Die indische Unfalluntersuchungsbehörde AAIB (Aircraft Accident Investigation Bureau) hat ein Jahr nach dem Absturz der Air-India-Boeing-787 in Ahmedabad noch immer keine Absturzursache benannt. Die Behörde erklärte, sie habe bei der Untersuchung von Flugzeugsystemen, Flugschreiberdaten, Triebwerkskomponenten sowie Wartungs- und Betriebsunterlagen "erhebliche Fortschritte" erzielt. Einen Zeitplan für den Abschlussbericht nannte sie nicht – dieser werde erst nach Abschluss aller Untersuchungsarbeiten und den erforderlichen internationalen Prüfungen veröffentlicht.
Die Maschine war am 12. Juni 2025 kurz nach dem Start in Ahmedabad abgestürzt – das schwerste Luftfahrtunglück weltweit seit einem Jahrzehnt. Insgesamt 260 Menschen kamen ums Leben.
Für die Familien der Opfer kommt die Erklärung zu spät. Mehr als 250 Angehörige, die rund 100 Opfer vertreten, kamen am Jahrestag in einem Hotel in Ahmedabad zusammen, um der Todesopfer zu gedenken und eine Lichterkette abzuhalten.
"Es ist 365 Tage her. Die Regierung hätte uns die Ursache des Absturzes nennen können müssen", sagte Tanay Gajjar, der seine Mutter Jaya verloren hatte. Der 18-jährige Vihar Parikh, dessen Großvater Chaitanya Parikh bei dem Unglück starb, berichtete, die Familie habe bis heute weder das Mobiltelefon noch die persönlichen Gegenstände des Verstorbenen erhalten.
Nach internationalen Regeln sollte ein Abschlussbericht "wenn möglich" innerhalb eines Jahres nach einem Unfall vorliegen; wird diese Frist nicht eingehalten, sind die Behörden verpflichtet, zum jeweiligen Jahrestag einen Zwischenbericht zu veröffentlichen. "Reuters" hatte bereits im vergangenen Monat berichtet, dass Ermittler angesichts der Komplexität der Untersuchung voraussichtlich nur einen solchen Zwischenbericht vorlegen würden. Eine mit dem Vorgang vertraute Person sagte am Donnerstag, die Verzögerung hänge mit dem noch ausstehenden Abschluss der Triebwerksanalyse zusammen.
Der vorläufige Untersuchungsbericht hatte gezeigt, dass die Kraftstoffsteuerventile beider Triebwerke der Boeing 787 nahezu gleichzeitig von der Stellung "RUN" auf "CUTOFF" gewechselt waren – und damit beiden Triebwerken kurz nach dem Start die Kraftstoffzufuhr entzogen. Gemäß einer frühen Einschätzung amerikanischer Behörden, deuten Aufzeichnungen des Cockpit-Stimmenrekorders darauf hin, dass der Kapitän die Kraftstoffzufuhr unterbrochen hatte.
In einem in dieser Woche von der "BBC" ausgestrahlten Interview wies Pushkar Raj Sabharwal, Vater von Kapitän Sumeet Sabharwal, Schuldzuweisungen an seinen Sohn zurück. Dieser habe die Maschine jahrelang ohne jeden Zwischenfall geflogen. "Wie können Sie ihm die Schuld geben?", sagte er.