Ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier der Lufthansa in dieser Woche eskalieren die Tarifkonflikte mit dem fliegenden Personal der Airline.
Auf den zweitägigen Ausstand der Piloten am Montag und Dienstag folgt der nächste Streik des Kabinenpersonals am Mittwoch und Donnerstag. Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) kündigte am Montag an, alle Abflüge von den Flughäfen Frankfurt und München für zwei Tage zu bestreiken.
Bestreikt werden alle Abflüge der Deutschen Lufthansa von den Flughäfen Frankfurt und München - und alle Abflüge der Lufthansa-Tochter Cityline von den Flughäfen Frankfurt, München, Hamburg, Bremen, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Berlin und Hannover.
Am Mittwoch will Ufo während des Festakts zum 100. Jahrestag der Firmengründung, zu dem Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet wird, vor dem neuen Besucherzentrum bei der Konzernzentrale eine Kundgebung abhalten. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat zur Teilnahme daran aufgerufen.
Es gebe keinen besseren Ort des Protestes als den geplanten Festakt mit Bundeskanzler Merz, sagt Ufo-Vorsitzender Joachim Vázquez Bürger. "Wenn sich das Management gemeinsam mit der Bundespolitik für 100 Jahre Lufthansa feiert, dann werden wir genau dort sichtbar machen, unter welchen Bedingungen die Arbeitgeberseite funktioniert – und auf wessen Rücken aktuelle Entscheidungen ausgetragen werden."
Michael Niggemann : Zu sehen ist ein Mann im Anzug und mit Krawatte in einem Flughafenterminal. Im unscharfen Hintergrund hängen große Abflugtafeln; die Szene wirkt wie in einem hellen, modernen Flughafenbereich. © DPA / Lando Hass
Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann kritisierte, der Spartengewerkschaft sei das Schicksal der Fluggäste und die Zukunft der Lufthansa völlig gleichgültig. "Die konzernweit ohnehin schon besten Einsatzbedingungen für Flugbegleiter sollen mit diesem Erzwingungsstreik ohne ernsthafte Verhandlung noch einmal deutlich angehoben werden."
Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben Tarifvorschläge gemacht, die aus Sicht von Ufo aber nicht verhandlungsfähig sind. Im Streit mit der VC lehnt es die Lufthansa ab, den Arbeitgeberbeitrag zur Betriebsrente mehr als zu verdoppeln. Das Unternehmen dringt vielmehr auf sinkende Kosten und mehr Produktivität, damit die schwächelnde Kernmarke wieder mehr Geld verdient.
Zehntausende Kunden betroffen
Bereits am Freitag hatte das Kabinenpersonal gestreikt - fünf Tage Streik in Folge ist der längste Arbeitskampf bei der Airline seit zehn Jahren. Am Montag durchkreuzte der Pilotenstreik bei der Lufthansa und ihrem Ferienflieger Eurowings mit massiven Flugausfällen die Pläne Zigtausender Reisender.
An ihrem Hauptflughafen Frankfurt entfiel der größte Teil von insgesamt 570 gestrichenen Starts und Landungen, die der Betreiber Fraport zählte, auf die Lufthansa. Gut 50.000 Fluggäste waren allein hier von Ausfällen und Umbuchungen betroffen. Der zweitgrößte deutsche Airport München registrierte für beide Tage zusammen rund 720 Annullierungen, vor allem bei der Lufthansa. Die VC sprach von mehr als 700 gestrichenen Flügen bei den bestreikten Fluglinien Lufthansa, Cityline und Eurowings.
Während die Pilotinnen und Piloten der Lufthansa schon zum dritten Mal im Streit über die betriebliche Altersvorsorge die Arbeit niederlegen, waren die Flugzeuglenker von Eurowings zum gleichen Tarifthema erstmals zu einem eintägigen Arbeitskampf aufgerufen. "Trotz Streikaufruf werden wir heute rund 60 Prozent der geplanten Flüge durchführen können - das sind circa 300 Flüge", teilte Eurowings mit. Damit fielen 210 Verbindungen aus.
Nach mehr als einem halben Jahr Streit über die betriebliche Altersvorsorge gibt es zwischen den Tarifparteien keinerlei Annäherung. VC-Präsident Andreas Pinheiro sagte in Frankfurt, die Betriebsrente der Lufthansa-Piloten sei im Vergleich zu den Konkurrenten Air France und KLM "unfassbar weit abgeschlagen". Die Spanne liege bei der Lufthansa zwischen 2000 und 5000 Euro monatlich.
Lufthansa-Personalchef Niggemann nannte die Altersversorgung hingegen exzellent im Vergleich zu den anderen Airlines der Gruppe wie auch zu europäischen Wettbewerbern. Das Unternehmen beziffert die Betriebsrente langjähriger Vollzeitbeschäftigter auf 5400 Euro durchschnittlich, die zur gesetzlichen Rente von rund 3000 Euro hinzukommen.
Die Kernmarke Lufthansa Classic sei auf vielen Kurz- und Mittelstrecken wegen der Personalkosten nicht mehr wettbewerbsfähig, sagte Niggemann. Deshalb übernähmen kostengünstigere Airlines der Gruppe mehr und mehr Flüge. "Diese Streiks werden unsere Strategie nicht beeinflussen", betonte der Manager. "Flugzeuge fliegen da, bei den Gesellschaften, wo sie profitabel fliegen können." So wachsen die noch jungen Airlines Discover für Ferienflüge und die Regionalgesellschaft City Airlines, die trotz Tarifverträgen mit der Gewerkschaft Verdi deutlich billiger arbeiten.
Verhärtete Fronten
Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" stellte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr klar, dass der Konzern vor den Streiks nicht einknicken werde. "Lieber einige Tage mit einem streikbedingt reduzierten Angebot der Lufthansa-Gruppe als irgendwann dauerhaft mit einer deutlich reduzierten Kernmarke", sagte Spohr.
Der Lufthansa-Group-Chef hielt den Spartengewerkschaften vor, dass sie in einem Dilemma steckten: "Keine der von ihnen tarifierten Airlines nimmt am erfreulichen Wachstum unserer Lufthansa Group mit ihren insgesamt 14 Airlines überhaupt noch teil." Die Ursachen dafür lägen in "oft jahrzehntelangen komplexen Tarifstrukturen - teilweise aus unserer Zeit als Staatsairline."
Carsten Spohr spricht vor einem Lufthansa Airbus A350-900 in Rostock während der 100-Jahr-Feier : Carsten Spohr im Anzug mit Headset-Mikrofon steht vor der dunkelblauen Rumpfseite eines Airbus A350-900 mit großem Lufthansa-Schriftzug. Deutliche Typenbezeichnung A350-900 sichtbar; Veranstaltungsaufnahme während der Jubiläumsfeier in Rostock. © DPA / Karl-Josef Hildenbrand
Bereits am Freitag hatte ein von Ufo ausgerufener Streik des Kabinenpersonals zu zahlreichen Flugausfällen geführt.
"Der Streik am Freitag war ein deutliches Signal", erklärte Harry Jaeger, Leiter Tarifpolitik und Verhandlungsführer der Ufo. "Wenn der Arbeitgeber darauf nicht reagiert, wird dieses Signal zwangsläufig lauter."
Die hohe Streikbeteiligung am Freitag "hat uns sehr beeindruckt - und sie zeigt überdeutlich, dass sich die Kabine nicht für dumm verkaufen lässt. Wenn Existenzangst konsequent auf Blockade trifft, dann wird eine weitere Zuspitzung kaum zu vermeiden sein." Jaeger warf den Arbeitgebern vor, "sich in einer Hardliner-Position eingerichtet zu haben".
Ufo will mit dem Arbeitskampf Druck auf die Verhandlungen über einen neuen Manteltarifvertrag bei der Lufthansa ausüben, sie fordert Arbeitszeitentlastungen für die rund 18.000 Stewards und Stewardessen. Bei Cityline geht es um einen Sozialplan für die rund 800 Flugbegleiter; die Airline soll im kommenden Jahr eingestellt werden. Mit der Nachfolgergesellschaft Lufthansa City Airlines hatte Verdi in der vergangenen Woche einen Tarifvbertrag abgeschlossen – sowohl für die Flugbegleiter als auch für die Piloten. VC und Ufo sind also raus.
Ärger mit den Gewerkschaften VC und Ufo sieht Analyst Andrew Lobbenberg von Barclays als Nachteil der Strategie. Die instabilen Arbeitsbeziehungen seien keine Basis für höhere Erlöse beim Premiumprodukt Lufthansa.