Während der Gate Future in Hamburg hat das Berliner Unternehmen Aryve Technologies (auszusprechen wie das englische Arrive) seine Lösung für mehr Barrierefreiheit in Flughäfen vorgestellt. Dabei handelt es sich um ein System, das es Flughäfen vergleichsweise einfach macht, bei der Barrierefreiheit vor allem für seheingeschränkte Fluggäste für Verbesserungen zu sorgen.
Denn für eine Navigation braucht es normalerweise einige Hilfen. Taktile Leitsysteme (auch als Blindenleitstreifen bekannt) helfen etwa beim Folgen von Wegen mithilfe eines Langstocks, indem die Rillen als Wegführung dienen und Noppen-Platten für Aufmerksamkeit sorgen. Idealerweise gibt es auch noch eine erfühlbare Karte im Eingangsbereich, wie das etwa an mailändischen Flughäfen der Fall ist. Bunte quadratische Muster (Navilens) können zudem von der Smartphone-Kamera leicht erfasst werden und weitere Erklärungen in einem Terminal bieten.
Doch das alles ist mit Aufwand verbunden und deutsche Flughäfen haben hier teils enorme Defizite. Aryve hingegen will vor allem mit Software die Barrierefreiheit verbessern. Das wichtigste Hilfsmittel ist dabei das Smartphone. Denn das kann die Umgebung sehen und wie ein Navigationssystem den Besitzer an sein Ziel führen.
Dafür muss ein Flughafen aber zunächst komplett per Lidar gescannt werden. Etwas, was mitunter binnen zwei Tagen geschafft werden kann, so Aryve. Zumindest dauerte es bei einer Fallstudie nur 48 Stunden vom ersten Scan bis zum funktionsfähigen System. Auch in Hamburg hat man im Konferenzbereich schnell einen Lidar-Scan am Vorabend durchgeführt, um dann live per App die Navigation zu demonstrieren.
Aryve-Tests am Flughafen Paderborn/Lippstadt
Wie das Unternehmen uns auf der Gate Future sagte, wird das System am Flughafen Paderborn/Lippstadt schon seit einigen Monaten getestet. Zwar bewirbt man vor allem die nicht notwendige Installation von Hardware, doch hier und da ist der Einsatz dennoch sinnvoll. In Paderborn wurden etwa Lautsprecher über den Eingängen aufgehängt, die Audiosignale abgeben, um die Eingänge zu finden. Gleichzeitig haben sie Bluetooth-Beacons, sodass ein Smartphone-basiertes Auffinden der Eingänge ermöglicht wird. Erst hinter dem Eingang übernimmt dann das Aryve-System. Aryve will damit demonstrieren, dass sich Techniken kombinieren lassen.
Gezeigt wurde das mit dem "LOC.id"-System des Unternehmens RTB, das die Lautsprecherkomponente bereitstellt. "LOC.id" ist dabei eine Komponente, die auch in E-Scootern beispielsweise verbaut wird. So besteht eine höhere Chance, Stolperfallen durch E-Scooter zu umgehen, die für blinde Menschen gefährlich sind, da sie zu häufig unachtsam abgestellt werden. Dafür muss aber die entsprechende App für "LOC.id" installiert werden. Dann gibt es eine akustische Warnung bei einer Annäherung. Genauso wie beim Eingang. Nähert man sich diesem, wird das akustische Signal des Lautsprechers aktiviert.
Ist man aber erst mal per "LOC.id" in das Terminal gelangt, übernimmt dann die Kamera. Das klingt zunächst widersprüchlich, doch tatsächlich ist ein modernes Smartphone auch blind benutzbar. Navilens funktioniert genauso, die bunten Quadrate sind für die Kamera leicht auszumachen, der Nutzer muss also nur mit der Kamera um sich herumschwenken. Im Fall von Aryves System läuft der Nutzer mit dem Smartphone vor sich durch das Terminal und lässt sich leiten.
Aryve sieht in dem System übrigens auch eine Zweitnutzung. Schließlich müssen autonome Fahrzeuge sich ebenfalls in einem Terminal bewegen können. Das gilt etwa für Rollstühle, die sich ohne menschliches Zutun zu ihrem geplanten Einsatzort bewegen, sei es für eine Bereitstellung oder auch, um einen Fluggast sicher durch das Terminal zu bewegen.
Mit Technik Defizite überwinden
Die gezeigte Kombination aus verschiedenen Techniken hat damit die Chance, Flughäfen ohne große bauliche Veränderungen die Möglichkeit für mehr Barrierefreiheit zu geben. Denn selbst neue Flughafen-Terminals, wie etwa am Flughafen Berlin Brandenburg oder auch Frankfurt Terminal 3, lassen vollständige Leitstreifeninstallationen missen. Immerhin sind die Installationen an Flughäfen nach unseren Beobachtungen weitestgehend korrekt. Im öffentlichen Straßenraum braucht es hingegen oft besondere Aufmerksamkeit, da die Noppen- oder Rippenplatten mitunter falsch verbaut sind. Zu den klassischen Problemen gehören auch Leitstreifen, die auf Säulen oder Lichtmasten zulaufen oder schlicht mit Werbeschildern vollgestellt werden. Im Flughafen kommt dazu noch das Problem, dass viele Fluggäste mit Koffern beispielsweise Leitstreifen nicht freihalten.
Aryves Ansatz würde damit ähnlich wie Auracast für Flughäfen eine Möglichkeit geben, die Barrierefreiheit mit technischen Mitteln zu verbessern, statt aufwendige bauliche Veränderungen durchzuführen.
Die bisherigen Defizite an Flughäfen ließen sich so vergleichsweise einfach verbessern. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass dies vor allem für Menschen geeignet ist, die keine Berührungsängste mit Technik haben.
Aber auch die Flughäfen müssen sich mit Technik auseinandersetzen, die sie mitunter bisher nicht kannten. In einem Workshop informierte etwa das Aachener Unternehmen Inform etwa über Lösungen, um Barrierefreiheit in Flughäfen besser umzusetzen. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben 23 Jahre Erfahrung mit dem Thema PRM. PRM steht dabei für People with Reduced Mobility, also bewegungseingeschränkte Fluggäste. Klassisch würde man darunter beispielsweise Rollstuhlfahrer verstehen. Der Begriff ist aus praktischen Gründen aber weiter gefasst. Zu PRM gehören etwa auch taube Menschen oder das alleinreisende Kind, das eine Begleitung braucht.
Die Zusammenfassung von Fällen sorgt mitunter aber auch für eigenartige Besonderheiten. Im Flughafen Berlin Brandenburg werden Blinde per Leitstreifen beispielsweise oft ins PRM-Klo geleitet. Eine taktile Karte am Eingang des Klos wäre vermutlich besser. Der Flughafen Incheon löst das beispielsweise so.
Ertastbares Toilettenschild. Jede Grafik ist zugleich leicht erhoben, um sie erfühlbar zu machen. © airliners.de / Andreas Sebayang
Das hat auch den Vorteil, dass die verschiedenen Positionen einer Toilettenanlage erkannt werden können. Solche Karten sind in Deutschland aber extrem selten. Aber es scheitert oft schon einige Stufen vorher. Die Flughäfen haben Herausforderungen zu meistern.
Investition in Personalverwaltung
Laut Inform gibt es dabei einen wichtigen Trend. Durch das zunehmende Alterung der Gesellschaft braucht es immer mehr Assistenzen im Flugbetrieb. Doch die Personalplanung, aber auch die Asset-Planung (Rollstühle, Fahrzeuge) werden damit anspruchsvoller.
Hier soll KI und Technik helfen. Inform will beispielsweise besser vorhersagen, wann ein Assistenzfall auftreten kann. Denn nicht immer übergeben die Fluggesellschaften die korrekten Meldungen zu Fluggästen mit Assistenzbedarf. Teilweise fehlen sie auch komplett. Dazu kommen spontane Anmeldungen, wenn es einem Fluggast etwa plötzlich nicht so gut geht. Es braucht also einen gewissen Personalüberschuss, um solche Fluggäste begleiten zu können.
Aber auch die Gerätschaften müssen organisiert werden. Inform denkt dabei etwa mit dem Unternehmen EnOcean, das Undagrid übernommen hat. Undagrid-Tracker sind wiederum häufig an Flughafen-Rollstühlen zu sehen. So weiß der Flughafen, wo sich das Equipment befindet. Auch diese Informationen will Inform irgendwann bereitstellen und befindet sich dazu im Gespräch mit EnOcean, wie man uns sagte.
Zu den Problemen im Alltag gehört zudem, dass es Stoßzeiten gibt, in denen viele PRM-Fälle auftreten. Gerade hier soll die KI helfen. Basierend auf einer Sammlung alter Daten soll sie voraussehen, wann besonders viel Arbeit auf das Personal zukommt. Dazu kommen Verspätungen oder auch übergebene Fälle anderer Flughäfen und Airlines, die dann nicht auftauchen, weil sie doch lieber laufen wollen, statt den bereitgestellten Rollstuhl zu nutzen. Auch hier soll KI besser helfen. Inform hat dabei auch den in der Industrie erwarteten Personalmangel im Blick.
Warten im speziellen Bereich oder warten im Café
Mithilfe der Technik sollen sich aber auch andere Erleichterungen ergeben. Inform nannte dabei Aryve als Beispiel. Ein blinder Passagier muss sich beispielsweise nicht im PRM-Bereich einfinden. Stattdessen kann der Passagier einfach an einem Coffee-Shop warten. Dank einer möglichen Integration in eine App ergeben sich hier neue Möglichkeiten, die Barrieren auch deswegen abbauen, weil es keinen Zwang mehr gibt, bestimmte Orte aufzusuchen.
Bis es so weit ist, dürfte es aber noch dauern. Aber zumindest für technisch versierte Fluggäste deuten sich deutliche Verbesserungen in der Barrierefreiheit an. Sie können dann auch mit Einschränkungen noch weiter reisen. Es braucht aber immer noch eine Umsetzung.
