Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat gewarnt, ukrainische Drohnen machten den russischen Luftraum gefährlich. Russland sagte nun zu, den zivilen Flugverkehr zu schützen. Verkehrsminister Andrej Nikitin sagte der Nachrichtenagentur "Interfax" zufolge: "Wir verbessern kontinuierlich die Anforderungen an die Flugsicherheit und die Sicherheit an Flughäfen, und wir haben für all das Lösungen." Man arbeite eng mit dem Verteidigungsministerium und der russischen Nationalgarde zusammen.
"Ich glaube, dass wir keine nennenswerten Störungen der zivilen Luftfahrt zulassen werden", fügte Nikitin hinzu.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte, die Ukraine habe die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) offiziell darüber informiert, dass der russische Luftraum nicht sicher sei.
Selenskyj hatte Fluggesellschaften, Versicherungsunternehmen und Passagiere, die den russischen Luftraum nutzen, bereits am Dienstag gewarnt. "In Russlands Luftraum werden sich Drohnen in einem Ausmaß befinden, das berücksichtigt werden muss", erklärte er in seiner abendlichen Videobotschaft. "Die sicheren Tage im russischen Luftraum sind vorbei." Die Ukraine bedrohe die zivile Luftfahrt "nicht als solche – kein einziges ziviles Flugzeug", betonte Selenskyj. Ein "von Drohnen wimmelnder Luftraum" sei jedoch "kein Ort für die zivile Luftfahrt". Der russische Luftraum bleibe den Drohnen vorbehalten, solange der Krieg andauere.
Kremlchef Wladimir Putin wies die Äußerungen scharf zurück. "Wenn dies laut ausgesprochen wurde, dann ist das schlichtweg eine Erklärung des Staatsterrorismus", sagte Putin bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz im kirgisischen Bischkek. Sollten sich "solche Tragödien" ereignen, werde man wissen, wie darauf zu reagieren sei, so Putin weiter.
Erste Flugausfälle in Moskau
Am Mittwoch zeigten Daten von "Flightradar24" bereits Störungen am wichtigsten Moskauer Flughafen, mehrere Fluggesellschaften strichen Flüge, ohne dafür Gründe zu nennen. Am Flughafen Scheremetjewo fielen 21 Flüge aus, 235 weitere verspäteten sich. Am Flughafen Wnukowo wurden 22 Flüge gestrichen und 94 verspätet.
Die Fluggesellschaft Flydubai teilte mit: "Wir beobachten die Entwicklung in der Region weiterhin genau und passen unsere Flugpläne und Routenführung bei Bedarf an." Da sich die Lage dynamisch entwickle, bewerteten die eigenen Teams fortlaufend die betrieblichen Anforderungen. Man erkenne an, dass es zu Verspätungen und Umleitungen kommen könne. Die Sicherheit von Kunden und Besatzung habe für das Unternehmen oberste Priorität.
Die türkische Fluggesellschaft Pegasus Airlines strich eigenen Angaben zufolge einzelne Flüge nach Russland aus "technischen und betrieblichen" Gründen, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Der Flughafen Wnukowo erklärte, Pegasus Airlines habe am Dienstag sechs ankommende und sechs abgehende Flüge gestrichen. Die Fluggesellschaft teilte mit, die Flüge in der Nacht zum Mittwoch seien betroffen gewesen, die übrigen laufenden Flüge verkehrten planmäßig.
Weitere Fluggesellschaften, die regelmäßig nach und über Russland fliegen, darunter Turkish Airlines, Qatar Airways, Etihad Airways und Emirates, äußerten sich zunächst nicht auf Anfragen zur Stellungnahme.
Risikoeinschätzung für die Luftfahrt steigt
Während europäische und US-amerikanische Fluggesellschaften den russischen Luftraum wegen des Kriegs bereits meiden müssen, wird er weiterhin von Airlines aus Ländern wie China, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren Golfstaaten genutzt – trotz einer eindringlichen EASA-Warnung vor der Nutzung bestimmter Gebiete des russischen Luftraums. US-Fluggesellschaften hatten wiederholt beklagt, dass sich daraus ein Zeit- und Kostenvorteil für diese Carrier ergebe.
Wie groß das tatsächliche Risiko für die Luftfahrt über Russland ist, dem flächenmäßig größten Land der Erde, lässt sich nach Einschätzung der Risikoberatung Osprey Flight Solutions nicht genau bestimmen. In einer Kundenmitteilung schrieb das Unternehmen, die meisten ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffe dürften sich zwar auf einen Umkreis von 300 Kilometern um die Grenze konzentrieren, tägliche Angriffe tiefer im russischen Landesinnern – auch nahe Moskau und St. Petersburg – seien aber bis weit ins aktuelle Jahr hinein nahezu sicher zu erwarten. Zudem sei eine Zunahme der Angriffsfrequenz auf tiefer gelegene russische Gebiete kurzfristig realistisch, Fehleinschätzungen oder Verwechslungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt seien wahrscheinlich, so Osprey. Die russische Luftverteidigung verfüge zudem über konventionelle Boden-Luft-Systeme, die in allen Flughöhen wirken könnten.
Zivile Flugzeuge sind in der Region bereits wiederholt versehentlich ins Visier geraten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte 2025 festgestellt, dass Russland für den Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine im Jahr 2014 über dem umkämpften Osten der Ukraine verantwortlich ist. Putin selbst hatte dem aserbaidschanischen Präsidenten 2025 mitgeteilt, dass 2024 zwei russische Raketen in der Nähe einer Maschine von Azerbaijan Airlines detoniert seien, nachdem ukrainische Drohnen in den russischen Luftraum eingedrungen waren – bei dem Vorfall kamen 38 Menschen ums Leben.
Verhandlungen kommen nicht vom Fleck
Russland greift die Ukraine mehr als vier Jahre nach Beginn seines Angriffskriegs unvermindert an, vor allem mit ballistischen Raketen, die Kiew wegen Munitionsmangels in der Luftabwehr nur schwer abfangen kann. In der Nacht zum Dienstag wurden bei dem jüngsten Angriff auf Kiew und die umliegende Region mindestens zwölf Menschen getötet, es war der sechste Tag in Folge mit schweren Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt. Am Mittwoch dauerten die Angriffe bereits den siebten Tag in Folge an. Selenskyj verwies in seiner Videobotschaft zudem darauf, dass zum Beginn des neuen Schuljahres Millionen Kinder in der Ukraine gezwungen seien, in Schutzräumen zu lernen.
Die andauernde Sperrung großer Teile des russischen und ukrainischen Luftraums hat das europäische Streckennetz bereits strukturell und nach Einschätzung von Branchenexperten irreversibel verändert. Die Ukraine hat ihre eigenen Angriffe zuletzt verstärkt und richtet sich dabei vor allem gegen russische Ölinfrastruktur wie Raffinerien, Öldepots und Häfen – aus Kiewer Sicht legitime Ziele, um Russlands Einnahmen aus dem Ölgeschäft und damit die Kriegsfinanzierung zu schmälern. Selenskyj erklärte, seine Drohnen im russischen Luftraum notfalls auf Wunsch der Verbündeten zurückzuziehen, "im Interesse der Diplomatie, im Interesse der Verhandlungen".
Die von den USA vermittelten Gespräche zur Beendigung der Kämpfe treten seit Monaten auf der Stelle. Moskau beharrt unter anderem auf seiner Maximalforderung, dass die Ukraine den gesamten Osten des Landes abtritt, was Kiew strikt ablehnt. Putin erklärte, man verhandle nicht mit "Terroristen" – eine Reaktion auf die Aufforderung, die Gespräche wieder aufzunehmen.