Schiene, Straße, Luft (24) ( Gastautor werden )

Berlin-München: ICE wird zum Marktführer

07.12.2018 - 11:58 0 Kommentare

Die Deutsche Bahn erklärt sich zum Marktführer zwischen Berlin und München. Dabei könnten mit einem besseren Image noch mehr Reisende auf die Schiene gelockt werden, glaubt Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

ICE Züge am Hauptbahnhof München. - © © Deutsche Bahn AG - Uwe Miethe

ICE Züge am Hauptbahnhof München. © Deutsche Bahn AG /Uwe Miethe

Die Bahn hatte in den vergangenen zwei Wochen nicht gerade ihre beste Zeit. Wir ersparen dem Leser jetzt die traurigen Einzelheiten, sondern verweisen nur auf die ARD-Satiresendung "Extra 3", in der Christian Ehring sogar eine Modellbahn-Startpackung "ICE mit umgekehrter Wagenreihung" in limitierter Ausgabe präsentierte.

Leider war es nur ein Fake. Dabei würde das Starter-Set sicher reißenden Absatz finden - und sei es nur, weil die Deutsche Bahn einen größeren Posten abnehmen würde, um sie gestressten Stammkunden als kleines Dankeschön für die Geduld zu überreichen ...

Bahn Marktführer zwischen Berlin und München

In Kritik und Häme des Betriebsstörungs-Bingos ging ein kleines Jubiläum fast unter. Wahrscheinlich weil es nicht mit einer schlechten Nachricht verbunden war. Only bad news are good news, sagen die Medienfachleute ja. Dem halten wir mal entgegen: Think positive.

Wahrscheinlich werden im Bahn-Tower in Berlin angesichts der überwältigenden Zahl von Negativ-Meldungen keine Sektkorken geknallt haben. Aber immerhin konnte die Bahn nicht ohne Stolz verkünden, sie sei jetzt mit 46 Prozent Anteil am Verkehrsmix Marktführer auf der Relation Berlin-München.

© Deutsche Bahn, Lesen Sie auch: Bahn sieht sich zwischen Berlin und München als Gewinner

Pünktlich - und das ist eine echte Nachricht - ein Jahr nach der Eröffnung einer der teuersten Hochgeschwindigkeitsstrecken Europas und fast drei Jahrzehnte nach dem Fall der innerdeutschen Grenzen löste der Staatskonzern das Versprechen ein, das Flugzeug zumindest auf dieser Strecke nach Passagierzahlen auf Platz zwei zu verweisen.

Flugzeuge müssten leer sein

4,4 Millionen transportierte Fahrgäste in den Zügen, davon 1,2 Millionen Umsteiger vom Flugzeug und eine Million vom Pkw, das bedeutet auch eine Menge nicht emittierter Schadstoffe.

Wer die Zahlen von 2017 und 2018 mit Hilfe von ein wenig Anwendung der Grundrechenarten vergleicht, dem kommen zumindest an den absoluten Ergebnissen leichte Zweifel. Leider sagte die Bahn nichts zu den Modalitäten der Erhebung. Der Lufthansa-Konzern beförderte bis zur Eröffnung der Bahn-Schnellstrecke nach unbestätigten, aber auch nicht dementierten Angaben rund 1,2 Millionen Fluggäste zwischen Berlin und München. Auch jetzt bietet er noch rund 1,5 Millionen Plätze an. Da müssten die Flieger ja fast leer sein.

Immerhin, die Züge sind voll, was täglich der Augenschein bestätigt. So sagen die Zahlen eines aus: Der Verkehr zwischen Berlin und München insgesamt muss erheblich zugenommen haben. Vielleicht resultiert der Mehrverkehr aus dem erhöhten politischen Meetingbedarf der letzten zwölf Monate zwischen Spree und Isar.

Bahn kündigt weitere Sitzplätze an

Das Versprechen wurde sogar übererfüllt, denn vorhergesagt hatte die Bahn einen Anteil am Verkehrsträger-Mix von 40 Prozent. Und im kommenden Jahr sollen es noch mehr Fahrgäste werden. DB-Fernverkehrsvorstand Berthold Huber kündigte rund 4000 zusätzliche Plätze täglich an, was mehr als eine weitere Million Jahreskapazität bedeutet.

alternativer Text

Foto: © DB AG

Erinnern wir uns kurz an die saftigen Politiker-Worte, die zur Eröffnung der Strecke von einer "Kampfansage an das Flugzeug" gesprochen hatten. Nun, der Passagier hat wahrscheinlich nach Vernunft- und nicht nach Kampf-Kriterien entschieden: Wenn er in München in einen Interkontinentalflieger umsteigen musste oder als Berliner aus einem solchen kommt, dann ist das Flugzeug die praktische Wahl, aber wenn er von Downtown zu Downtown will, bietet sich der ICE an.

Vielleicht werden es auch auf den anderen Strecken noch mehr, wenn die Bahn nebenbei an ihrem Image arbeitet. Ein Ansatz, wenn auch nicht die Lösung wäre eine Kampagne nach dem Beispiel der Berliner BVG. Das früher als träge bekannte Nahverkehrsunternehmen startete mit #weilwirdichlieben einen selbstkritisch-satirischen, inzwischen preisgekrönten Werbefeldzug. Kurzzeitfolge: Die Busse kommen immer noch zu spät, die U-Bahnen sind immer noch überfüllt, aber die (meisten) Leute nehmen es mit Humor.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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