Analyse

Darum ist Air Berlin pleite (2)

28.08.2017 - 13:37 0 Kommentare

Nicht nur Managementfehler drückten Air Berlin tief in die roten Zahlen. Experten nennen gleich mehrere externe Faktoren für die Insolvenz des deutschen Carriers. Der zweite Teil unserer Analyse.

Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. - © © dpa - Ralf Hirschberger

Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. © dpa /Ralf Hirschberger

Einen Großteil der Gründe, die zur Insolvenz der Air Berlin geführt haben, sind im Unternehmen selbst zu suchen. Dennoch sehen Beobachter auch externe Faktoren, die den ehemals zweitgrößten deutschen Carrier immer tiefer in die roten Zahlen gedrückt haben.

1. Die BER-Verzögerung

Der frühere Lufthansa-Chef-Flugplaner und ehemalige Chef der Berliner Flughäfen, Hans-Henning Romberg, nennt gleich zwei Punkte, die in ihrer Konsequenz letztlich "dramatisch für Air Berlin" wurden: "Zum einen ist dies die Verzögerung des neuen Hauptstadtflughafens, zum anderen das jüngste Chaos bei der Gepäckabfertigung mit Aeroground in Tegel."

Zur Erläuterung des ersten Punkts skizziert Romberg die Situation vor der anvisierten BER-Eröffnung im Juni 2012: "Der Flugplan war vermutlich schon weit ein Jahr früher fertig." Anfang November seien die Slots bestätigt worden, Air Berlin habe eine große Werbekampagne gestartet und Tickets für sein modernes neues Drehkreuz in der Hauptstadt verkauft. "Wie es dann ausging, wissen wir alle", so Romberg: "Air Berlin musste in Tegel bleiben. Und die perfekte Hub-Planung wurde Makulatur."

© airliners.de, David Haße Lesen Sie auch: Überblick: Wer ein Gebot für Air Berlin abgeben will

Aber Tegel ist eben kein perfekter Umsteigeflughafen: "Nicht nur der Platz in den Terminals bringt den Cityairport schnell an Kapazitätsgrenzen", erläutert Romberg. Auch sei die Verbindung beispielsweise zwischen den Air-Berlin-Flügen im Gebäudeteil A und im Air-Berlin-Terminal C "umständlich und zeitraubend". Passagiere, die in A landen, müssten vor ihrem Abflug in C dorthin hasten und erneut an der Security anstehen: "Ein Elend", so Romberg. "Vom Gepäcktransfer zwischen den Gebäuden reden wir erst gar nicht…"

2. Aereoground-Chaos in Tegel

Wie wichtig gerade in einer solchen Situation ein gut eingespielter Bodenverkehrsdienstleister ist, zeigte sich mit dem Air-Berlin-Umstieg von Wisag auf den Münchner Dienstleister Aeroground im März dieses Jahres: Romberg analysiert: "Aeroground performt in München perfekt für Air Berlin. Der Wechsel in Tegel von der Wisag klang also gut." Doch die Firma wurde Air Berlin in Tegel zum Verhängnis: "neues Personal, zu wenig Fahrzeuge, keine Ortskenntnis". In der Folge warteten viele Passagiere stundenlang auf ihre Koffer, "dass sie noch einmal bei Air Berlin buchen, ist unwahrscheinlich."

Für Air Berlin ergab sich aus den Problemen am Boden ein weiteres Problem: Die Flüge verspäteten sich und die Airline ruinierte sich ihre Umsteige-Knoten. Das Chaos hielt Maschinen unnötig lange am Boden, die Rotationen verspäteten sich immer weiter, bis in die Nachtsperre hinein. Flugausfälle waren die Folge. Die Kosten bezifferte die Airline auf mehrere Millionen Euro pro Monat.

Performance der Air-Berlin-Abflüge in Berlin-Tegel im Juli 2017:
pünktlich unpünktlich (Verspätung mehr als 15 Min.) annulliert
1 32 75 7
2 47 70 5
3 37 91 2
4 49 75 5
5 52 71 5
6 51 66 1
7 39 82 9
8 49 59 5
9 67 54 0
10 46 80 5
11 58 70 2
12 61 66 3
13 47 80 2
14 53 78 0
15 33 78 4
16 38 83 0
17 54 74 2
18 77 47 4
19 56 67 8
20 37 78 15
21 39 83 9
22 32 70 9
23 21 96 4
24 58 66 1
25 61 60 0
26 41 81 2
27 66 57 1
28 56 65 2
29 46 62 0
30 48 64 5
31 57 61 0

Quelle: airberlin.com

Der Flughafen Tegel wird als wichtigster Flughafen im Air-Berlin-Netz zum ernsten Problemfall. Die Airline zog die Reißleine und kündigte eine Verlagerung einiger Übersee-Routen nach Düsseldorf an. Doch der Schritt kam zu spät: Viele Kunden waren längst verprellt.

3. Die Konkurrenz zur Lufthansa

Der Kampf mit den Bedingungen am Flughafen Tegel war aber nicht der einzige Kampf, den Air Berlin schlussendlich verloren hat. Auch am Himmel hatte die Berliner Fluggesellschaft zu kämpfen.

So war Air Berlin laut Verkehrsexperte Manfred Kuhne dem von ihr selbst heraufbeschworenen Wettbewerb mit der Lufthansa nicht gewachsen. "Auf die starke Expansion von Air Berlin nach den Übernahmen von DBA, Hapag-Lloyd Express und LTU hat Lufthansa mit aller Macht reagiert", so Kuhne. Air Berlin sei zu einem ernsten Lufthansa-Konkurrenten geworden, nachdem sie europäische Städteverbindungen, innerdeutsche und schließlich auch Interkontinental-Flüge aufgenommen hatte.

© dpa, Sebastian Gollnow Lesen Sie auch: BDL-Chef Schulte: Ticketpreise werden durch Air-Berlin-Pleite nicht steigen

"Der Lufthansa ging dadurch in erheblichem Maße Umsteigeverkehr über ihre Hubs Frankfurt und München verloren", analysiert Kuhne. In der Folge habe der Kranich-Konzern neue Billigtarife eingeführt und neue Strecken in direkter Konkurrenz zu Air Berlin aufgesetzt. "Das war alles klar gegen Air Berlin gerichtet und hat dazu geführt, dass die Erlöse bei Air Berlin rapide in den Keller gingen."

4. Billigflieger und neue Konkurrenten in der Touristik

Letztlich litt Air Berlin aber nicht nur im Kampf mit dem deutschen Airline-Primus. Druck übten auch Konkurrenten im klassischen Kerngeschäft der Air Berlin aus, ordnet Luftfahrtprofessor Christoph Brützel ein: "Beim Ferienfluggeschäft zu den Urlaubsreisezielen (beispielsweise Balearen, Griechenland, Kanaren, Noradfrika oder Türkei) stieg durch den Eintritt der Low-Cost- (insbesondere Balearen sowie Kanaren) und Zielgebietscarriern (insbesondere Türkei sowie Nordafrika) die Kapazitäten und damit der Wettbewerbsdruck sprunghaft." Low-Cost- und Zielgebietscarrier hätten insbesondere für die dezentralen Quellmärkte in Deutschland eine bessere Kostenposition.  

"Am Beispiel des Flughafens von Palma de Mallorca kann man sehr gut sehen, dass Air Berlin Effizienz und Kosten nicht im Griff hatte. Sie betrieb dort zwar ein Drehkreuz, beschäftigte aber lokal weder Crews noch nutzte sie den Airport als Basis für Flugzeuge (zum Beispiel Line Maintenance)", erklärt Brützel. Dies kostete letztlich sehr viel Geld, da beispielsweise die Crews erst einmal zum Einsatzort gebracht werden mussten.

Weitere Gründe für die Pleite

Lesen Sie auch, welche Managementfehler und internen Faktoren die Air-Berlin-Pleite verursacht haben:

© AirTeamImages.com, Danijel Jovanovic Lesen Sie auch: Darum ist Air Berlin pleite (1) Analyse

5. Die Steuerlast

Deutsche Airlines müssen zudem eine hohe Summe an Steuern entrichten. Ein Beispiel ist die Luftverkehrssteuer: Im vergangenen Jahr haben Lufthansa Group, Air Berlin, Condor und Tuifly zusammen 544 Millionen Euro bezahlt. Davon entfiel ein dreistelliger Millionen-Betrag auf Air Berlin, so der BDL (Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft) im Gespräch mit airliners.de.

Der Rest des Steueraufkommens (530 Millionen Euro) hat sich laut BDL auf mehr als 100 ausländische Carrier verteilt. "Während also Air Berlin für mehr als die Hälfte aller Flüge Steuer zahlen muss, weil sie ihren Hauptbetrieb ab deutschen Flughäfen hat, müssen ausländische Airlines wie zum Beispiel Emirates ausschließlich für die wenigen Abflüge ab deutschen Flughäfen aufkommen." Dort, wo Emirates ihren Hauptbetrieb hat, gibt es keine vergleichbare Sonderbelastung. Dadurch werde der Wettbewerb laut BDL deutlich verzerrt.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: Zypries fordert Aus für Luftverkehrssteuer

Von: Carlo Sporkmann
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