Bis 2035 will die Deutsche Bahn das Image einer Bahn haben, "die stolz macht". Der Organisationsforscher Matthias Gouthier sieht diese neue Stolz-Kampagne von Bahn-Chefin Evelyn Palla skeptisch.
"Um Stolz zu empfinden, braucht man einen Erfolg", sagte Gouthier, der zu sogenanntem Organisationsstolz forscht, dem "Spiegel". "Daran mangelt es bei der Bahn. Die Mitarbeiter bekommen seitens der Reisenden ja nur Prügel."
Scham sei das Gegenteil von Stolz. Kritisch sieht er auch Pallas Ankündigungen, künftig solle beim Konzern alles anders werden. Dann würden sich die Mitarbeiter fragen, ob sie bislang alles falsch gemacht hätten.
Gouthier sagte, dass Mitarbeiter auch Stolz auf die eigene Leistung, ihr Team oder den Beruf als solchen empfinden könnten. Zudem könne Stolz daraus geschöpft werden, gerade unter widrigen Umständen seine Leistung zu erbringen. Ein Beispiel sei der neue Blick auf Mitarbeiter des Einzelhandels in der Coronakrise. Da habe sich gezeigt: "Die räumen nicht nur Regale ein, sondern halten den ganzen Laden am Laufen."
Als "absolut kontraproduktiv" bezeichnete Gouthier auch die noch unter Pallas Vorgänger Richard Lutz veröffentlichte Satire "Boah Bahn" mit Anke Engelke als überforderter Zugchefin. Man habe sich beim Zuschauen für die Bahn geschämt, sagte er.
Als positiven Schritt hob der Wissenschaftler hervor, dass die Bahn-Chefin selbst einen Triebfahrzeugführerschein erworben hat. Das Management müsse nah am Kunden sein, so Gouthier. Eine interne Umfrage hatte im vergangenen Jahr ergeben, dass der sogenannte "Eisenbahnerstolz" bei der Bahn auf ein historisches Tief gefallen ist.