Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth (Jahrgang 1966) hat vor 50 Jahren zum ersten Mal ein Verkehrsflugzeug bestiegen. Seitdem ist er als Passagier in mehr als 75 unterschiedlichen Passagiermaschinen (ab 19 Sitzen, Varianten nicht extra gezählt) mitgeflogen. Von der Antonow 24 bis zur Caravelle, von der Convair Metropolitan bis zur Concorde, von der BAC 1-11 bis zur DC-8, und natürlich allen heute modernen Typen. In seiner airliners.de-Kolumne "Spaeths Flugzeugquartett" stellt der Luftfahrtjournalist die markantesten historischen und aktuellen Verkehrsflugzeuge vor und schildert seine Erlebnisse mit ihnen. Ein Flugzeugquartett der etwas anderen Art.
BAC 1-11
BAC-1-11 der Hapag Lloyd in Bavaria-Germanair-Hybridlackierung. © AirTeamImages.com / Wolfgang Mendorf
Typ: Zweistrahliges Schmalrumpfflugzeug mit T-Leitwerk
Hersteller/Herkunft: British Aircraft Corporation, Großbritannien
Erstflug: 20. August 1963
Indienststellung: 9. April 1965
Produktionszeit: 1963-1981
Anzahl gebaut: 244
Länge: 32,61 m (alle Daten für BAC 1-11-500)
Spannweite: 28,50 m
Reichweite: 3484 km
Reisegeschwindigkeit: 790 km/h
Sitze: 98-119
Warum ich die BAC 1-11 ins Quartett aufnehme:
Zu Beginn der 1970er Jahre war die BAC 1-11 bei deutschen Chartergesellschaften wie Germanair, Bavaria und Paninternational ein beliebtes Muster für Pauschalreiseflüge ans Mittelmeer. Außerdem setzte sie British Airways damals im innerdeutschen Flugverkehr nach West-Berlin ein. Die letzte BAC 1-11 flog 2019.
Mein erster Flug mit der BAC 1-11:
Das allererste Mal vergisst man nie. Mein Jungfernflug fand im März 1973 statt, kurz vor meinem siebten Geburtstag. Es ging in den Spanienurlaub, meine Eltern nahmen eine weite Autofahrt von Hamburg nach Düsseldorf in Kauf, nur damit es erschwinglicher war. Wir stiegen in Düsseldorf hinten durch die Hecktreppe in die BAC 1-11 der Germanair und mein erster Eindruck war entsetzlich.
Am Heck lief die Hilfsturbine auf Hochtouren und wir mussten direkt drunter durch, zum Fürchten laut. Als es endlich losging, war ich wie verzaubert – der Schub, der Start und dann die Aussicht von oben, alles auf der Erde plötzlich klein wie Spielzeug! Ich kann mich heute noch genau dran erinnern, wie fesselnd das für mich war, vom ersten Moment an.
BAC-1-11 der Germanair. © AirTeamImages.com / The Samba Collection
Ich glaube, da war schon klar, dass mein Leben irgendwas mit Fliegen zu tun haben sollte. Dabei landeten wir nach weniger als einer halben Stunde schon wieder. In Frankfurt! Das war eine Potenzierung meiner Erlebnisse an diesem aufregenden Tag. Die vielen Flugzeuge! Und ich erinnere mich genau an die große Schmetterlings-Wartungshalle der Lufthansa. Frankfurt wurde als Kind daraufhin mein Traumziel.
Nach planmäßigem Zwischenstopp ging es endlich nach Spanien. Nette Stewardessen, so nannte man die damals, servierten sogar etwas zu Essen in Plastiknäpfchen, das fand ich total cool und lecker. Zurück ging es dann mit der Bavaria BAC 1-11, und ich habe tatsächlich Flugzeugpostkarten und eine Sicherheitskarte von Bord mitgenommen. Und besser noch: Beides habe ich heute noch, und es wurde zum Grundstock von Sammlungen, die 50 Jahre später immer noch fortgeführt werden.
Meine besonderen Flüge mit der BAC 1-11:
Der britische Ferienbrüller war auch innerhalb Deutschlands ein wichtiges Flugzeugmuster – seit 1969 flogen etliche von ihnen für British Airways, die innerdeutschen Flüge von und nach Berlin. Zunächst nach Tempelhof, ab 1975 dann nach Tegel.
Hier setzten die Briten die verlängerte 1-11-500 ein, auch "Super One Eleven" genannt. Und so kam ich mit meinen damals 13 Jahren am 1. März 1980 zu dem Vergnügen, von Hannover aus in niedriger Flughöhe durch den alliierten Luftkorridor über die DDR nach West-Berlin zu fliegen. Die damals schon ziemlich speckige Sicherheitskarte aus Hartplastik habe ich heute noch.
Mein leider schon letzter Flug in der 1-11 führte mich am 13. Oktober 1984 an Bord der damaligen US Air von Syracuse im US-Bundesstaat New York nach Newark in Sichtweite Manhattans. Bis 1989 stand sie bei US Air im Einsatz.
Bac-1-11-500 der British Airways. © AirTeamImages.com / Martin Boschhuizen
Was mir aufgefallen ist:
Die BAC 1-11 hatte einen besonderen Beinamen: Das Flugzeug, das Kerosin direkt in Fluglärm verwandelt. Und das stimmte wirklich. Da Flugzeuge immer leiser werden, sind solche aus der Zeit gefallenen Donnervögel natürlich noch viel auffälliger, wenn alle anderen Jets bereits so lärmarm fliegen.
Das wurde mir extrem bewusst, als ich 2010 zum letzten Mal eine BAC 1-11 fliegen sah, es war auch eine der Letzten der Welt, die sich noch in die Luft erhob. Sie flog für die Oman Air Force, und ich erlebte am Flughafen von Maskat einen Start mit – aus dem Büro des Flughafenchefs. Unfassbar, wie bei einem Raketenstart erzitterten die Fenster.
Dass so ein Höllenlärm 40 Jahre zuvor auch auf deutschen Flughäfen noch Alltag war, ist heute wirklich unvorstellbar.
Hapag-Lloyd BAC-1-11 © AirTeamImages.com / Wolfgang Mendorf
Was ich noch erzählen wollte:
Der schwerste Flugzeugabsturz der alten Bundesrepublik geschah am 6. September 1971 fast vor meiner Haustür, auch wenn ich damals als Fünfjähriger davon nichts mitbekam. Eine BAC-1-11-Chartermaschine der Paninternational auf dem Weg von Hamburg nach Málaga erlitt damals kurz nach dem Start den Ausfall beider Triebwerke.
Später stellte sich heraus, dass durch menschliches Versagen statt destilliertem Wasser Kerosin in die Tanks für die Wassereinspritzung zur Leistungssteigerung der Triebwerke eingefüllt worden war, was zu Überhitzung und Ausfall führte. In einer fliegerischen Meisterleistung gelang es Pilot und Pilotin, das Flugzeug auf der noch kaum befahrenen Autobahn A7 nördlich von Hamburg notzulanden. Leider stand dann eine Autobahnbrücke im Weg, die Maschine zerbrach, 22 Menschen starben, aber 99 überlebten. Eine unglaubliche Geschichte, die mich immer fasziniert hat.
2021, zum 50. Jahrestag des Unfalls, stand ich selber auf der Autobahnbrücke von damals und interviewte Augenzeugen von 1971 und auch einen Überlebenden. Das war die erste Episode des mittlerweile erfolgreichen Podcasts Flugforensik. Kurz darauf traf ich einen Kameramann, der mir erzählte, er sei damals mit 15 an der Absturzstelle gewesen und hätte ein Wrackteil mitgenommen, und ob ich das haben wolle. Klar, das Aluminiumfragment mit besonderer Geschichte hat heute einen Ehrenplatz.
Meine Fun Facts:
Zum letzten Mal gesehen und angefasst habe ich eine BAC 1-11 erst 2015 – eine alte Maschine steht vergessen und verfallen auf dem Vorfeld des alten Athener Flughafens Hellenikon, den ich mit lokalen Veteranen besuchen konnte. Ein besonderes Gefühl, dort gerade diesem Flugzeugtyp in die Eingeweide blicken zu können.
Andreas Spaeth vor einer ausgemusterten BAC1-11 in Griechenland. © Archiv Spaeth
In besserem Zustand ist ein silbernes Metallmodell der BAC 1-11 auf einem Onyx-Steinsockel, das auf meinem Schreibtisch steht. Ich habe es für 400 Euro in einem Antiquariat in Bukarest erworben. Britische Werksvertreter hatten es 1979 dem damaligen rumänischen Diktator Ceaucescu überreicht, als die BAC 1-11-Produktion von England nach Rumänien verlagert werden sollte. Heute mein täglicher Hingucker.