Ein indisches Regierungsgremium schlägt eine neue Pilotenlizenz vor, die mehr Ausbildung in Simulatoren und weniger Flugzeit in echten Flugzeugen vorsieht. Ziel ist es, dem wachsenden Pilotenmangel im Land entgegenzuwirken. Das geht aus einem unveröffentlichten 19-seitigen Entwurfsbericht vom 3. Juni hervor, den Reuters eingesehen hat.
Konkret geht es um die Multi-Crew Pilot Licence (MPL), die die UN-Luftfahrtorganisation ICAO 2006 eingeführt hat und die in vielen Ländern Europas, Asiens und des Nahen Ostens neben traditionellen Ausbildungswegen genutzt wird.
Indien erwägt die Einführung dieser Lizenz, um Airlines beim Aufbau eines verlässlicheren Nachschubs an Nachwuchspiloten zu helfen, während die Fluggesellschaften ihre Flotten ausbauen.
Weniger Flugstunden, mehr Simulator
Nach dem vorliegenden Plan würden Flugschüler 100 bis 120 Stunden in Trainingsflugzeugen absolvieren, davon mindestens 20 Stunden solo – gegenüber mindestens 200 Stunden nach den bestehenden indischen Vorschriften.
Ein Großteil des verbleibenden praktischen Trainings würde in Simulatoren für kommerzielle Jets stattfinden. Dieser alternative Weg könne "den Zeitrahmen für Flugschüler verkürzen", heißt es in dem Entwurf.
"Wenn er mit einer starken Regulierungsaufsicht und einer Zusammenarbeit der Branche umgesetzt wird, kann der neue Lizenzierungsweg den Personalengpass verringern", zitiert Reuters den Entwurfsbericht des Regierungsgremiums.
Das Gremium steht unter der Leitung eines leitenden Beamten der indischen Luftfahrtbehörde DGCA und umfasst Vertreter von Indigo, Air India und Flugausbildungsorganisationen. Die Airlines wurden gebeten, auf den Plan zu reagieren; danach soll das Gremium einen Abschlussbericht an den Behördenchef vorlegen. Indigo, Air India und die DGCA antworteten auf Anfragen von Reuters nicht.
Pilotenmangel in Indien
Indien leidet unter einem erheblichen Pilotenmangel. Die größte indische Fluggesellschaft Indigo kommt laut dem Bericht auf lediglich 7,6 Piloten pro Schmalrumpfflugzeug – deutlich unter dem globalen Durchschnitt von rund zehn.
Im Dezember strich Indigo tausende Flüge, nachdem sie es versäumt hatte, sich ausreichend auf neue Vorschriften zur Begrenzung der Arbeitszeiten von Piloten vorzubereiten.
Die MPL, die unter anderem bei Qatar Airways und Easyjet für die Einstellung von Co-Piloten genutzt wird, ist in der frühen Phase einer Pilotenkarriere weniger flexibel im Wechsel zwischen Airlines. Das könnte indischen Carriern helfen, ihre Fluktuation zu reduzieren.
Widerstand aus der Ausbildungsbranche
Der Regierungsentwurf argumentiert, eine stärkere Nutzung von Simulatoren könne "das Betriebsrisiko senken" und Flugschülern gleichzeitig eine gezieltere Übung im Umgang mit kritischen Situationen und Notfällen ermöglichen. Das Modell reduziere die Ausbildungsstrenge nicht, sondern verlagere den Schwerpunkt hin zu strukturierter Simulation; es sollte nicht als "Abkürzung aufgrund geringerer Flugstunden missverstanden werden", heißt es.
Doch das Vorhaben hat bereits Kritik ausgelöst. Die Association of Flight Training Organisations warnte in einem Schreiben vom 9. Juni, dass eine Kürzung der Flugzeit in echten Flugzeugen die praktischen Fähigkeiten der Piloten und ihr Urteilsvermögen in unerwarteten Situationen schwächen könnte.
Die Vereinigung forderte, mindestens 150 Stunden in echten Flugzeugen vorzuschreiben – statt der im Entwurf vorgeschlagenen 100 bis 120 Stunden.
Der Entwurfsbericht selbst räumt ein, dass manche Piloten "schwächere praktische Flugintuition und weniger Selbstvertrauen im eigenständigen Umgang mit unerwarteten Situationen" entwickeln könnten.
Indigo hatte den MPL-Vorschlag laut Reuters während Konsultationen unterstützt: Ashim Mittra, Senior Vice President Flight Operations der Airline, schrieb demnach, die MPL sei notwendig, um "das Wachstum der Luftfahrt zu unterstützen und dabei Sicherheit als Grundlage zu gewährleisten".