Interview

"Der Flughafen Hamburg verniedlicht die Zahlen"

24.01.2019 - 07:04 0 Kommentare

BDF-Geschäftsführer Engel widerspricht im Interview mit airliners.de den Aussagen des Hamburg-Chefs: Das von ihm taxierte Investitionsvolumen und die angestrebte Höhe der Gebühren seien nur die halbe Wahrheit und stellten die Situation verzerrt dar.

Entwurf für die Shuttle-Gates am Flughafen Hamburg. - © © Flughafen Hamburg/Formfest -

Entwurf für die Shuttle-Gates am Flughafen Hamburg. © Flughafen Hamburg/Formfest

Der Flughafen Hamburg will am Donnerstag dem Airline-Verband BDF und der zuständigen Genehmigungsbehörde eine Gebührenerhöhung präsentieren. Worauf diese zurückzuführen ist, hat Airport-Chef Michael Eggenschwiler bereits im Interview mit airliners.de skizziert. Nun meldet sich BDF-Chef Michael Engel zu Wort und erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum er die Argumente des Flughafens nicht nachvollziehen kann.

airliners.de: Herr Engel, Airport-Chef Michael Eggenschwiler taxiert in den Gebührenverhandlungen mit einer Investitionssumme von 300 bis 400 Millionen Euro ...
Michael Engel:
Da muss ich direkt unterbrechen. Das ist so nur die halbe Wahrheit. Der Flughafen Hamburg will bereits ohne die beiden Großprojekte Pier Süd und HAM Bag in den kommenden Jahren Investitionen von insgesamt 265 Millionen Euro tätigen und die Kosten an die Airlines weitergeben. Der Ausbau des Pier Süd und der Neubau für die Gepäcksortierung und -speicherung sind da noch gar nicht eingerechnet. Allein diese beiden Großprojekte würden noch einmal circa 350 bis 400 Millionen Euro kosten, die dann für die Fluggesellschaften on top kämen. Also sind wir insgesamt bei über 600 Millionen Euro, die nun über die Airlines ausgeglichen werden sollen. Und für die beiden Großprojekte Pier Süd und HAM Bag sehen wir derzeit und für die nächsten fünf Jahre auch keinen Umsetzungsbedarf. Die Fluggesellschaften wollen den Flughafen bedarfsgerecht ausbauen und nicht Kapazität auf Vorrat bauen.

Zum Interviewpartner

Der Geschäftsführer: Michael Engel führt seit 2008 den Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF). Zudem ist er Mitglied im Verkehrsausschuss des BDI. Zuvor war er unter anderem Bereichsleiter beim VDA (Verband der Automobilindustrie).

BDF-Geschäftsführer Michael Engel. Foto: © airliners.de

Der Verband: Der BDF vertritt die Interessen der deutschen Linien-, Charter- und Low Cost-Carrier gegenüber Wirtschaft und Politik. Im Vorstand sind unter anderem die Chefs von Condor, Eurowings, Lufthansa und Tuifly vertreten. Die Mitglieder-Airlines befördern jährlich über 150 Millionen Passagiere und beschäftigen in Summe 135.000 Mitarbeiter.

Die Flughafenentgelte sollen auf 55 Cent steigen - Herr Eggenschwiler verteidigt das damit, dass Fliegen nun einmal seinen Preis hat und der Passagier auch bereit sei, die Mehrkosten zu tragen. Aber die Airlines sind nicht bereit dazu?
Die 55 Cent sind ebenfalls eine verzerrte Darstellung. Erstens sieht der Flughafen diese 55 Cent ja nur als eine erste weitere Erhöhung seiner Entgelte. Dieser Erhöhung sollen ja weitere folgen. Und zweitens rechnet der Flughafen den Betrag dadurch klein, in dem er die Mehrkosten durch alle Passagiere teilt, die in Hamburg abfliegen und reinkommen. Pro abfliegenden Passagier ist der Betrag also doppelt so hoch, also eine Erhöhung um 1,10 Euro pro abfliegenden Fluggast. Damit sieht die Wahrheit schon ganz anders aus. Hier werden die Zahlen also schon sehr verniedlicht.

Nichtsdestotrotz reden wir hier von einer Erhöhung um 7,6 Prozent - eigentlich hinnehmbar, wenn man bedenkt, dass die Gebühren seit 2000 nominal um gerade einmal 0,6 Prozent gestiegen sind?
Nein, absolut nicht hinnehmbar. Auch die Darstellung der Gebührenentwicklung entspricht nicht den Tatsachen. Man muss das im Zusammenhang sehen. Fakt ist, dass der Flughafen im letzten Jahr 72 Prozent mehr Passagiere als im Jahr 2000 zählte, bei sogar etwas weniger Flugbewegungen als 2000. Das ist zuallererst einmal einer deutlichen Produktivitätsverbesserung der Fluggesellschaften zu verdanken, durch größeres Fluggerät und eine deutlich bessere Auslastung der Flugzeuge. Eigentlich hätte diese Entwicklung zu sinkenden Stückkosten am Flughafen führen müssen. Hat sie aber nicht, weil der Flughafen im Windschatten dieser günstigen Passagierentwicklung seine Kosten seit 2000 verdoppelt hat. Für diese Kostenverdoppelung hat der Flughafen sehr wohl seine Entgelte erhöht - allein seit 2011 um 17 bis 30 Prozent, je nachdem zu welcher Tageszeit man in Hamburg fliegt. Zuletzt hat der Flughafen Mitte 2017 seine Entgelte erhöht - damals um 10,5 Prozent. Wenn ich jetzt also die 7,6 Prozent draufrechne und aufrunde, bin ich bei einer Erhöhung von fast 20 Prozent in nicht einmal 24 Monaten. Das ist einmalig in Deutschland und hat nichts mehr mit der vom Flughafen behaupteten 'Zurückhaltung' zu tun.

© Flughafen Hamburg, Lesen Sie auch die andere Seite: "Fliegen darf seinen Preis haben - auch am Flughafen" Interview mit Hamburgs Airportchef Eggenschwiler

Unterm Strich gibt es aber Investitionen am Flughafen in die Zukunft - und auch in weiteres Wachstum. Das müssen doch auch die Airlines als Nutznießer mittragen ...
Zunächst einmal: Ja, auch die Fluggesellschaften sind für einen bedarfsgerechten Ausbau der Infrastruktur. Aber eben bedarfsgerecht. Wenn der Flughafen innerhalb kürzester Zeit Investitionen in diesem Umfang plant, dann baut er jetzt Kapazitäten für Passagiere, die erst in 15 Jahren kommen, und wenn er die Kosten dafür dann auch noch komplett den Fluggesellschaften in die Gebühren rechnet, dann dauert das vielleicht noch länger, weil dann das Wachstum unter Umständen gar nicht oder noch später kommt.

Klingt nicht so, als wenn Flughafen und Ihr Verband am Verhandlungstisch so schnell zueinander finden würden?
Die Fluggesellschaften haben dem Flughafen einen fairen und partnerschaftlichen Vorschlag gemacht, wie wir gemeinsam die weitere Entwicklung des Flughafens positiv gestalten können. Dafür ist es auch sinnvoll, eine solche Vereinbarung über mehrere Jahre zu treffen und gemeinsam festzulegen, wann welcher Ausbau starten soll und benötigt wird. Alles andere kann dem Flughafenstandort Hamburg und seinen Wachstumsperspektiven nicht zuträglich sein und findet auch nicht unsere Zustimmung.

Herr Engel, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs
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