Ryanair-Chef Michael O'Leary im Till-Eulenspiegel-Kostüm auf der Pressekonferenz am Flughafen Magdeburg-Cochstedt am 23.3.2011 Foto: © dpa, Jens Wolf

Der irische Bauernsohn und gelernte Buchhalter Michael O'Leary (53) hat eine der größten Erfolgsgeschichten der Luftfahrt geschrieben, seit er 1989 Ryanair als Billigfluggesellschaft neu erfand. Sein Vermögen wird auf bis zu 755 Millionen Euro geschätzt, davon entfallen rund 485 Millionen auf seine Anteile an Ryanair. Elementarer Bestandteil der Firmenkultur sind die PR-Stunts, in denen O’Leary sich selbst inszeniert. Allein 50 einstudierte Posen beherrscht er für Pressefotografen, behauptet er. Andreas Spaeth fragte ihn in Hamburg.

Herr O'Leary, wo wäre Ryanair heute ohne Ihre albernen und lächerlichen Auftritte?
Michael O'Leary: Das Alberne und Lächerliche war ein sehr wichtiger Teil der Ryanair-Promotion, als wir noch kleiner waren. Wir hatten nicht viel Geld für Werbung und Anzeigen. Und speziell im Zeitalter von Internet und sozialen Medien wirkt das Alberne und Lächerliche sehr viel schneller, um wahrgenommen zu werden. Aber Sie müssen dann auch in der Lage sein zu liefern - sehr günstige Flüge, sicher und pünktlich. Also ein bisschen Albernes und Lächerliches ist wichtig in einer Firma, in der das Durchschnittsalter der Mitarbeiter bei gerade mal 26 Jahren liegt. Wir sind ein junges Unternehmen. Wir haben eine jüngere Herangehensweise als viele andere, ältere Airlines. Aber das darf nicht davon ablenken, dass wir eine sehr professionelle, sichere und pünktliche Fluggesellschaft sind.

Wie gehen Sie als über 50-Jähriger in Ihrer Rolle als Firmenclown mit immer neuen Anforderungen um?
O'Leary: Ich bin generell für alles zu haben, das ist wichtig, aber wir stellen auch immer neue junge Leute ins Marketing- und Kommunikationsteam ein. Als wir kürzlich einen neuen Autovermietungs-Partner vorstellen wollten, war die Frage, was wir bei dem Fotoshooting machen. Da kam jemand auf die Idee mit Batman. Wir mieteten ein Batmobil und verkleideten uns als Batman und Robin. Eine gute Idee, ein bisschen verrückt. Aber das funktioniert sehr gut im Zeitalter der sozialen Medien, wo jeder nur Fotos sehen will. Wenn Sie der CEO einer großen Firma sind und ein lächerliches Kostüm anziehen, in dem Sie ein wenig dümmlich aussehen, ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass die Zeitungen das Bild bringen, als wenn Sie da in Schlips und Anzug mit ernstem Unternehmer-Blick stehen.
Heute läuft das sogar besser, wenn sie einigermaßen bekannt sind, reich und berühmt, dann erwarten die Leute nicht, dass sie dumme Sachen machen. Je dümmer sie als bekannte Figur also sind, desto besser. Ich habe viele Kommentare bekommen zu meinem dicken Bauch auf dem Bild, auf dem ich als Robin verkleidet bin - und das ist gut. Wenn ich jung wäre und ein Sixpack hätte, würde das niemanden interessieren. Aber wenn sie wie ich ein wenig fett, alt und grauhaarig aussehen, dann widmen ihnen die Leute mehr Aufmerksamkeit.

Ryanair-Promotion für die Zusammenarbeit mit einem Mietwagenservice. Airline-Chef Michael O'Leary (re.) hat sich als Robin verkleidet. Foto: © Ryanair,

Ist dieser anhaltende Trend zum Lächerlichen nicht ein Widerspruch zu Ihrem Bestreben, eine seriösere Airline auch für Geschäftsreisende sein zu wollen?
O'Leary: Das glaube ich nicht. Wir haben dazugelernt und sind jetzt netter zu unseren Kunden, das schlägt sich in höheren Ladefaktoren und mehr Passagieren nieder. Aber sehen Sie, heute sprechen die Leute hier immer noch von meinen lächerlichen Batman-Fotos. Das ist einfach interessanter.

Wäre Ihnen Ihr Job ohne das Alberne und Lächerliche zu langweilig?
O'Leary: Nein, ich wende ja auch nicht sehr viel Zeit dafür auf. Wenn wir entscheiden, so was zu machen, dann machen wir es gut - die Mietwagenfirma ist begeistert von all der Resonanz, die sie bekommen hat. Für die war das völlig neu und die waren sehr nervös, ihren Chef so auftreten zu lassen. Ich musste denen erklären, dass sie einfach dümmlich aussehen müssen, damit das Bild in die Zeitung kommt. Wir geben auf diese Weise sehr viel weniger Geld für Anzeigen aus, das ist ein sehr guter Weg, um das Werbebudget niedrig zu halten.
Und diese geringeren Kosten können wir dann in Form geringerer Flugpreise an unsere Kunden weitergeben. Sonst hätten wir eine oder zwei Millionen Euro ausgeben können für die Werbung zu unserer neuen Partnerschaft mit dem Autovermieter. So hat es uns nur etwa 200 britische Pfund gekostet, das Batmobil und zwei Kostüme zu mieten, und damit haben wir vermutlich Publizität im Wert einiger hunderttausend Pfund für die Partnerschaft generiert. Das ist ein Geschäftsmodell, das funktioniert.

Was waren denn im Rückblick Ihre gelungensten PR-Stunts?
O'Leary: Da fällt mir der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg ein, den wir 2003 gemietet haben und damit zum Luton Airport gefahren sind. Das war eine der besten Aktionen. Luton ist die Basis von Eayjet, einer unsererer Hauptkonkurrentinnen mit hohen Flugpreisen. Oder 2013, als wir eine neue Route von Dublin nach Rom eingeführt haben und ich mich als Papst verkleidete, mit allen Insignien. Ich bin in Irland und Italien sehr dafür kritisiert worden, angeblich den Papst zu verulken. Aber es brachte wieder jede Menge Gratis-Werbung und plötzlich wusste jeder, dass Ryanair von Dublin nach Rom fliegt und die Buchungszahlen gingen durch die Decke.
Wir versuchen, die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber die Leute aus den Presseabteilungen sagen ihren Chefs oft, sie müssten statisch und langweilig aussehen - so wie nach deren Vorstellung halt ein Airline-Managemer aussehen sollte. Und das tun sie dann meist auch. Wir wollen dem etwas Humor und Witz entgegensetzen, einfach jünger wirken in unserer Haltung. Das Leben ist langweilig und ernst genug.

Ryanair-CEO Michael O'Leary Foto: © dpa, Thomas Frey

Gibt es auch Aktionen, die Sie heute bereuen?
O'Leary: Da gibt es bestimmt welche, aber ich kann mich nicht erinnern. Egal, was wir tun: es ist immer wahrscheinlich, dass sich irgendwer auf den Schlips getreten fühlt. Wir treten an, um zu amüsieren und zu unterhalten - und manchmal fühlen sich Leute eben angegriffen. Dann entschuldigen wir uns, wir wollen niemanden angreifen. Wir wollen nur humorvoll, interessant und irgendwie unterhaltsam sein. Wenn wir das bei 80 Prozent der Leute schaffen und währenddessen den restlichen 20 Prozent nicht vor den Kopf stoßen, dann waren wir erfolgreich.

Geben Sie zu, dass die Idee von Toiletten-Nutzungsgebühren an Bord von Anfang an ein reiner PR-Stunt war?
O'Leary: Klar, das war er immer. Genau wie die Stehsitze in der Kabine. Aber das hält sich jetzt seit vielen Jahren, alle fünf oder sechs Wochen werde ich wieder danach gefragt. Viele Leute, die sonst nicht viel über Ryanair wissen, haben davon schon gehört. Dabei war das gar nicht unsere Idee, sondern die von der BBC, die mich eines Tages fragten, ob Toilettengebühren nicht der nächste logische Schritt sein könnten. Da habe ich spontan geantwortet, dass wir bereits eine hochrangige Arbeitsgruppe eingesetzt haben, die genau daran gerade arbeitet. Und Zoom, ging das um die ganze Welt. Das war unglaublich.

Richard Branson sagt: Um in der Luftfahrt Millionär zu werden, muss man als Milliardär anfangen. Sie sind der Gegenbeweis. Haben Sie eine historisch einmalige Chance gehabt?
O'Leary: Wir hatten einfach Glück. Wir sind zu einer günstigen Zeit an den Start gegangen, als die europäische Luftverkehrsliberalisierung auf Touren kam. Wir hatten auch Glück, dass die Familie Ryan vor 30 Jahren meinen Rat nicht angenommen hat, die damals bestehende verlustreiche Gesellschaft zu schließen. Als ich 1988 bei Ryanair anfing, ging es ums nackte Überleben. Da ahnte niemand, dass es hier irgendwann um Millionengewinne gehen würde.

Derzeit werben Sie mit "30 Jahre Ryanair - 1985 bis 2015". Das ist doch auch wieder nur ein PR-Trick, denn die Billiglinie gibt es ja erst seit 1989.
O'Leary (lacht): Ja, es kann gut sein, dass wir dann bald die nächste Jubiläumsaktion starten. Denn in der Tat begann die Billigflug-Operation erst nach meinem Besuch bei Southwest Airlines in den USA 1989. Aber der 30. Geburtstag von Ryanair ist ein sehr wichtiges Datum, denn wir haben gezeigt, dass billig und sicher Fliegen funktioniert. Wir haben die größte Flotte in Europa und fliegen mehr Passagiere in Europa als irgendwer sonst mit 2.000 Flügen am Tag.

Was würden Sie gern in vier Jahren erreicht haben, wenn die Billigfluglinie Ryanair wirklich 30 wird?
O'Leary: Dann hoffe ich, dass wir 130 Millionen Passagiere befördern im Jahr und dass die Leute sagen: 'Deren Produkt wird immer besser'. Die Kunden sollen sehen, dass wir zwar billige Flüge bieten, aber auch guten Kundenservice. Außerdem fände ich es schön, wenn die Kunden sehr schmeichelhafte Dinge über mich sagen, falls ich bis dahin im Ruhestand bin.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

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