Worauf man verzichten muss, wenn der Flug das CO2-Budget nicht sprengen soll

Wussten Sie, dass der Umstieg von Butter auf Margarine einen Inlandsflug pro Jahr "gegenfinanziert"? Einige Zahlen und Erkenntnisse zur Klimawirkung des Luftverkehrs und CO2-Äquivalenten im Alltag.

Fridays For Future (Symbolbild) © Adobe Stock Nr. 269592310 / Nicola

Der Klimawandel hat vor allem den Luftverkehr in den Diskurs-Fokus gerückt. Dabei stammen nur rund zweieinhalb Prozent der CO2-Emissionen weltweit aus der zivilen Luftfahrt. Wie rational ist also die öffentliche Diskussion, die mit Kampfbegriffen wie "Flugscham" vor allem auf das Verhalten des Einzelnen abzielt? Ein paar Zahlen und Vergleiche.

Laut "Atmosfair", der wohl bekanntesten deutschsprachigen Website für die Berechnung von Emissionen für Flugreisen, verursacht ein Passagier in der Economy Class auf einem Flug von Frankfurt nach Los Angeles mit einem Airbus A350 einen Ausstoß von Treibhausgasen, dessen Klimawirkung rund 1,5 Tonnen CO2 entspricht, das sogenannte CO2-Äquivalent. Wobei der reine CO2-Ausstoß mit 511 Kilogramm nur rund ein Drittel der Klimawirkung des Fluges ausmacht.

"Atmosfair" setzt die Gesamtmenge an CO2-Äquivalenten, die die Menschheit zum Erreichen des Pariser Abkommens zur Zwei-Grad-Erwärmung noch emittieren kann, mit 750 Milliarden Tonnen bis 2050 an. Dies würde einem Pro-Kopf-Budget von rund 2,3 Tonnen pro Jahr entsprechen. Der Flug von Deutschland an die US-Westküste und zurück würde also fast das doppelte Jahresbudget an CO2 kosten.

Verschiedenen Zahlen

Der Öko-Energieanbieter "sauberenergie.de" setzt ein individuelles Jahresbudget von 2,7 Tonnen CO2-Äquivalenten zur Erreichung des Zwei-Grad-Zieles an. Besonders streng ist der Lufthansa-Partner "myclimate.org". Das Portal gesteht dem Einzelnen ein Budget von 600 kg CO2-Äquivalent pro Jahr zu.

Der Weltklimarat IPCC will sich hingegen nicht so genau festlegen. Er geht davon aus, dass das Zwei-Grad-Ziel mit einer 67-prozentigen Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann, wenn als weltweites Gesamtbudget 1170 Gigatonnen ab 2018 gelten. Würde die Menschheit also ab 2050 Netto-Null-Emissionen verursachen (ein weiteres der Klimaziele), könnte der Einzelne bis dahin noch über drei Tonnen pro Jahr emittieren.

Ein Flug kann also den persönlichen CO2-Fußabrduck für das ganze Jahr zerstören. Daher sollte sich jeder einzelne auch über die Klimawirkungen von Flügen bewusst sein. Aber wie oft fliegt man schon nach Los Angeles? Andererseits: Handelt es sich nicht beim Luftverkehr um einen Verkehrszweig, der noch immer von vergleichsweise wenigen Menschen genutzt wird und daher trotz des großen Wachstums und dem Preisverfall der Tickets über die vergangenen Jahre immer noch etwas elitäres an sich hat?

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Für 2019 wird der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an CO2 der Bundesbürger laut einer EU-Studie mit knapp über neun Tonnen veranschlagt, wobei auch an dieser Stelle unterschiedliche Zahlen zwischen acht und elf Tonnen (sauberenergie.de) kursieren. Laut Umweltbundesamt (Uba) betrug der Gesamtausstoß an CO2-Äquivalenten 2018 in Deutschland rund 865 Megatonnen (Millionen Tonnen).

Der Luftverkehr ab Deutschland hat dabei laut einer Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT) im Jahr 2018 gut 22 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Selbst wenn man sämtlichen Luftverkehr hierzulande sofort einstellen würde, würde Deutschland nur zwischen zwei und 2,5 Prozent seiner Gesamtemissionen einsparen.

Der Pro-Kopf-Verbrauch würde nur unwesentlich auf knapp unter neun Tonnen pro Jahr sinken und wäre damit immer noch mehr als dreimal so hoch als die optimistischsten Schätzungen für verantwortbar halten. Ein Zusammenhang, den das Digital-Magazin t3n.de mit dem Satz "Wenn die Flüge für jährlich rund 4,5 Milliarden Fluggäste bis zum Jahr 2100 entfallen würden, würde die Temperaturen jedoch nur um 0,03 Grad gesenkt werden" treffend ins Verhältnis setzt.

Treibhaus Erde

Der Klimawandel ist nach Meinung fast aller ernstzunehmenden Wissenschaftler in den relevanten Disziplinen Folge eines Ungleichgewichts im Energiehaushalt der Erde. Normalerweise halten sich die Energie, die die Atmosphäre von der Sonne aus erreicht - und zu einem wesentlich kleineren Teil vom heißen Erdkern - und die Energieabstrahlung der Erde in den offenen Weltraum die Waage.

Doch die Verbrennung fossiler Rohstoffe im großen Maßstab durch den Menschen hat die oberen Luftschichten mit Treibhausgasen geflutet, wodurch die Wärmeabstrahlung der Erde gemindert wird, die Moleküle "reflektieren" die Abstrahlung quasi zurück in Richtung Erde. Auf dieser wird es wie in einem Treibhaus immer wärmer.

Trotz des relativ geringen Anteils des Luftverkehrs am weltweiten CO2-Ausstoß gibt es natürlich nicht von der Hand zu weisende Vorwürfe: Da ist zum Einen der höhere Energieverbrauch gegenüber alternativer Transportarten, der proportional zu einem ebenso hohen CO2-Ausstoß führt. Zweitens muss das Ausbringen von Treibhausgasen in großer Höhe betrachtet werden, was deren Auswirkungen auf das Klima steigert - und drittens auch noch der Mix an Treibhausgasen, neben CO2 vor allem Wasserdampf und Stickoxide. Insgesamt muss man den Treibhauseffekt bei der Luftfahrt wohl mindestens mit dem doppelten Wert ansetzen, als er sich nur aus dem reinen CO2-Ausstoß der Flugzeuge ergeben würde.

Den größten Anteil an den CO2-Emissionen hatte 2016 laut Bundesumweltministerium (BMU) mit rund 38 Prozent die Energiewirtschaft, gefolgt von den Sektoren Industrie (20,7 Prozent) und Verkehr (18,2 Prozent, also gerundet 167 Millionen Tonnen).

Die dicken Brocken in der Emissionsbilanz des Durchschnittsdeutschen sind also bei weitem nicht Flugreisen, für sie veranschlagt das Umweltbundesamt 0,58 Tonnen CO2-Äquivalent pro Person und Jahr. Viel stärker zu Buche schlagen laut Bmu Heizen (1,75 Tonnen) und Ernährung (ebenfalls 1,75 Tonnen), die Mobilität am Boden (1,61 Tonnen), und Strom (0,79 Tonnen).

Auf die Art der Stromerzeugung im Land hat der Einzelne abgesehen von der eigenen Solaranlage auf dem Dach oder den Boykott der örtlichen Windkraftgegner, kaum Einfluss. Beides sind jedoch bescheidene Einflussmöglichkeiten, angesichts des enormen Bedarfs an sicherer Grundlast im Stromnetz. Trotzdem ist der Sektor prädestiniert für große Emissionseinsparungen.

Neun der zehn größten CO2-Emittenten in Europa sind Kohlekraftwerke, davon fünf in Deutschland. Zwar ist der Kohleausstieg für 2038 beschlossen, kommt nach Ansicht von Experten aber viel zu spät. Der CO2-Ausstoß aller deutschen Braun- und Steinkohlekraftwerke lag 2017 bei 242 Millionen Tonnen oder anders: Ein Jahr Kohle bedeuten derzeit so viel wie die CO2-Emissionen alle Flüge ab Deutschland - und zwar für zehn Jahre. Legt man eine Klimawirkung von CO2 im Luftverkehr, die sich um den Faktor zwei gegenüber bodennahen Emissionen erhöht, zugrunde, sind es immer noch fünf Jahre.

Jeder verheizt pro Jahr zehn Mallorca-Flüge

Der große Anteil des Heizens am persönlichen CO2-Fußabdruck überrascht einige vielleicht. 1,75 Tonnen CO2-Äquivalent, das sind laut Atmosfair fast zehn Flüge von Deutschland auf die Balearen im A320 Neo. Wer also Zeit und Kleingeld hat, von November bis April in seiner Finca zu weilen, muss nicht heizen und spart so 1,4 Tonnen Treibhausgas-Emissionen. Wer das zwei Winter hintereinander macht, hat den Hin- und Rück-Flug nach Los Angeles drin.

Alternativ würde es sich natürlich auch anbieten, in Deutschland einfach weniger zu heizen. Ein Ansatz ist energetische Sanierung - je besser die Dämmung, desto weniger Heizenergie wird gebraucht. Eine andere fast vergessene Praxis: Im Winter ist die Küche warm, und ansonsten mummelt man sich ein.

Ein weiterer großer Posten im deutschen CO2-Haushalt ist die Ernährung. Vor allem tierische Produkte brauchen teils beträchtliche Ressourcen. Das BMU veranschlagt für ein Kilo Käse beim Endverbraucher 8,5 Kilogramm CO2-Ausstoß, für ein Kilo Rindfleisch 13,3 Kilo CO2 und für ein Kilo Butter geht die Stadt Heidelberg gar von 23 kg CO2-Äquivalente aus. Oder anders: Fünf Kilo Butter sind einmal Berlin-Frankfurt und zurück in der A320 Neo.

Vier Jahre vegan leben spart CO2 für eine USA-Reise

Entscheidend für die Klimabilanz einzelner Lebensmittel sind dabei auch Transport und Lagerung. Regional und saisonal im Kühlschrank statt im Tiefkühlfach können aus Berlin-Frankfurt schnell Frankfurt-Mallorca machen. Und natürlich der Fleischverzicht. Das BMU rechnet mit durchschnittlich jährlich 940 Kilogramm CO2-Äquivalente für Veganer, 1160 Kilogramm für Vegetarier und 1760 Kilogramm für Fleischesser. Also: Vier Jahre vegan leben und das CO2-Budget für die Amerika-Flugreise wäre da - hin und zurück. Für viele wohl eher ein inakzeptabler Ansatz, weshalb man sich auch einem anderen Posten in der CO2-Bilanz der Deutschen zuwenden kann.

© Bündnis 90/Die Grünen, Lesen Sie auch: Fliegen in Zeiten des Klimawandels – eine Herausforderung Gastbeitrag

Vom BMU etwas nebulös mit "sonstiger Konsum" umschrieben, stecken die Deutschen fast die Hälfte ihres CO2-Ausstoßes in Dinge, die sich keiner der oben genannten Kategorien zuordnen lassen. Da wäre zum Beispiel das allgegenwärtige Streaming. Der französische Think Tank "The Shift Project" will errechnet haben, dass eine halbe Stunde Streaming 1,6 Kilogramm CO2-Äquivalenten entsprechen. Das würde bedeuten, dass die 73 Game-of-Thrones-Folgen zusammen auf 233 Kilo CO2-Ausstoß kommen. Das sind immerhin vier Inlandsflüge. Ein Klima-Comeback physischer Datenspeicher wie DVD und Blu Ray erscheint da gar nicht so abstrus.

Im vergangenen Jahr soll der weltweite Treibhausgas-Ausstoß durch Streamen bereits so hoch gewesen sein wie der ganz Spaniens. Diese Menge soll sich in den nächsten sechs Jahren sogar noch verdoppeln, schätzt The Shift Project. Übrigens: Die Auflösung der gestreamten Filme ist entscheidend. Wem Full HD nicht reicht, der sollte wissen, dass sein 4K-Genuss satte 30 Prozent mehr CO2 verbraucht. Auch hier ist Downsizing also eine Alternative beim Klima-Sparen.

Von: dk

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