In Europa droht trotz der Iran-Krise kein Kerosinmangel. Das hat EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas in einem Interview mit "Reuters" erklärt.
"Es gibt derzeit keine Kerosin-Knappheit in Europa. Wir sehen keine Anzeichen, dass es in den kommenden Monaten eine geben wird", sagte Tzitzikostas. Regionalen Flughäfen komme dabei das größte Versorgungsrisiko zu. Auch Frankreich meldet keine Engpässe: Verkehrsminister Philippe Tabarot erklärte, sein Land habe weder bei Kerosin noch beim Kraftstoff für den Straßenverkehr ernsthafte Versorgungsprobleme zu erwarten.
Die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, ist seit rund drei Monaten weitgehend geschlossen. Dadurch fehlen dem Weltmarkt täglich rund 14 Millionen Barrel Öl – etwa 14 Prozent der globalen Nachfrage. Der Nahe Osten deckt normalerweise rund 20 Prozent des europäischen Kerosinbedarfs. Die entstandene Lücke wird laut Kommissar bislang vor allem durch Lieferungen aus den USA und Nigeria gefüllt.
Auch laut Bundeswirtschaftsministerium hierzulande gibt keine Knappheiten bei Treibstoffen. Derzeit gebe es keine physischen Knappheiten bei Kerosin noch bei anderen Rohöl- und Mineralölprodukten in Europa, sagte ein Sprecher in Berlin. Die Raffinerien produzierten weiter, betonte der Sprecher. Man habe die Lage aber im Blick und spreche mit Vertretern von Raffinerien, Gas- und Ölsektor, Mineralölwirtschaft und Luftfahrt.
Airlines streichen Routen, Passagiere zahlen später mehr
Das eigentliche Problem ist der Preisanstieg. Kerosin macht laut IATA zwischen 25 und 30 Prozent der Betriebskosten von Fluggesellschaften aus. Analysten rechnen damit, dass der Ölpreis in diesem Jahr im Schnitt bei rund 90 Dollar (rund 77 Euro) pro Barrel liegt – ein Plus von 40 Prozent gegenüber Februar.
"Deshalb sehen wir, dass einige Airlines bestimmte Routen streichen, die wirtschaftlich keinen Sinn mehr machen", sagte Tzitzikostas. Für Passagiere könnte der volle Preiseffekt erst später spürbar werden: Solange die Absicherungsgeschäfte der Airlines laufen, dämpfen sie den Anstieg – doch diese Hedges laufen aus. Der Kommissar betonte, die Situation sei „sehr unterschiedlich von Airline zu Airline".
EU hält Notfallreserven vor
Die EU verfügt über Notfallreserven in ihren Mitgliedstaaten. Eine Umverteilung sei derzeit nicht nötig, sagte Tzitzikostas. Die Kommission werde eine etwaige Freigabe der Reserven koordinieren. "Es gibt derzeit ein gewisses Maß an Stabilität", so der Kommissar.
Sollte die Straße von Hormus aber dauerhaft geschlossen bleiben, wäre die Lage nach seinen Worten "sehr schwierig". Tzitzikostas rief dazu auf, den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Zwischen Teheran und Washington laufen seit einem Waffenstillstand Anfang April Gespräche, jedoch mit begrenzten Fortschritten und wiederholten Verstößen. Auch bei einem baldigen Abkommen dürfte die Meerenge laut mit der Situation vertrauten Quellen vorerst unter iranischer Kontrolle bleiben.
Über die Luftfahrt hinaus warnt die OECD vor schwerwiegenden Folgen für die Weltwirtschaft. Bei einem anhaltenden Konflikt drohe ein Wachstumseinbruch auf das Niveau der Finanzkrise 2008/2009 oder der Corona-Pandemie. "Es geht nicht nur um Kerosin oder Kraftstoff. Wir könnten sogar eine globale Rezession erleben", sagte Tzitzikostas.