Die Kerosinpreise haben sich seit Beginn des Nahostkonflikts teilweise verdoppelt und setzen Fluggesellschaften weltweit unter Druck. Piloten müssen ihre Routen anpassen, um das Konfliktgebiet zu umfliegen. "Ohne kurzfristige Entlastung könnten Fluggesellschaften weltweit gezwungen sein, Tausende von Flugzeugen stillzulegen, während einige der finanziell schwächsten Fluggesellschaften der Branche ihren Betrieb einstellen könnten", warnen Analysten der Deutschen Bank in einer Mitteilung an ihre Kunden.
Der Preis für die Nordsee-Rohölsorte Brent stieg zum Wochenstart um rund 29 Prozent auf bis zu 119,50 Dollar je Fass – der höchste Stand seit fast vier Jahren.
Die Golfstaaten sind dabei nicht nur als Urlaubsziel betroffen, sondern vor allem als wichtige Drehkreuze für den globalen Flugverkehr. Je länger Luftraumsperrungen anhielten und zentrale Hubs ausfielen, desto stärker seien die Auswirkungen auf die gesamte Reisewirtschaft, erklärt der Deutsche Reiseverband (DRV). "Flüge dauern nicht nur länger, sie benötigen auch mehr Kerosin und in der Folge ist mit steigenden Flugpreisen zu rechnen", so der Verband.
Wie stark Ticketpreise steigen, hängt laut einer Sprecherin des Veranstalters Dertour davon ab, ob Airlines ihren Treibstoffbedarf vorab abgesichert haben. "Große Airlines haben Kerosin oft langfristig zu festen Preisen eingekauft, sie können Ticketpreise daher erst einmal stabil halten." Kleinere Carrier ohne Fuel Hedging spürten die Mehrkosten sofort – könnten diese im harten Wettbewerb aber nur begrenzt an ihre Kunden weitergeben.
Viel relevanter als der Kerosinpreis sei letztlich die Auslastung der Fluggesellschaften, betont Dertour. "Wenn es zu größeren Verschiebungen der Nachfrageströmen kommen würde, dann würden in einigen Regionen die Preise steigen, in anderen aber eher noch sinken – trotz gestiegener Kerosinpreise."
Ausweichziele: Karibik, Kapverden, Japan
In der deutschen Reisebranche herrscht zunächst weiter Krisenmodus: Im Vordergrund steht, die noch zu Tausenden in der Region gestrandeten Gäste sicher nach Hause zu holen. Parallel justiert die Touristik aber bereits die Nachfrage auf andere Ziele. Der Reisekonzern Tui verzeichnet anziehende Buchungszahlen für die Karibik, die Kapverden, Hawaii und Japan. Ob sich daraus ein anhaltender Trend entwickle, sei noch unklar, sagt ein Konzernsprecher – klar sei aber: "Wenn eine Region als Ziel ausfällt, wird sie ersetzt."
Dertour verzeichnet derzeit verstärkte Buchungen für traditionelle Destinationen im westlichen Mittelmeer – die Balearen oder die Kanaren etwa. Für belastbare Aussagen zu den Auswirkungen auf den Sommerurlaub oder die Jahresnachfrage sei es noch zu früh, erklärt die Rewe-Tochter.
"Die Emirate werden sich 20 Jahre Aufbauarbeit nicht kaputtmachen lassen"
Die Branche blickt jedoch bereits auf die Zeit nach der Krise. Der DRV zeigt sich grundsätzlich zuversichtlich: "Tourismus ist eine sehr resiliente Branche – sobald Stabilität zurückkehrt, kehrt auch die Reiselust der Menschen zurück. Davon ist auch für die Golfregion auszugehen."
Branchenkenner sind sich einig, dass die Golfstaaten nach dem Ende des Konflikts rasch wieder um Urlauber werben werden – und das aggressiv. "Die würden mit Dumpingpreisen in den Markt gehen, um die Urlauber zu locken", sagt ein Tourismusexperte. Ein anderer Branchenkenner bekräftigt: "Wenn die Waffen schweigen, wird es Sonderpreisaktionen geben. Die Emirate werden sich 20 Jahre Aufbauarbeit nicht so einfach kaputtmachen lassen."
Die Erfahrungen aus früheren geopolitischen Krisen stützen diese Einschätzung: Die Nachfrage erhole sich regelmäßig schnell, sobald das Sicherheitsgefühl zurückkehre, erklärt Dertour.