Andreas Spaeth (Jahrgang 1966) hat vor 50 Jahren zum ersten Mal ein Verkehrsflugzeug bestiegen. Seitdem ist er in mehr als 75 unterschiedlichen Passagiermaschinen abgehoben. Daten, Fun-Facts und persönliche Anekdoten: In seiner airliners.de-Kolumne "Spaeths Flugzeugquartett" stellt der Luftfahrtjournalist die markantesten historischen und aktuellen Verkehrsflugzeuge vor und schildert seine Erlebnisse mit ihnen. Ein Flugzeugquartett der etwas anderen Art.
Boeing 787
Die Boeing 787. © Boeing
Typ: Zweistrahliges Verkehrsflugzeug
Hersteller/Herkunft: Boeing Commercial Airplanes, USA
Erstflug: 15. Dezember 2009
Indienststellung: 28. Oktober 2011 (bei ANA als 787-8)
Produktionszeit: 2009 bis heute
Anzahl gebaut: 1111 bis Januar 2024
Länge: 56,70 m (787-8) – 68,40 m (787-10)
Spannweite: 60,10 m
Reichweite: 11.730 km (787-10) – 14.010 km (787-9)
Reisegeschwindigkeit: Mach 0,85/903 km/h
Sitze (typisch/max.): 242/381 (787-8) - 330/440 (787-10)
Warum ich die 787 ins Quartett aufnehme:
Boeings "Plastikflieger", wie er scherzhaft genannt wurde, ist ein Meilenstein in der Entwicklung von Passagierjets. Der Rumpf besteht erstmals nicht aus Aluminium, sondern aus Kohlefaserfäden, die verbacken mit Harz einen leichten, aber hochfesten Verbundwerkstoff bilden. Die neue Bauweise ermöglichte wichtige Innovationen beim Passagierkomfort, vor allem höheren Kabinendruck, größere Fenster und feuchtere Kabinenluft.
Der Wettbewerbsdruck führte dazu, dass Airbus nachziehen musste und mit der A350 einen ebenfalls erfolgreichen Flugzeugtypen der neuesten Generation ins Rennen schickte. Trotz vieler Rückschläge und Verzögerungen ist die Boeing 787 tatsächlich zu dem "Gamechanger" geworden, als den ihn der Hersteller immer angepriesen hatte.
Mein erster Flug mit der 787:
Meine Premiere im "Dreamliner" war gleichzeitig der allererste Flug, der weltweit überhaupt mit Passagieren stattfand. Das war einmal für Ende 2008 geplant, bevor die 787 zum Pannenflieger wurde, doch nun standen wir erst fast drei Jahre später auf dem Flughafen Tokio-Narita. All Nippon Airways (ANA) war die Erstkundin und Erstbetreiberin der 787 und Flug NH7871 sollte nun endlich am 26. Oktober 2011 nach Hongkong starten.
787-Erstauslieferung an ANA. © dpa / Everett Kennedy Brown/EPA
Bevor das passierte, mussten wir Pressegäste die absurde japanische Organisation über uns ergehen lassen: Abfahrt aus dem Hotel in der Stadt um sechs Uhr morgens für einen Abflug mittags um halb eins – merkwürdiger ging’s kaum. Endloses Rumsitzen ohne Verpflegung war die Folge. Ich hatte bald schon so viele langweilige Reden (meist nur auf japanisch) anhören müssen, dass das Flugzeug für mich seitdem nur noch "Nana-hachi-nana" heißt – 787 auf japanisch.
Als es endlich an Bord des ersten 787-8-Linienflugs ging, blieben die Japaner streng. Wir in der Economy-Class sitzende Berichterstatter – ich hatte mit dem mir zugeteilten Gangplatz in der Mitte besonderes Pech – durften die Business-Class absolut nicht betreten (gut, dass ich trotzdem unbemerkt dort ausgiebig fotografiert habe). Schaumwein wollte man uns nicht einmal gegen Bezahlung anbieten – ziemlich bizarr für ein feierliches Ereignis wie diesem.
ANA führte den ersten Linienflug einer Boeing 787 "Dreamliner" durch. © Andreas Spaeth
Aber bei ihren einmal aufgestellten Regeln kennen Japaner keinen Spaß, der Drill ähnelte eher einer Truppenverlegung. In vier Stunden und sieben Minuten ging es dann nach Hongkong, wo wir Reporter alle in einem gemieteten Hotelballsaal an langen Tischen saßen, um unsere Berichte über das ach so tolle neue Flugzeug gleich in alle Welt zu verschicken.
Meine besonderen Flüge mit der 787:
Kaum drei Monate später war ich zurück in Tokio, denn auch das nächste Kapitel in der noch jungen Geschichte der 787 wurde von ANA geschrieben: Der erste Langstreckenlinienflug mit dem "Dreamliner" startete gegen ein Uhr morgens am 21. Januar 2012 von Tokio-Haneda passenderweise nach Frankfurt. Diesmal erlaubten sich die Japaner etwas fröhlichere Feierlichkeiten samt deutscher Blaskapelle und Ausschank von Bier und Sake am Gate.
Der Nachtflug startete mitten in der Nacht und endete auch gefühlt mitten in der Nacht am sehr frühen Morgen in Frankfurt. Das Gefühl von ewiger Nacht wurde noch verstärkt dadurch, dass die Kabinencrew vergessen hatte, die ärgerlicherweise trotz Nachtflug mit der neuen 787-Dimmfunktion zwangsverdunkelten Fenster vor der Landung wieder zu öffnen. Wir hatten an Bord das Gefühl, auf einem unbeleuchteten Flughafen gelandet zu sein.
Andreas Spaeth beim ersten Langstreckenflug einer Boeing 787 von Ana von Tokio-Haneda nach Frankfurt. © Andreas Spaeth
Ein anderer besonderer 787-Flug war die Abholung des ersten "Dreamliners" für Norwegian aus Seattle am 29. Juni 2013, wo damals noch die Montage erfolgte (heute in Charleston, South Carolina). Es schien revolutionär, dass ein Billigflieger mit nagelneuen Jets Langstrecken anbieten wollte. Der charismatische Firmenchef Björn Kjus war natürlich auch dabei, der die Airline später weltweit aufblähte und bis 2021 insgesamt 37 "Dreamliner" betrieb, bevor der Kollaps folgte. Als der knorrige Chef abtrat, kam mir in den Sinn, was ich über die norwegische Aussprache seines Nachnamens gelernt hatte. Er spricht sich "Tschüß".
Was mir aufgefallen ist:
Besonders an der 787 ist ihr Passagierkomfort in neuen Bereichen. Die feuchtere Kabinenluft bei höherem Kabinendruck macht wirklich einen erheblichen Unterschied auf Langstreckenflügen – das merke ich vor allem daran, dass meine Nasenschleimhaut weniger eintrocknet, viel Wasser muss ich weiterhin trinken.
Kabine der Boeing 787 © Boeing
Toll sind auch andere Features, die die 787 erstmals an Bord hatte: Ich liebe die an jedem Fensterplatz (wo ich immer zu sitzen versuche) individuell elektronisch dimmbaren Fenster, ein wunderschönes Spielzeug, sehr angenehm, bei Sonneneinstrahlung den Lichteinfall zu dimmen und trotzdem rausgucken zu können.
Ich weiß – viele 787-Passagiere hassen dieses Feature, vor allem weil bei manchen Airlines die Kabinencrews exzessiv von der technischen Möglichkeit Gebrauch machen, zentral alle Fenster zwangszuverdunkeln. Ich finde das geradezu übergriffig, habe es zum Glück selten erlebt auf Tagflügen, wenn doch, protestiere ich immer dagegen und verlange die Hoheit über meine Blende zurück.
Mein anderer Favorit neben der grandiosen LED-Beleuchtung der Kabine in allen Regenbogenfarben ist die Toilettenspülung: Wie nach Auslösung eines Sensors ein mechanischer Arm ausfährt und in fünf Sekunden den Klodeckel schließt, bevor Wasser fließt: Genial.
Was ich noch erzählen wollte:
Andreas Spaeth bei der erstmaligen öffentlichen Vorstellung der Boeing 787. © Andreas Spaeth
Ich war am 8. Juli 2007 in Seattle wegen der 787. Was unsereinem zunächst nicht auffallen mag: Auf amerikanisch geschrieben liest sich das Datum so: 7/8/07. Daher war es für Boeing immer gesetzt, dass an diesem Tag der Rollout für die 787 stattfinden MUSS.
Das passierte dann auch; eine riesige Zeremonie im Hangar in Everett wurde abgehalten, vor der ersten anscheinend fertig montierten 787-8 in Firmenfarben. Die wurde dann feierlich nach draußen gerollt, sogar die Sonne schien. Wie tausende Boeing-Mitarbeiter und Gäste lief auch ich unter das Flugzeug, klopfte anerkennend gegen den anders klingenden Kohlefaserrumpf und war beeindruckt.
Doch bald danach kam heraus: Das mächtige Brimborium war eine Scharade gewesen, eine Farce, eine riesige Verlade. Denn das angeblich "fertige" Flugzeug hatte nicht einmal Triebwerke eingebaut, innen war es völlig leer. Das Ganze war ein irgendwie zusammengeschusterter Prototyp-Fake, der sogar kaum verdeckte Löcher im Rumpf hatte. Das hat unser aller Vertrauen in Boeing erschüttert – was ja in den Folgejahren gerade auch im Zusammenhang mit der 787 noch häufiger passieren sollte.
Meine 787-"Fun Facts":
Erstflüge brandneuer, vor allem großer Flugzeugtypen, ziehen immer eine spezielle Gesellschaft von Erstflugfreaks an – es ist beinahe eine Art Club, viele kennen sich untereinander. Prominenter ist Thomas Lee aus Kalifornien, der nie fehlt. Er war schon als Jugendlicher mit seinen Eltern 1970 auf dem Erstflug der 747 dabei, ich lernte ihn 2007 auf dem A380-Erstflug kennen, wo er einen Bilderrahmen überreicht bekam, der nun sein A380-Erstflugdiplom neben dem der 747 einfasste.
Thomas Lee war schon bei zahlreichen Erstflügen dabei, wie sein eingerahmtes Diplom beweist. © Andreas Spaeth
Unglaublicherweise schleppte er nun den ganzen Rahmen 2011 wieder mit nach Japan zum 787-Erstflug, immerhin verteilte er diesmal nicht wieder ganze Pressemappen zur Eigen-PR wie bei der A380-Premiere. Für diese Erstflieger-Klientel spielt Geld keine Rolle: Auch bei der 787 wieder dabei war ein Ehepaar aus Florida, das zwei Tickets zu je 30.000 US-Dollar für wohltätige Zwecke ersteigert hatte.