Die IATA (International Air Transport Association) hat von Triebwerksherstellern gefordert, unabhängigen Firmen den Zugang zu aufgearbeiteten Ersatzteilen zu erleichtern. Anlass ist eine Einigung im europäischen Kartellverfahren gegen den Triebwerksbauer "Pratt & Whitney Canada". Der Vorstoß ist das jüngste Signal in einem monatelangen Streit um Wettbewerb bei Triebwerken und um Teileknappheit.
Die Europäische Kommission hatte im vergangenen Monat ihr Kartellverfahren wegen des Verdachts wettbewerbswidrigen Verhaltens gegen "Pratt & Whitney Canada" eingestellt. Der weltweit führende Anbieter von Turboprop-Triebwerken hatte sich zuvor verpflichtet, Beschränkungen beim Zugang zu gebrauchten Bauteilen aufzuheben.
Bislang schränkten Vertragsklauseln die Lieferung von Triebwerkssegmenten ein, aus denen sich gebrauchte Teile gewinnen lassen. Nach Angaben der Kommission hat "Pratt & Whitney Canada" zugesagt, diese Klauseln zu ändern. Unabhängige Anbieter sollen dadurch leichter an ausgemusterte Turboprop-Triebwerke gelangen, um sie zu zerlegen und Teile aufzuarbeiten, die dann nach Erfüllung der Zertifizierungsanforderungen in Konkurrenz zu neuen Bauteilen verkauft werden.
Streit weitet sich auf Jet-Triebwerke aus
"Das wird sicherlich den Betreibern von ATR- und Dash-8-Turbopropflugzeugen helfen", sagte Nick Careen, Senior Vice President Operations, Safety and Security bei der IATA.
"Jetzt ist die Gelegenheit, das auf die Haupttriebwerksmärkte auszuweiten, denn dort liegt das Geld, dort liegt die größte Herausforderung", sagte Careen in einem Telefoninterview.
"Pratt & Whitney Canada" begrüßte die Einigung mit der EU-Kommission. Der Mutterkonzern RTX war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.
Airlines werfen Triebwerksherstellern regelmäßig vor, den Wettbewerb einzuschränken und die Preise zu erhöhen. Das verschärfe die verbreitete Knappheit an Triebwerksteilen und Personal, die seit der Corona-Pandemie anhalte. Triebwerkshersteller begründen ihre Zurückhaltung dagegen mit hohen technologischen und finanziellen Risiken bei der Entwicklung neuer Triebwerksgenerationen. Sie müssten die Investitionen über Jahre amortisieren, um weitere Innovationen zu finanzieren. Wie weit einzelne Hersteller externen Werkstätten Zugang zum Ersatzteilgeschäft gewähren, unterscheidet sich von Anbieter zu Anbieter.
Teilemangel kostet Airlines Milliarden
Der Streit um gebrauchte Ersatzteile berührt zugleich einen Dreikampf um Triebwerkslieferungen, der der Branche in diesem Jahr besonders zu schaffen macht. Werden mehr gebrauchte Teile für bestehende Flotten aufgearbeitet, kann das den Druck verringern, weil dadurch mehr neue Bauteile für neue Flugzeuge frei werden.
Die IATA beziffert die Kosten, die Airlines im vergangenen Jahr durch die Knappheit an Triebwerksteilen und Wartungskapazitäten entstanden sind, auf knapp sechs Milliarden US-Dollar (umgerechnet rund 5,2 Milliarden Euro).
Luftfahrtmanager erklärten auf einer Konferenz der International Society of Transport Aircraft Trading (ISTAT) in Kopenhagen, sie rechneten damit, dass sich Verzögerungen bei Triebwerken noch längere Zeit fortsetzten. "Es wird lange dauern, bis dieses Problem gelöst ist – wer weiß, vielleicht ein paar Jahre", sagte Jennifer Moulton, globale Vertriebsleiterin beim Leasingunternehmen Dubai Aerospace Enterprise.
"Pratt & Whitney" hatte im Juli erklärt, die Störungen bei der Triebwerkswartung ließen nach. Anfang des Jahres hatte die IATA zudem eine Vereinbarung mit dem Pratt-Konkurrenten CFM International verlängert, um den Wettbewerb im Ersatzteilgeschäft aufrechtzuerhalten.