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Gedankenflug Zum Tag der Arbeit(geber)

In der Corona-Krise ist vieles anders. Auch das Selbstverständnis der Gewerkschaften wird auf eine harte Probe gestellt. Denn Corona nimmt ihnen die Macht. Für Konzerne eine einmalige Gelegenheit.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr, im Vordergrund ist eine Flugbegleiterin der Airline zu sehen. © dpa / Christian Charisius

Abseits der tagtäglichen Meldungen machen sich die Redakteure bei airliners.de Gedanken über das weniger Offensichtliche. Mit unseren "Gedankenflügen" wollen wir Sie daran teilhaben lassen und hoffen, die eine oder andere Anregung geben zu können. Ein Kommentar von airliners.de-Herausgeber David Haße zum politischen Streit um die Verstaatlichung der Lufthansa.

Flotten am Boden, Mitarbeiter in Corona-Kurzarbeit. Alle Mitarbeiter? Nein, nicht alle Mitarbeiter: Bei Germanwings wurde niemand in Kurzarbeit geschickt. Denn wer in Kurzarbeit ist, darf nicht gekündigt werden. Und Germanwings soll abgewickelt werden.

Das war zwar schon vor Corona geplant, aber Corona hat neue Fakten geschaffen. Germanwings wird nach dem Shutdown nicht wieder abheben.

Wo aber sind die protestierenden Mitarbeiter in den Terminals? Ach ja: Geht nicht wegen Corona. Und die Gewerkschaften? Wenden sich mit Petitionen und Appellen an die Politik. Denn die Politik ist aktuell die einzige Hoffnung für die sonst so mächtigen Lufthansa-Gewerkschaften Vereinigung Cockpit, Ufo und Verdi.

Schreckgespenst Insolvenz

Das Schreckgespenst ist klar: Eine Grundsanierung im Rahmen einer Insolvenz. Die Pilotengewerkschaft verspricht sogar einen Einkommensverzicht von satten 45 Prozent, für den Fall, dass stattdessen der Staat an Bord geht.

Das muss man sich erstmal leisten können, werden einige jetzt raunen. Und bezahlt das Kurzarbeitergeld samt aller Sozialabgaben nicht ohnehin gerade der Staat? Stimmt, aber es sei erinnert, dass die staatliche Kurzarbeitergeld-Übernahme auf 6900 Euro monatlich gedeckelt ist.

© Lufthansa, Gregor Schlaeger Lesen Sie auch: Große Unterschiede bei der Corona-Kurzarbeit in Cockpit und Kabine Analyse

Die Lufthansa muss etlichen Gutverdienern also weiterhin ordentliche Summen überweisen. Das geht an die Substanz, denn noch ist nicht absehbar, wann wieder geflogen wird. Und die Verhandlungen um staatliche Beteiligungen dauern nun schon Wochen an. Kein Wunder, wenn der Staat Geld gibt, kommen politische Forderungen ins Spiel: Strikte Umweltauflagen, regionale Bevorzugungen, der Erhalt sämtlicher Arbeitsplätze.

Alte Zöpfe abschneiden

Da erscheint eine Insolvenz samt Schutzschirmverfahren aus Unternehmersicht durchaus als interessanten Option. Der Schutzschirm ist ein staatlicher Kredit und bietet ein Polster für die Zeit, in der nicht geflogen werden darf. Insolvenzen erleichtern derweil, alte Zöpfe abzuschneiden, wie es in ähnlicher Form die US-Fluggesellschaften zuletzt nach der Bankenkrise vorgemacht haben.

Drückende Pensionsverpflichtungen, teure Tarifverträge, zu viel Personal: Eine Insolvenz während Corona würde Kürzungen in einem Ausmaß ermöglichen, an das in normalen Zeiten nicht zu denken wäre. Zumindest nicht mit derart mächtigen Spartengewerkschaften, wie es sie in der Lufthansa gibt.

Die Arbeitnehmerrechte sind zwar auch in der Insolvenz im Wesentlichen dieselben. Nur was sollen die Arbeitnehmer denn machen? Corona hat den Gewerkschaften de facto die Macht genommen. Denn das ultimative Drohmittel fehlt: Ein Streik wäre dieser Tage zwecklos. Denn es fliegt ja ohnehin nichts.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der Marketing- und Kommunikationsfachmann beschäftigt sich seit 2007 professionell mit den Themen der Luftverkehrswirtschaft und Luftverkehrspolitik
Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: David Haße

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