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Lufthansa droht mit betriebsbedingten Kündigungen

Die Verhandlungen zwischen Lufthansa und den Mitarbeitervertretern von Piloten, Flugbegleitern und Bodenpersonal stocken. Nun droht die Fluggesellschaft mit betriebsbedingten Kündigungen. Gewerkschaften werfen dem Arbeitgeber im Gegenzug eine "Blockadehaltung" vor.

Lufthansa-Stewardess auf einer Messe © dpa / Inga Kjer

Die Lufthansa verschärft angesichts stockender Verhandlungen mit den Gewerkschaften in der Corona-Krise ihre Gangart beim Abbau Tausender Arbeitsplätze. Der Plan, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, sei angesichts der Entwicklungen im weltweiten Luftverkehr und der Verhandlungen mit den Gewerkschaften auch für Deutschland nicht mehr realistisch, teilte der inzwischen teilverstaatlichte Konzern jetzt mit.

In einem Brief an die Mitarbeiter beklagt der Unternehmensvorstand nun die fehlenden Krisenvereinbarungen mit den Gewerkschaften in Deutschland. Der bislang erreichte Personalabbau um 8300 Mitarbeiter sei fast ausschließlich im Ausland verwirklicht worden. "Auf diese Situation können wir nicht mit den Methoden, Prozessen und Zeithorizonten der Vergangenheit reagieren", betonen Spohr und die übrigen Vorstände.

Nach wie vor habe der Vorstand das Ziel, in Deutschland mit möglichst wenig betriebsbedingten Kündigungen auszukommen, so Spohr. "Ich glaube keine Airline der Welt kommt ohne Entlassungen durch diese Krise, wir wären gerne die einzige gewesen die das schafft, aber danach sieht es in aller Ehrlichkeit derzeit nicht aus."

Die Corona-geschwächte Lufthansa verhandelt bereits seit Monaten mit seinen Beschäftigten über Einsparungen beim Personal. Verhandlungspartner sind dabei die Gewerkschaften Vereinigung Cockpit (Piloten), Ufo (Flugbegleiter) und Verdi (Bodenpersonal).

In einem Pressegespräch zeigte sich Spohr verärgert über den schleppenden Verlauf der Verhandlungen. "Nach 60 Tagen haben wir immer noch keine Lösung. In nahezu allen anderen Ländern mit großen Airlines ist die bereits gefunden." Sogar die komplizierten Verhandlungen mit der Bundesregierung über Staatshilfen habe man wesentlich schneller über die Bühne gebracht. "Ich bin ein großer Fan der Mitbestimmung," so Spohr, "aber das kann nicht sein." Man sei es den Mitarbeitern daher schuldig gewesen, reinen Wein einzuschenken und Entlassungen nicht mehr auszuschließen.

Zwar sei es, bis Kündigungen tatsächlich ausgesprochen werden, immer möglich, diese durch Vereinbarungen mit den Arbeitnehmern zu Arbeitszeit- und Vergütungsmodellen noch zu verhindern, "aber wir halten das derzeit für wenig realistisch, sie ganz zu vermeiden", sagte der Vorstandsvorsitzende. Den mittelfristigen Personalüberhang bei der Kernmarke Lufthansa bezifferte der CEO auf fast 5000 Stellen: 800 Piloten, 2500 Flugbegleiter und 1500 Bodenbedienstete seien zu viel an Bord.

Gewerkschaften stellen Forderungen

Lufthansa und Verdi setzen Verhandlungen am Freitag fort. Bei den rund 35.000 Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals hatte Verdi einen verlässlichen Kündigungsschutz als Gegenleistung für die Einsparungen verlangt. "Durch staatliche Hilfen konnte die drohende Insolvenz verhindert werden.

"Jetzt ist Lufthansa in der Verantwortung, Arbeitsplätze zu sichern und mit ihren Forderungen nicht die Beschäftigten zu überfordern", forderte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle am Donnerstag. Ein Krisenpaket müsse neben der Sicherheit der Beschäftigten auch die mittelfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichern.

"Die Blockadehaltung des Unternehmens zieht die Verhandlungen in die Länge und schafft große Unsicherheit und Zukunftsängste für die Beschäftigten. Es ist nicht akzeptabel, dass die Beschäftigten am Boden höhere Beiträge als die Kabinenbeschäftigten leisten", betonte Behle.

Ein Sprecher der Vereinigung Cockpit verwies auf die laufenden Verhandlungen. Erst nach Abschluss könne man sagen, ob es vereinzelte Personalüberhänge gebe. Innerhalb der Pilotengewerkschaft hatte es Konflikte zwischen der Tarifkommission, dem Vorstand und Piloten anderer Lufthansa-Konzerngesellschaften gegeben. Die Gewerkschaft will unter anderem mit Gehaltsverzicht, Teilzeitregeln und Vorruhestand erreichen, dass möglichst kein Pilot entlassen wird.

© dpa, Helmut Fohringer/APA Lesen Sie auch: "Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften ist derzeit sehr gering" Interview

Die Ufo mahnte vom Unternehmen erneut konkrete Umsetzungspläne für Arbeitszeitverkürzungen und Abfindungen an. "Jetzt mit Kündigungen zu drohen, ist unnötig und in der Kabine sogar vertragswidrig", sagte Ufo-Geschäftsführer Nicoley Baublies.

Für die Flugbegleiter hatte deren Gewerkschaft Ufo zwar Eckpunkte einer Spar-Vereinbarung unterschrieben, deren Volumen rund 2600 Stellen entsprechen solle. Inzwischen verlangt die Gewerkschaft aber Nachverhandlungen, weil das Unternehmen noch keine Konzepte zur Arbeitszeitverkürzung und Abfindungen vorgelegt habe.

Angekündigte Entlassungen beschäftigt auch Politik

Politischen Gegenwind aus Berlin erwartet Spohr nicht, sollten betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Zwar habe man sich im Rahmen der Gewährung von Staatshilfen zu dem Ziel bekannt, Kündigungen möglichst zu vermeiden, aber es sei Konsens mit der Bundesregierung, dass diese sich aus allen operativen Entscheidungen raushalte. Der Lufthansa-Vorstand solle tun was nötig ist, um Lufthansa wettbewerbsfähig aus der Krise zu führen, darin seien sich die politischen Protagonisten einig.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Bernd Westphal, kritisierte im "Handelsblatt" die Ankündigung betriebsbedingter Kündigungen. "Die staatliche Beteiligung hat das Ziel, möglichst allen Beschäftigten eine Perspektive im Unternehmen zu ermöglichen. Diese Erwartung hat die SPD", sagte er. Die laufenden Gespräche der Sozialpartner sollten nicht mit öffentlichen Verlautbarungen über Zwischenergebnisse "behindert werden", warnte der SPD-Politiker.

Linken-Chef Bernd Riexinger forderte mit Blick auf das neun Milliarden Euro schwere Rettungspaket des Bundes: "Das bisschen Einfluss, das die Regierung im Unternehmen hat, muss sie jetzt nutzen, und sich endlich für die Beschäftigten einsetzen."

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dagegen äußerte Verständnis für Spohrs Ankündigungen. Es sei eine Illusion, mit Milliardenhilfen nötige unternehmerische Entscheidungen verhindern zu können, sagte er dem "Handelsblatt". Wenn die Nachfrage fehle und Märkte auf Dauer wegbrächen, werde es ohne Kapazitätsanpassungen nicht gehen.

Lufthansa erwartet anhaltenden Nachfragerückgang

Die Lufthansa will weltweit rund 22.000 Vollzeitstellen abbauen und verhandelt mit der Arbeitnehmerseite über ein Entgegenkommen, um die Einschnitte zu begrenzen. "Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs", sagte Vorstandschef Carsten Spohr. "Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau." Vor allem auf den Langstreckenverbindungen werde es keine schnelle Erholung geben.

© Lufthansa, Oliver Roesler Lesen Sie auch: Lufthansa verbucht im Corona-Quartal 1,5 Milliarden Euro Verlust

In den kommenden Wochen soll über die endgültige Stilllegung einzelner Flugzeugtypen und Teilflotten entschieden werden. Dort könnten Personalüberhänge über Jahre hinweg entstehen. Lufthansa ist zudem nicht bereit, die Fluglizenzen der Mitarbeiter für ausgemusterte Flugzeugtypen aufrecht zu erhalten. Bereits bekannt sind die Schließungspläne für Germanwings und die deutsche Tochter des Joint Ventures mit Turkish Airlines, Sunexpress.

Von: dh, dk mit dpa, AFP

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