Der Flughafen Frankfurt hat die ersten beiden Flugsteige mit Bluetooth Auracast für Ansagen ausgestattet. Dank Auracast ist es nun möglich, sich mit handelsüblichen Kopf- und Ohrhörern, aber auch Hörgeräten oder bald Cochlea-Implantaten in die Gates analog zu WLAN-Access-Points einzuwählen, um direkt den Ansagen zu lauschen.
Die Hardware muss dafür natürlich Auracast verstehen. Die Auswahl ist aber bereits recht groß, vor allem bei teuren Stöpseln von Earfun, Google, JBL, Samsung, Sennheiser und Sony sowie Hörgeräten.
Die Technik samt Softwareumsetzung für die Ansagesysteme kommt vom Unternehmen Sittig Technologies, dessen Zentrale nicht weit vom Flughafen entfernt ist. Sittig ist in zahlreichen Flughäfen mit seiner Ansagetechnik vertreten. In Deutschland beispielsweise am Flughafen Frankfurt, aber auch in München.
Die nun gestartete Pilotphase von Fraport und Sittig Technologies hat mehrere Ziele. Zum einen wollen beide in den nächsten zwei Monaten Erfahrungen sammeln. Für Sittig ist die Installation auch ein Referenzobjekt, das sich andere Flughäfen anschauen können. Interessanterweise fand sich im Publikum während der Präsentation auch ein Mitarbeiter des Flughafen München, der Fragen stellte.
Ausgestattet wurden zunächst die beiden Gates A16 und A17 im Terminal 1, die vorwiegend Lufthansa-Flüge abfertigen. Für das Gate-Personal ist dabei keine Umgewöhnung notwendig, denn Auracast wurde als Retrofit-Lösung einfach in die Mikrofon-Einheiten nachträglich installiert und die Software angepasst.
Retrofit: In die Mic-Station Paxmodular wurde einfach ein Auracast-Modul integriert. : Detailaufnahme einer Paxmodular-Mic-Station mit Schwanenhals-Mikrofon und numerischem Tastenfeld; das Auracast-Modul wurde nachgerüstet. Auf grauem Tisch liegen schwarze Over‑Ear‑Kopfhörer, ein Tablet und ein Blatt mit QR‑Code; gelbe Flächen im Hintergrund. © airliners.de / Andreas Sebayang
Es gibt keinen Auracast-Knopf. Stattdessen werden die manuellen Ansagen gleichzeitig per Auracast als auch über die Lautsprecheranlage ausgestrahlt. Auracast ist sozusagen ein digitaler zweiter Lautsprecher-Weg – direkt in die Ohren der Fluggäste.
Im Hintergrund wird Auracast direkt unterstützt, ohne dass das Personal das wissen muss. : Vordergrund: ein weißer Fujitsu-Monitor zeigt eine Fraport-Gate-UI mit Flugnummer LH 1234, Ziel/Code FRA und Zeitangabe. Auf dem Bildschirm sind Gate A16, Boardinggruppen sowie Häkchen und ein rotes X zu sehen. Im Hintergrund unscharfe Personen im Terminal. © airliners.de / Andreas Sebayang
Dazu kommen automatische, mehrsprachige Ansagen, die ebenfalls auf diesem Weg ausgestrahlt werden, ohne dass sich das Gate-Personal um die Technik sorgen muss. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Telecoil-Induktionsanlagen. Denn diese sind dem Vernehmen nach sehr störempfindlich. Schon ein mobiler Monitor kann im ungünstigsten Fall so eine Anlage für Hörgeräte so stark stören, dass sie nicht mehr funktioniert.
Auracast ist als Bluetooth-Technik hingegen sehr robust, schließlich muss sich Bluetooth gegen allgegenwärtige WLAN-Strahlungen auf 2.4 GHz behaupten, was die Bluetooth-Technik durch ständiges "Hüpfen" innerhalb des Frequenzbandes schafft.
Auracast ist robust gegen Störungen
Wie Sittig Technologies gegenüber airliners.de erklärte, gab es während der Entwicklung fast keine Probleme mit Störungen. Die Reichweite ist zudem gut, selbst wenn der Auracast-Sender in den Mic-Stations eingebaut wird, reicht das bis in die Nachbar-Gates.
Um Auracast zu nutzen, gibt es verschiedene Kanäle, die jeweils den Gates zugeordnet werden. Ähnlich wie bei der Auswahl eines Wifi-Zugangs, wählen Fluggäste über ihr Smartphone den passenden Kanal. Derzeit ist es ein Kanal pro Gate. Bei einem kompletten Ausrollen der Technik würde man vermutlich auch einen Kanal anbieten, der für das gesamte Terminal gilt.
Auracast-Auswahl in Android 16 bei einem IT-Journalist : Nahe Aufnahme einer Hand, die ein Smartphone in einer hellvioletten Hülle hält. Auf dem Display ist die Sony-App mit dem Menü 'Audiostream finden' und mehreren Auracast-Streams sichtbar. Aufnahme auf einer Messe mit stehenden Personen und grauem, strukturiertem Boden. © Allround-PC / Andreas Sebayang
Doch bis solche Überlegungen umgesetzt werden können, gilt es erst einmal Erfahrungen zu sammeln und die Fluggäste für die Technik zu sensibilisieren. Denn die kennen Auracast vielleicht nicht.
So gab etwa Marcel Brühne, bei Fraport zuständig für Passenger Solutions, in einem Panel zu, dass selbst er von der Auracast-Technik erst durch die Gespräche zur Umsetzung des Pilotprojekts erfahren habe.
Auch airliners.de hat im Luftfahrtumfeld mehrfach festgestellt, dass Auracast oft erst noch erklärt werden muss. Das gilt aber nicht nur für die Luftfahrtbranche, sondern auch für die IT. Auch hier gibt es Defizite, von allem im Endkundenbereich.
Es ist nämlich gar nicht so einfach, herauszufinden, ob der eigene Kopfhörer Auracast versteht. Manche Hersteller vermeiden den Begriff oder wählen andere Begriffe wie Shared Audio, Audio Sharing oder Broadcast. Nur in der Hörgeräteindustrie wird konsequent Auracast als Name verwendet.
Der Flughafen will mit passenden Schildern die Fluggäste dazu animieren, es auszuprobieren. So gibt es am Gate A16 etwa ein großes aufgeklebtes Plakat, welches auf Auracast aufmerksam macht. Zum einen gibt es das blaue Symbol mit dem Ohr, das man von Telecoil-Anlagen kennt – jetzt allerdings mit einem großen A in der Ecke. Und zum anderen einen QR-Code mit dem offiziellen Auracast-Logo in der Mitte.
Statt einem T für Telecoil steht jetzt ein A für Auracast im Symbol für Hörgeräte. : Nahaufnahme eines glänzenden Aufklebers an einem weißen Pfeiler in einem Flughafen-Terminal. Oben blaues Hörgerät‑Symbol mit großem Buchstaben A statt T, rechts ein QR‑Code. Unter dem Symbol zweisprachiger Text, der informiert, dass Durchsagen per Auracast am Gate A16 empfangen werden können. Gleichmäßige Innenraumbeleuchtung, neutrale Farben (weiß, blau, grau). © airliners.de / Andreas Sebayang
Wer ein Android-Smartphone hat, der kann den Code einfach mit der Kamera scannen. Alternativ gibt es bei einigen Kopfhörer-Apps einen QR-Code-Scanner. Den müssen etwa Apple-Nutzer für QR-Codes verwenden, denn Apple versteht das Auracast-Format noch nicht.
Einfacher ist es dann in der Regel im Auracast-Scanner nach der richtigen Ansagequelle zu suchen, wie man es von WLAN-Scannern kennt, um den Internetzugang im Flughafen einzurichten. Das unterscheidet sich aber bei Auracast von Smartphone zu Smartphone.
Praxistest am Flughafen
airliners.de hat das System am Flughafen auch ausprobiert. Wir waren die einzigen, die technische Probleme hatten. Denn wir hatten Sennheiser-Auracast-Ohrhörer mitgebracht, die noch etwas instabil sind. Für die Präsentation wurden aber viele andere Geräte bereitgestellt. Manch einer konnte auch sein privates Hörgerät verwenden.
Auch für Hersteller- und Entwickler des Smartphone-Umfelds war die Veranstaltung erstaunlich wichtig. Google, als Entwickler von Android, schickte gleich zwei Software-Entwickler aus den USA nach Frankfurt am Main, um sich das System anzuschauen und ein Panel zu begleiten.
Wir haben zwar versucht, mit ihnen über Auracast zu sprechen, sie verwiesen aber darauf, dass Google ihnen nicht erlaubt, mit Presse zu sprechen. Google sprach in einem Panel über die Integration von Auracast in Android, doch gerade dort hapert es an erstaunlich vielen Stellen noch, auch wenn Google weiter ist als Apple oder Microsoft ist.
Samsung war da offener. Gut ein halbes Dutzend Leute waren anwesend, teils aus Südkorea. Sie zeigten sogar offiziell das neue Betriebssystem One UI 8.5 mit deutlich verbesserter Auracast-Unterstützung auf Galaxy-Smartphones, die samt Auracast-Galaxy-Buds auch ausprobiert werden konnten.
Samsung stellte Testequipment mit One UI 8.5 zur Verfügung. : Nahaufnahme eines Innenraum-Testtisches: mehrere dunkle Smartphones liegen in einer Reihe, darauf sind weiße kabellose Earbuds angeordnet. Der Tisch hat eine gelbe Kante; im Hintergrund unscharf ein Monitor, eine beige Tastatur und Papiere zu sehen. © airliners.de / Andreas Sebayang
Es gab deutliche Unterschiede im Vergleich zu unserem letzten Auracast-Test. Der erste Eindruck war jedenfalls gut, denn Auracast wird sehr prominent in das Betriebssystem integriert.
Das könnte sogar für Reisegruppen am Flughafen interessant sein, denn die gezeigten Galaxy-Smartphones erlaubten sogar das Senden von Auracast. Eine gute Ergänzung für das Fähnchenhochhalten in Terminals.
Die neue Software wird auch für Bestandsgeräte ausgeliefert, wahrscheinlich um den nächsten Quartalswechsel. Aktuell ist die Software noch eine Betaversion.
Hörgeräte-Community ist gespannt
Ebenfalls anwesend war der Hörgerätehersteller GN Resound aus Dänemark, da Auracast auch hier große Vorteile bietet. In der Hörgeräte-Community, die mit sehr vielen Gästen vertreten war, wurde der Pilot mit viel Spannung und Hoffnung erwartet, denn Flughäfen haben hier häufig zahlreiche Defizite, die sich technisch aber nur mit viel Aufwand lösen lassen. Auracast ist hingegen eine Technik, die schnell umgesetzt werden kann.
Auracast-Hörgeräte in Frankfurt von GN Resound. : Nahaufnahme einer Messeausstellung: Vier offene dunkle Ladeetuis mit kleinen Auracast-Hörgeräten stehen auf einem weißen, runden Stehtisch. Dahinter sind fünf Smartphones mit orangefarbenen Hüllen auf transparenten Ständern zu sehen. Hintergrund unscharf, Innenraumbeleuchtung deutet auf Messe- oder Präsentationsumgebung hin. © airliners.de / Andreas Sebayang
So hat etwa GN Resound spontan eigene Hardware mitgebracht, um das Visitor Center des Flughafens Auracast-fähig zu machen. Dort fand das Abschlusspanel statt. GN betonte zudem, dass das Anbieten von Auracast den Stress für alle reduziert. Nicht nur für Fluggäste mit Hörhilfen, sondern auch Fluggäste, die von einem lauten Gate genervt sind.
Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung (ANC) und Auracast-Unterstützung sind hier eine interessante Option, um trotzdem noch Ansagen hören zu können.
Die Bluetooth Special Interest Group (SIG), verantwortlich für den Bluetooth-Standard, zu dem Auracast gehört, tourt schon seit mehreren Jahren zu dem Thema durch die Welt. Auf internationalen Messen, wie der CES Las Vegas, der Computex Taipei oder der Ifa in Berlin zeigte die SIG dort auch jeweils ein Flughafen-Umfeld als Beispiel an. Die Umsetzung des Piloten von Fraport und Sittig Technologies entspricht weitestgehend dem, was die SIG sich damals schon vorstellte.