Hintergrund

Die Geschichte mit der Lufthansa-Altersversorgung

10.11.2015 - 13:51 0 Kommentare

Lufthansa und ihre Mitarbeiter fliegen auf Konfrontationskurs. Die Flugbegleiter streiken eine Woche lang. Wie bei den Piloten geht es offiziell um Themen der betrieblichen Übergangs- sowie Altersversorgung. Doch es steckt mehr dahinter.

Eine Flugbegleiterin hat sich als alte Frau verkleidet. Die Gewerkschaft Ufo hat zu Streiks bei der Lufthansa aufgerufen. - © © dpa - Frank Rumpenhorst

Eine Flugbegleiterin hat sich als alte Frau verkleidet. Die Gewerkschaft Ufo hat zu Streiks bei der Lufthansa aufgerufen. © dpa /Frank Rumpenhorst

Bei der Lufthansa ist mal wieder Streikzeit. Nach den Piloten haben auch die Flugbegleiter die Arbeit niedergelegt. Dabei haben beide Spartengewerkschaften die durchaus komplizierten Regeln zur betrieblichen Übergangs- und Altersversorgung als Streikgrund für sich entdeckt.

Inwieweit sie mit diesem Themenkomplexe Erfolg haben werden, wird sich zeigen. Eines scheint jedoch sicher: Sowohl die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) als auch die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) können damit nicht auf viel Verständnis in der Öffentlichkeit hoffen.

Sowohl Flugbegleiter als auch Piloten können bei der Lufthansa ab einem Alter von 55 Jahren aufhören und bis zum Renteneintrittsalter auf eine Übergangsversorgung bauen. Anschließend kommt eine betriebliche Rente zur gesetzlichen hinzu. Da wird sich der ein oder andere Beobachter fragen, ob nicht zumindest ein wenig Verzicht für das Wohl der Firma möglich sein sollte.

Die Geschichte der Lufthansa-Altersversorgung

Dabei hat die Übergangsversorgung bei den Piloten durchaus eine historische Begründung: Bis 1998 gab es eine rechtlich festgeschriebene Alters-Höchstgrenze von 60 Jahren zur Ausübung des Jobs im Cockpit. Bis zur Rente musste also eine Übergangsversorgung her. Später wurden die Regelungen dann zum Privileg.

Im aktuellen Streik geht es nun aber um die Übergangsversorgung für die Flugbegleiter. Eine behördlich-regulative Erklärung für ihre Übergangsversorgung beim Kabinenpersonal gibt es nicht. Aber die Sparte der Flugbegleiter profitiert in diesem Punkt aus einem ehemals einheitlichen Tarifgefüge bei der Lufthansa.

Denn die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) - sie ging vor rund 15 Jahren in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf - hatte zu Staatsairline-Zeiten bei der Lufthansa ein Gehalts- und Rentensystem verankert, das sich sowohl für Piloten als auch für Flugbegleiter an den Regularien des öffentlichen Dienstes orientierte.

Erst mit der Privatisierung der Lufthansa Mitte der 1990er-Jahre kamen dann die Spartengewerkschaften. Zuerst scherte im Jahr 2000 die bis dato als Berufsverband fungierende Pilotenvereinigung als tarifpolitisch selbständig aus, zwei Jahre später folgte dann die Anerkennung der Ufo als Tarifpartner der Lufthansa. Beide Gewerkschaften einte die Möglichkeit, mit relativ wenig Aufwand relativ wirkungsvolle Streiks anzufangen. Warum also nicht die Macht nutzen und für die eigenen Vorteile kämpfen?

Das verdienen Flugbegleiter

Das Durchschnittsgehalt aller Lufthansa-Flugbegleiter liegt nach Konzernangaben bei 50.000 Euro. Zusammen mit der Altersversorgung sollen die Personalkosten bei Lufthansa fast doppelt so hoch sein, wie bei allen anderen Wettbewerbern in Deutschland. Das stimmt nicht, sagt dagegen die Gewerkschaft. Selbst nach 25 Jahren komme ein Flugbegleiter nur auf rund 37.200 Euro. Im Alter drohe mit einer Neuregelung bei der Rentenversorgung sogar Armut, vor allem für die neuen Kollegen.

Schaut man in die Fachliteratur, liegt die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte. Ein neu eingestellter Flugbegleiter bekommt in Deutschland zwischen 23.000 und 30.000 Euro brutto. Leitende Flugbegleiter, also Purser, verdienen demnach 33.000 bis 50.000 Euro. Hinzu kommen in der Regel noch Bordverkaufsprovisionen sowie pauschale Zulagen für Sonn-/Feiertags- und Nachtarbeit in Höhe von rund 16 Prozent, die steuerfrei sind.

Hatte man in der Lufthansa-Vorstandsetage den Austritt der fliegenden Belegschaft aus dem Lufthansa-Tarifverbund möglicherweise zunächst aus der daraus resultierenden Schwäche der vielen Bodenmitarbeiter geduldet, traute sich in den Folgejahren das Management lange nicht an die Privilegien ihrer fliegenden Belegschaft.

Dafür gab es auch keinen Grund. Lange ging das gemeinschaftliche Aushöhlen des Sozialprinzips ja auch irgendwie gut. Auf der einen Seite drückten die mächtigen Spartengewerkschaften in Cockpit und Kabine ihre Forderungen durch. Auf der anderen Seite profitierte das Management von vergleichsweise ruhigen Verhältnissen - nicht ohne sich dabei selbst größere Stücken des Kuchens zu gönnen.

Jetzt aber hat die Lufthansa die Tarifverträge ihrer Besatzungen gekündigt. Und auch vor dem Management machen die Kürzungen nicht Halt. Anders geht es aufgrund des internationalen Konkurrenzdrucks nicht mehr weiter.

Die Management-Dünnhäutigkeit aus der Vergangenheit fordert jetzt ihren Tribut mit umso härteren Streiks. Erst die Piloten, und nun auch die Flugbegleiter. Die Folgen sind für die Lufthansa entsprechend teuer, allerdings scheint der Konzern die Unterstützung seiner Anleger zu haben. Würde alles weiterlaufen wie bisher - es würde für die Airline unter den geänderten Vorzeichen wohl noch teurer. Glaubt man der Lufthansa, ist mittlerweile sogar die Existenz bedroht.

© Repro: airliners.de, Lesen Sie auch: Fliegen - ein (Alb-)Traum?

Die Geschichte hinter der Lufthansa-Altersversorgung

Wie man es nun auch dreht und wendet, die Flugbegleiter haben Macht: Zum einen darf ohne sie kein Flugzeug abheben, zum anderen sind sie quasi das Gesicht der Fluggesellschaften - viel mehr übrigens als die Piloten. In dieser Gewissheit bestehen die Flugbegleiter weiter offiziell auf ihren Versorgungsleistungen, auch wenn die Angebote der Lufthansa schwerlich so schlecht sein kann, im Gegenzug eine ganze Woche lang zu streiken.

Das Problem: Hinter den Kulissen dürfte es eigentlich um etwas ganz anderes gehen, nämlich um die Lowcost-Strategie mit Eurowings. Dahinter steckt die Auslagerung wesentlicher Teile des Lufthansa-Geschäfts auf in- und ausländische Tochtergesellschaften, wie etwa die Eurowings Europe mit Sitz in Wien. Eurowings-Flugzeuge mit österreichischer OE-Registrierung und günstig eingestelltem Personal werden schon bald in ganz Europa fliegen, mit Basen auch in Deutschland.

Mitglieder der Flugbegleitergewerkschaft Ufo sammeln sich am 6. November 2015 auf dem Flughafen in Frankfurt zu einer Protestkundgebung. Foto: © dpa, Boris Roessler

Dabei setzt die Airline aktuell auf zweijährig befristete Arbeitsverträge. Schon jetzt gibt es - auch bei der Lufthansa - etliche Flugbegleiter, die als Saisonkräfte nur im Sommer unterwegs sind. Auf die gesamte Branche bezogen ist der Job ohnehin für viele nicht viel mehr als ein kurzer Ausflug in die Luftfahrt. Der Arbeitsalltag ist hart und entsprechend hoch ist die Fluktuation. Zeitarbeit ist inzwischen sowieso nicht mehr nur bei den Billig-Airlines ein großes Thema.

Der Ufo sind dabei die Hände gebunden, denn ihre Gewerkschaftsmacht endet an der deutschen Landesgrenze. Die Piloten hatten nach Ansicht des Hessischen Landesarbeitsgerichts zum Thema Eurowings gestreikt, und wurden gestoppt. Denn eine Unternehmensentscheidung wie die Gründung einer Tochter im Ausland ist kein Streitpunkt, wegen dem eine Gewerkschaft in einer Tarifauseinandersetzung streiken darf.

© dpa, Oliver Berg Lesen Sie auch: Lufthansa will für Eurowings Europe nur in Österreich verhandeln

Das wissen die Flugbegleiter und äußern sich im Rahmen ihrer Streiks nicht mehr öffentlich zur Eurowings. Aber kampflos aufgeben können die Kabinengewerkschaften aus purem Eigeninteresse nicht. Vielleicht bestehen sie also genau deswegen auf die wohl weiterhin kaum lösbaren Differenzen bei den Renten. Die Frage bleibt, wie lange sich das die Kunden noch anschauen.

Von: dh
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