Während des Startlaufs der Boeing 787-9 der Vietnam Airlines, die Mitte August in München erst hinter dem Ende der Piste abhob, waren die Bremsen des Flugzeugs aktiviert. Das geht aus dem Zwischenbericht hervor, den die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) am Montagabend veröffentlicht hat. Die Behörde führt das Ereignis darin als Unfall.
Drei Sekunden nachdem der Take-off/Go-around-Modus für den Startlauf aktiviert worden war, zeichnete der Enhanced Airborne Flight Recorder (EAFR) laut BFU eine Bewegung beider Bremspedale am linken Pilotensitz auf. Auf diesem Platz saß in der Startphase der steuerführende Pilot, ein 64-jähriger Kapitän. Der für diesen Flug verantwortliche Kapitän saß allerdings auf dem Jump-Seat.
Auch im weiteren Verlauf des Startlaufs registrierte der Rekorder Bremseingaben. Die Pedale am linken Sitz waren dabei maximal 7,2 Grad von möglichen 12,5 Grad ausgelenkt. Kurz vor dem Abheben lag die Bremsaktivierung links bei bis zu 27 Prozent und rechts bei bis zu 17 Prozent.
Etwa auf Höhe der Einmündung des Rollwegs B4 fanden die Ermittler Reifenspuren beider Hauptfahrwerke auf der Piste. Die BFU hat die Brake System Control Units und die Electric Brake Actuator Controllers sichergestellt und lässt sie nun im Detail untersuchen.
Rotation erst an der Pistenschwelle
Für den Start hatte die Besatzung eine Entscheidungsgeschwindigkeit V1 von 169 Knoten und eine Rotationsgeschwindigkeit von 175 Knoten ermittelt.
Die Rotation begann allerdings bereits bei 163 Knoten etwa auf Höhe der Schwelle 08R, also am Ende der 4000 Meter langen Piste 26L. Die Maschine rollte über den 60 Meter langen Clearway hinaus und hob im Gras dahinter ab. Die Reifenspuren enden rund 240 Meter hinter der Schwelle. Heck und Reifen beider Hauptfahrwerke trafen dabei Teile der Anflugbefeuerung, insgesamt 20 Lampen wurden beschädigt.
Die V1 erreichte die Boeing erst in elf Fuß Höhe über Grund. Eine Sekunde später lag der Anstellwinkel bei 14 Grad, und der automatische Strömungsabrissschutz der 787 fuhr die Vorflügel vollständig aus. Der Rekorder zeichnete außerdem einen Tailstrike auf.
Zwei Anflüge mit ausgefahrenem Fahrwerk
Die Besatzung setzte nach dem Start eine Pan-Pan-Meldung ab und kündigte die Rückkehr an. Auf Flugfläche 90 übernahm der zweite im Cockpit anwesende Kapitän, der bis dahin auf dem Jumpseat gesessen hatte, die Rolle des steuerführenden Piloten. Anschließend ließ die Crew binnen rund 45 Minuten 62 Tonnen Treibstoff ab.
Zweimal flog die 787 die Piste 26R mit ausgefahrenem Fahrwerk an, damit Bodenpersonal das Hauptfahrwerk begutachten konnte, und startete jeweils durch. Um 15:56 Uhr Ortszeit landete die Maschine mit einer Masse von 176,5 Tonnen auf der Piste 26R. Vier Reifen des linken Hauptfahrwerks wurden beschädigt. Dort bildete sich Rauch, ein Feuer stellte die Feuerwehr nicht fest.
Die 271 Passagiere, zwölf Flugbegleiter und vier Piloten verließen das Flugzeug auf dem Rollweg A6 über zwei mobile Treppen. Verletzt wurde niemand.
Tonaufnahme des Starts überschrieben
Eine Audioaufzeichnung aus dem Cockpit steht den Ermittlern für den Start nicht zur Verfügung. Die Sprachrekorder speichern jeweils nur zwei Stunden. Da die Landung mehr als zwei Stunden nach dem Start stattfand, war die Aufnahme bereits überschrieben. Die Flugdaten beider Rekorder konnte die BFU dagegen problemlos auslesen.
Die Untersuchung ist mit der Vorlage des Zwischenberichts nicht abgeschlossen. Die BFU ermittelt nach eigenen Angaben weiter.
Kurz nach dem Vorfall hatte die BFU bereits mitgeteilt, dass das Heck in der Rotationsphase den Boden berührt hatte.