Der Condor-Mehrheitseigner Attestor will nach Angaben einer mit dem Vorgang vertrauten Person die verbliebenen 49 Prozent der Anteile an der Ferienfluggesellschaft Condor vom deutschen Staat übernehmen. Die Transaktion solle bis zum 30. September abgeschlossen werden, sagte die Person der Nachrichtenagentur "Reuters".
Damit zieht der britische Finanzinvestor eine Kaufoption, deren Konditionen bereits beim Einstieg von Attestor im Jahr 2021 festgelegt worden waren. Möglich wird der Schritt, nachdem Condor einen ausstehenden Kredit bei der staatlichen Förderbank KFW vorzeitig getilgt hat.
Mit der Übernahme der restlichen Anteile ginge Condor vollständig in den Besitz von Attestor über. Bislang sind der Bund und das Land Hessen an der Fluggesellschaft beteiligt, nachdem diese 2019 infolge der Pleite des früheren Mutterkonzerns Thomas Cook und 2020 während der Corona-Krise mit staatlicher Hilfe gerettet werden musste.
Attestor und Condor äußerten sich auf Anfrage nicht zu den Plänen, auch die Bundesregierung wollte den Vorgang nicht kommentieren.
Suche nach strategischem Partner geht unabhängig weiter
Die Suche nach einem strategischen Co-Investor – vorzugsweise einer größeren Fluggesellschaft oder Airline-Gruppe, mit der Condor wachsen könnte – laufe unabhängig von der Übernahme weiter, sagte der Insider. Zeitdruck bestehe dabei keiner.
Bereits im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Attestor einen Minderheitsanteil an Condor abgeben möchte. Der unabhängige Branchenexperte John Strickland erklärte dazu, der Finanzinvestor benötige als Condor-Eigner die Expertise eines strategischen Partners.
Attestor hatte im Mai 2021 zunächst 51 Prozent an Condor übernommen und dabei 450 Millionen Euro eingebracht – 200 Millionen Euro als Eigenkapital sowie eine weitere Zusage über 250 Millionen Euro für die Flottenmodernisierung. Der Vermögensverwalter, der vor allem für Universitätsstiftungen und Family Offices investiert, hatte das Engagement bei Condor damals als längerfristig bezeichnet. Attestor verwaltet nach eigenen Angaben ein Vermögen von rund zehn Milliarden US-Dollar.
Condor gilt als zu klein für den Alleingang
Condor betreibt eine Flotte von knapp 60 Maschinen, beschäftigt rund 5500 Beschäftigte und befördert knapp zehn Millionen Passagiere im Jahr. Die Fluggesellschaft gilt dennoch als zu klein, um langfristig im Wettbewerb bestehen zu können.
Condor-Chef Peter Gerber bekräftigte zuletzt im Magazin "Stern", Condor werde "wahrscheinlich an einem größeren Konglomerat andocken". Aus kartellrechtlichen Gründen ausgeschlossen sei dabei nur der deutsche Konkurrent Lufthansa. Als mögliche Interessenten kämen laut Gerber die Golf-Carrier oder Turkish Airlines infrage. Eine Anfrage von "Reuters" ließ Turkish Airlines zunächst unbeantwortet.
Airline-Branche in Europa bereits in Bewegung
Neben Condor bieten sich Investoren derzeit weitere Gelegenheiten am europäischen Luftfahrtmarkt: Die portugiesische Staatsairline Tap Air Portugal wird teilprivatisiert, und um den britischen Billigflieger Easyjet ist ein Bieterkampf entbrannt.
Der wachsende Kostendruck durch den Irankrieg, der Kerosin stark verteuert hat, könnte nach Einschätzung von Branchenexperten wie IATA-Chef Willie Walsh oder Ryanair-Finanzchef Neil Sorahan zudem zu weiteren Übernahmen und Pleiten schwächerer Fluggesellschaften führen.