Mit der Übernahme von Tap Air Portugal steigt die Lufthansa Group zum größten Anbieter im Luftverkehr zwischen Europa und Brasilien auf. Zusammen kommen die Airlines des Konzerns und Tap im Winterflugplan 2026/2027 auf rund 889.000 angebotene Sitze. Das entspricht einem Marktanteil von 36,1 Prozent. Das geht aus Flugplandaten von "CH-Aviation" und "OAG" hervor.
Ohne Tap liegt der Anteil der Lufthansa Group auf diesen Strecken bei 12,8 Prozent. Ita Airways tragen mit 5,5 Prozent, Lufthansa mit 5,3 Prozent und Swiss mit 2,0 Prozent bei. Tap allein bietet 23,3 Prozent der Sitze zwischen Europa und Brasilien an. Damit ist die portugiesische Airline knapp hinter Latam Airlines die Nummer zwei auf dem Markt. Latam kommt auf 24,5 Prozent.
Air France-KLM erreicht im Brasilien-Verkehr einen Anteil von 14,6 Prozent, die IAG von 11,3 Prozent. Zusammen bieten die beiden Konzerne damit weniger Sitze an als die Lufthansa Group nach der Übernahme von Tap.
Air France-KLM hatte ebenfalls für Tap geboten. Mit der portugiesischen Airline wäre der französisch-niederländische Konzern rechnerisch auf einen Anteil von 37,9 Prozent im Brasilien-Verkehr gekommen.
IAG verliert Spitzenposition auf dem Gesamtmarkt Südamerika
Auf allen Verbindungen zwischen Europa und Südamerika fällt der Effekt der Übernahme kleiner aus, verändert aber die Rangfolge. Die Lufthansa Group bietet hier bislang 9,3 Prozent der rund 5,2 Millionen Sitze an. Mit Tap steigt ihr Anteil auf 20,6 Prozent. Der Konzern liegt damit vor der IAG mit 18,4 Prozent und Air France-KLM mit 16,8 Prozent.
Bisher ist die IAG die größte europäische Airlinegruppe auf diesem Markt. Ihre Tochter Iberia ist mit 16,3 Prozent der Sitze die größte einzelne Airline zwischen Europa und Südamerika, British Airways kommt auf 2,2 Prozent. Die IAG hatte sich früh aus dem Bieterrennen um Tap zurückgezogen.
Im Brasilien-Verkehr ist die IAG dagegen schwächer vertreten als auf dem Gesamtmarkt. Dort liegt sie mit ihren 11,3 Prozent hinter Air France-KLM und der Lufthansa Group.
Für Tap ist Brasilien der mit Abstand wichtigste Markt in Südamerika. Von den rund 586.000 Sitzen, die die Airline im Winterflugplan zwischen Europa und Südamerika anbietet, entfallen knapp 98 Prozent auf Brasilien.
Lateinamerikanische Carrier stark vertreten
Neben den drei europäischen Konzernen und Tap entfallen im Brasilien-Verkehr 38,1 Prozent der Sitze auf weitere Anbieter. Größter davon ist Latam, gefolgt von Azul mit 5,3 Prozent und Turkish Airlines mit 4,2 Prozent.
Auf dem Gesamtmarkt Südamerika liegt der Anteil der übrigen Airlines bei 44,1 Prozent. Neben Latam mit 13,8 Prozent sind dort vor allem Air Europa mit 9,5 Prozent und Avianca mit 7,1 Prozent vertreten.
Sitzplatzangebot Europa–Brasilien im Winterflugplan 2026/2027
| Airlinegruppe | Sitze | Anteil in % |
|---|---|---|
| Lufthansa Group mit Tap (rechnerisch) (Lufthansa Group ohne Tap) |
889.188 (315.792) |
36,1 (12,8) |
| Air France-KLM | 359.643 | 14,6 |
| IAG | 278.230 | 11,3 |
| Sonstige | 938.018 | 38,1 |
| Gesamt | 2.465.079 | 100,0 |
Sitzplatzangebot Europa–Südamerika im Winterflugplan 2026/2027
| Airlinegruppe | Sitze | Anteil in % |
|---|---|---|
| Lufthansa Group mit Tap (rechnerisch) (Lufthansa Group ohne Tap) |
1.069.876 (483.927) |
20,6 (9,3) |
| IAG | 955.218 | 18,4 |
| Air France-KLM | 870.354 | 16,8 |
| Sonstige | 2.287.787 | 44,1 |
| Gesamt | 5.183.235 | 100,0 |
Quelle: CH-Aviation/OAG
Warum die Lufthansa Group jetzt auch bei Tap einsteigt
**Was wurde genau vereinbart? **
Die portugiesische Regierung verkauft mindestens 44,9 Prozent der Anteile an der "Transportes Aéreos Portugueses" an die Lufthansa. Der Gesamtwert der Transaktion beläuft sich einschließlich der für die Beschäftigten reservierten fünf Prozent auf 1,201 Milliarden Euro. Für den Anteil von 44,9 Prozent habe man 1,025 Milliarden Euro geboten, teilte die Lufthansa inzwischen mit. Sollten die Mitarbeiter ihr Erwerbsrecht nicht nutzen, kann der deutsche Konzern auch die restlichen Anteile übernehmen. Die Mehrheit bleibt zunächst beim Staat.
Im Bieterrennen war die British-Airways-Mutter IAG frühzeitig ausgestiegen. Von Lufthansa und Air France-KLM verlangte die Regierung in Lissabon nach ersten Angeboten Nachbesserungen. Für die deutsche Offerte sprach zuletzt, dass der vereinbarte Kaufpreis vollständig in Geldmitteln und nicht per Aktienpaketen erfolgen soll.
Lufthansa-Angebot deutlich höher als das des Konkurrenten
Das Angebot der Lufthansa sei um 16 Prozent höher ausgefallen als das des Konkurrenten und mit geringeren Unsicherheiten verbunden, begründete Ministerpräsident Luís Montenegro die Entscheidung seines Kabinetts. Dies sei "die beste Wahl für die Zukunft des Unternehmens und der beste Schutz für das nationale Interesse". Durch die Integration in die Lufthansa werde Tap Teil einer der größten Airline-Gruppen Europas, die nach Umsatz sogar die viertgrößte weltweit sei.
Die Lufthansa verpflichtet sich den amtlichen Angaben zufolge, die Flotte von Tap auf 117 Maschinen im Jahr 2035 und nach Fertigstellung des neuen Flughafens von Lissabon auf 130 Flugzeuge auszubauen. Dazu sollen nach 2030 acht Airbus A350-900 von der Lufthansa zu Tap wechseln. Auch die Flotte der Regionalfluggesellschaft Portugália soll modernisiert werden.
**Wie steht die Tap da? **
Die Lufthansa beteiligt sich an einer durchsanierten Airline mit guten Wachstumsperspektiven. Der Staat hatte eine erste Privatisierung aus dem Jahr 2015 in der Corona-Krise rückgängig gemacht und rund 3,2 Milliarden Euro in die Gesellschaft gepumpt. Die Tap verfügt nun über eine junge Airbus-Flotte mit gut 100 Flugzeugen und hat 2025 das vierte Jahr in Folge einen Gewinn eingeflogen, der mit 4,1 Millionen Euro bei einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro allerdings gering ausfiel. Im ersten Halbjahr 2026 gab es hingegen wegen der hohen Kerosinpreise einen Verlust von 99,2 Millionen Euro. Das Unternehmen mit rund 9.400 Beschäftigten hat zudem einen von der EU überwachten Restrukturierungsplan abgeschlossen und darf wieder wachsen.
Warum ist Portugal so wichtig für die Lufthansa?
Auf der iberischen Halbinsel ist der Konzern neben der dominierenden spanischen IAG-Tochter Iberia bislang nur schwach vertreten. Zwar erscheint der portugiesische Heimatmarkt der Tap vergleichsweise klein, die wahre Bedeutung der Airline liegt im engen Netz in das größte Land Südamerikas, das portugiesischsprachige Brasilien.
"Aus strategischer Sicht ist die Tap für Lufthansa ein sehr attraktiver Kandidat", sagt der Luftverkehrsexperte Jürgen Krumtünger von der Beratungsgesellschaft Prologis. Die Portugiesen böten mit Lissabon ein etabliertes Drehkreuz, zahlreiche Start- und Landerechte sowie eine starke Marktposition in Brasilien und ganz Südamerika. Zudem gehe es für Lufthansa darum, sich über den Zukauf Wachstum zu sichern und im Vergleich zu IAG und Air France-KLM in Europa nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat die Expansionspolitik unter anderem auf der letzten Hauptversammlung des Unternehmens verteidigt. Die Strategie sei kein Selbstzweck. Als nationale Airline mit nur einem Heimatmarkt wäre Lufthansa global nicht wettbewerbsfähig, so die Argumentation. Aktuell würden nur noch rund 20 Prozent des Gruppenumsatzes in Deutschland generiert.
**Was verspricht sich die Regierung in Lissabon von dem Deal? **
Letztendlich geht es um eine Stabilisierung des heimischen Luftverkehrsmarkts. Die Regierung will den Flughafen Lissabon mit seinen Fernflügen, weitere Flughäfen sowie die Arbeitsplätze bei der Tap erhalten. Positiv ist auch der Bau eines Wartungswerks mit 700 Arbeitsplätzen durch die Lufthansa Technik südlich von Porto, der aber unabhängig vom Tap-Einstieg ist.
Für die Airline scheint Lufthansa ein geeigneter Partner zu sein, zumal man bereits im Airline-Bündnis Star Alliance eng zusammenarbeitet. Die Deutschen haben in Europa etliche Fluggesellschaften vollständig übernommen, ohne die Marken einzustellen oder deren Drehkreuze aufzugeben. Zum Konzern gehören die ehemaligen Staatsairlines der Schweiz, Belgiens und Österreichs. Bei der italienischen Ita hält der deutsche Konzern derzeit noch eine Minderheit, hat aber bereits die Aufstock-Option auf 90 Prozent gezogen. Mit einem Vollzug wird zum Anfang des kommenden Jahres gerechnet.
Was haben die Passagiere davon?
Die für Kunden relevanten Details sind zunächst schwer absehbar. Wenn Tap enger in den Lufthansa-Konzern eingebunden wird, werden üblicherweise die jeweiligen Streckennetze auf Überschneidungen überprüft und aus Sicht des Unternehmens optimiert. Für Kunden kann das ein geringeres Angebot und höhere Preise auf Strecken ohne externe Konkurrenz bedeuten. Deswegen unterliegen derartige Übernahmen der EU-Wettbewerbskontrolle. Beim Ita-Einstieg musste die Lufthansa auf Druck aus Brüssel Start- und Landerechte in Rom und Mailand an die Konkurrenz abgeben. Auf der anderen Seite kann Tap im Großkonzern Kostenvorteile nutzen und zusätzliche Flüge anbieten.
Ist eine vollständige Übernahme auch bei der Tap geplant?
Das ist keineswegs beschlossene Sache. Die Lufthansa hat wie Air France-KLM parallel ein Angebot für die vollständige Übernahme der Tap vorgelegt. Laut Regierung wäre dafür eine zweite Phase mit einem eigenständigen Verfahren notwendig. Lufthansa bewertet die vollständige portugiesische Airline mit 2,552 Milliarden Euro, einschließlich des Aufschlags einer Kontrollprämie von rund 150 Millionen Euro. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, dass er bei Übernahmen die vollständige Kontrolle bevorzugt.
Für den Verkauf sämtlicher Anteile würde die Regierung jedoch die Unterstützung der Opposition, vor allem der Sozialisten (PS) oder der rechtspopulistischen Chega im Parlament, benötigen, die ihr allerdings derzeit fehlt. Im Gegenzug für die vollständige Übernahme soll Portugal nach dem Angebot fünf Prozent am Lufthansa-Konzern erhalten. In ihrer Mitteilung begrüßte die Lufthansa die Bereitschaft Lissabons, einen Prozess zur vollständigen Privatisierung von Tap einzuleiten. Mehrheitsbeteiligungen hätten bei früheren Übernahmen zusätzliche Vorteile für alle Seiten gezeigt, hieß es.
dpa
