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Nach einem Jahrzehnt der Geheimhaltung nimmt eines der geheimnisumwittertsten europäischen Luftfahrtprojekte Gestalt an:
Der X9-Hubschrauber wird jetzt als möglicher Nachfolger des leichten zweimotorigen Hubschraubers H145 von Airbus Helicopters gehandelt.
Der X9 war eines von zwei geheimen Projekten, die der ehemalige Hubschrauber-Chef Lutz Bertling 2012 kurz skizziert hatte. Daneben gab es noch den X6 SuperPuma, der aber später fallen gelassen wurde.
Seither ist wenig über das Schwesterprojekt X9 bekannt geworden - oder ob es das Projekt überhaupt noch gibt.
In einem Berlin-Bericht der deutschen Niederlassung von Airbus Helicopters aus dem Jahr 2020 hieß es, der Vorstand sei über die X9 und nicht näher spezifizierte "weitere Schritte" informiert worden.
Später erklärte Airbus Helicopters, dass man sich darauf konzentrieren werde, "die Zukunft der zivilen Hubschrauber" in Donauwörth zu sichern. Laut Linkedin-Jobbezeichnungen hat die X9 auch ein Programmbüro in Donauwörth.
Airbus X6 Helikopter-Konzept. Viel mehr als diese Zeichnung gab es nie. © Airbus
In der bayerischen Stadt werden die zweimotorigen Hubschrauber H135 und H145 hergestellt, während andere zivile Programme hauptsächlich im französischen Marignane angesiedelt sind, wo der weltweit größte Hersteller von Zivilhubschraubern seinen Sitz hat.
Angesichts des anhaltenden Absatzbooms hat sich Airbus bisher darauf beschränkt, die H145, die auf ein deutsch-japanisches Projekt aus den 1990er Jahren zurückgeht, zu modernisieren und mit einem zusätzlichen Rotorblatt auszustatten.
Codenamen X9
Hinter verschlossenen Türen untersucht Airbus jedoch einen möglichen Nachfolger der H145 unter dem Codenamen X9 und ist bereit, die Idee über das Reißbrett hinaus weiterzuentwickeln. Jetzt begibt man sich auf die Suche nach Antriebsoptionen für einen geplanten Demonstrator, so die Quellen gegenüber Reuters.
Ein Demonstrator ist noch kein Vorserienfluggerät, es dient der Erprobung einer Technologie, die zu einem bestimmten Produkt führen kann – oder auch nicht. Zum X3, einer Hybridkonstruktion aus senkrecht startendem und landenden Helikopters und einem schnellfliegenden Propellerflugzeug, gab es das sogar schon.
Airbus X3-Racer-Konzept: Ein Technikdemonstrator, der als Hybridkonstruktion die Vorteile eines senkrecht startenden und landenden Helikopters mit einem schnellfliegenden Propellerflugzeugen. © Airbus
Da die Nachfrage nach der modernisierten H145 nach wie vor hoch sei, liege eine Entscheidung über die Markteinführung noch in weiter Ferne, so die Quellen. Die Entwicklung eines neuen Hubschraubers kann sieben bis zehn Jahre dauern und eine Milliarde Dollar kosten.
In einer Stellungnahme gegenüber Reuters antwortete Airbus nicht direkt auf Fragen zum X9, sagte aber: "Als Marktführer beschäftigen wir uns natürlich mit der nächsten Generation von Hubschraubern.
"Wir arbeiten derzeit an mehreren Forschungs- und Technologiebausteinen, die darauf abzielen, unsere Flugzeuge effizienter zu machen und gleichzeitig Leistung und Einsatzflexibilität zu bieten."
Nationale Barrieren verschwinden allmählich
Der H145 ist sehr erfolgreich. Bislang hat Airbus 1600 der Helikopter in verschiedenen Versionen für medizinische, polizeiliche und andere Aufgaben gebaut. Im Jahr 2022 hatte Airbus 83 der H145 verkauft, die zweitmeisten nach der H125/130 "Squirrel".
Nach Angaben des US-Beratungsunternehmens Chase & Associates konkurriert die H145 unter anderem mit der AW169 von Leonardo. Beide Flugzeuge werden in dieser Woche auf der Pariser Luftfahrtschau zu sehen sein, die H145 in der kürzlich vorgestellten Militärversion.
Jeder künftige Nachfolger der H145 würde den deutschen Teil von Airbus Helicopters wiederbeleben. Aus dem X4-Projekt wurde sogar bereits die H160, ein Mehrzweckhubschrauber, der im Juni 2015 seinen Erstflug absolviert hat. Die H160 ist als Nachfolger der H155, zwischen der H145 und der H175 des positioniert.
Aus dem X4 wurde bereits der Airbus Helicopters H160. © Airbus
Airbus Helicopters entstand 1992 aus der Fusion von Abteilungen der französischen Aerospatiale und der deutschen MBB, um den amerikanischen Konkurrenten Bell, Boeing und Sikorsky Paroli zu bieten. Später kam Spanien hinzu. Bis 2014 war das Unternehmen unter dem Namen Eurocopter bekannt.
Obwohl Airbus seine zersplitterten nationalen Aktivitäten später in einem Unternehmen zusammenfasste, galt die Hubschrauberbranche bis vor kurzem als effektiv in ein französisches und ein deutsches Lager gespalten.
Diese Barrieren verschwinden allmählich, da Airbus Helicopters ein System einführt, bei dem spezialisierte Standorte wichtige Teile vormontieren, die dann an einem Standort zur Endmontage zusammengeführt werden.
Dieses System, das für die Airbus-Passagierflugzeuge entwickelt wurde, wird nun auch in den Hubschrauberwerken eingeführt, beginnend mit dem neuen H160 in Marignane.
Airbus Deutschland hat auch mit der Fertigung von Teilen für den ehemals rein französischen Bestseller H125/130 begonnen, für den kein unmittelbarer Ersatz in Sicht ist.