten zitiert, dass Tuifly selbst in Hamburg nicht vertreten sei. Darum werde Tui "höchstwahrscheinlich mit dieser Airline zusammenarbeiten". Auch in München könne man sich eine Zusammenarbeit vorstellen.
"Aus dem Mund des Tui-Deutschland-Chefs hören zu müssen, dass die hauseigene Airline Tuifly in Hamburg keine Kapazitäten anbieten würde, obwohl das Tui-Management und Herr Baumert maßgeblich an der Entscheidung beteiligt waren, dass Tuifly keine Kapazitäten mehr in HAM hat, ist ein Schlag ins Gesicht von uns Mitarbeitern", heißt es in dem Schreiben.
Tuifly-Piloten schauen neidisch auf die Konkurrenz
Tuifly wird seit einiger Zeit saniert. Dabei wurden in Deutschland fünf der elf Stationen geschlossen, die Flotte ist von 37 Maschinen im Jahr 2019 auf aktuell 20 Maschinen geschrumpft.
In Mitarbeiterkreisen vermutet man, dass die Geschäftsführung seit dem "Sick-Out", also dem stillen Streik im Herbst 2016, einen Groll auf die eigene Belegschaft hegen würde. So hätte man Corona als Chance genutzt, sich der vergleichsweise teuren und mitbestimmenden Mitarbeiter zu entledigen, in einem Maße, das über die tatsächliche pandemiebedingte Notwendigkeit hinausgeht.
In dem aktuellen Brief fordern die Piloten nun mit Verweis auf die hohen Nach-Corona-Tarifeinigungen für die Beschäftigten bei anderen Airlines, dass auch Tuifly wieder einen Schritt auf die Mitarbeiter zugehen sollte. "Der Tourismus boomt und die [...] Geschäftszahlen überraschen selbst die kühnsten Optimisten im Konzern. Doch wir als Mitarbeiter spüren absolut nichts davon", heißt es in dem Brief.
Streitpunkt Wetleasing
Bereits seit Langem beklagen Gewerkschaften und Personalvertreter die Praxis, dass Fluggesellschaften in Deutschland regelmäßig zusätzliche Kapazitäten von Wetleasing-Partnern hinzuzumieten, um ihr Flugprogramm zu stemmen.
Tui kauft dabei hauptsächlich für die Hochsaison von Juli bis Oktober an einigen Flughäfen, an denen Tuifly nicht operiert, Vollcharterkapazitäten ein, wie ein Sprecher mitteilte. In diesem Sommer sicherte sich der Reiseveranstalter Fremdkapazitäten von Freebird Europe, European Air Charter, Smartlynx sowie Eurowings.
Das Zurückgreifen auf Fluggesellschaften in anderen europäischen Ländern ist gängige Praxis unter westeuropäischen Anbietern. Dank steuerlicher Vorteile können Airlines in vielen EU-Ländern billiger produzieren. Hinzu kommen vielfach geringere Löhne.
Airbus A330 der Smartlynx im Condor-Look. © SmartLynx Airlines
Auch Airlines wie Eurowings und Condor greifen auf Kapazitäten von ACMI-Anbietern zurück. So fliegt beispielsweise Smartlynx mit zwei Airbus A330 für die gestreifte Ferienfluggesellschaft. Die Ad-hoc-Verfügbarkeit habe man nun sogar in eine konkrete Beschäftigung umgewandelt, sagte ein Sprecher. Die Kooperation sei längerfristig geplant, auch wenn derzeit nur die Winterbeschäftigung bestätigt sei.
Marabu nicht der erste Charteranbieter aus dem Baltikum
Die baltischen Staaten haben sich in letzter Zeit zu einer Heimat für europäische ACMI-Charter-Anbieter entwickelt. Der ACMI/Chartermarkt für Narrowbody-Flugzeuge wird von den litauischen Unternehmen Avion Express, Dat, Getjet Airlines, Global Airways, Heston Airlines und Klasjet, sowie von der lettischen Smartlynx Airlines und ihrer estnischen Schwestergesellschaft Smartlynx Airlines Estonia bedient.
Bei Gewerkschaften trifft das Hinzumieten von Fluggerät samt Besatzungen aus dem osteuropäischen Raum auf wenig Gegenliebe. Sie sehen in der Praxis eine Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Die Vereinigung Cockpit (VC) befürchtet im Fall von Marabu nun sogar eine Unterwanderung der Arbeitsbedingungen und Sozialstandards bei Condor durch die Attestor-Neugründung.
"Wenn der gleiche Eigentümer mit gleichen Flugzeugen die gleichen Strecken bedient und dabei den Condor-Vertrieb nutzt, werden viele Fragen aufgeworfen", so VC-Präsident Stefan Herth. "Es darf nicht passieren, dass durch Konkurrenz im eigenen Haus die Arbeitsbedingungen untergraben werden."