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Mark Hiller, CEO Recaro Aircraft Seating © Recaro Aircraft Seating
Die SL3710-Sitze von Recaro wiegen acht Kilogramm pro Passagier. © Recaro Aircraft Seating
Business-Class-Sitz CL6710 von Recaro Aircraft Seating © Recaro Aircraft Seating
Business-Class-Sitz von Recaro (Typ CL6710) © Recaro
CEO Mark Hiller (2. von rechts) mit den Mitgliedern der Geschäftsleitung von Recaro Aircraft Seating (v.l.n.r.: Heiko Fricke, Peter Müller, Joachim Ley) © Recaro Aircraft Seating
Firmenzentrale der Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall © Recaro Aircraft Seating

Recaro gehört zu den weltweit größten Herstellern von Flugzeugsitzen und ist als Familienunternehmen eigenständig. Im Interview mit airliners.de spricht der Chef Mark Hiller über den Markt und die künftigen Entwicklungen, die Strategie seines Unternehmens, die Grenzen des Leichtbaus sowie den Fachkräftemangel.

airliners.de: Herr Hiller, lassen Sie uns mit wirtschaftlichen Aspekten anfangen: Mittlerweile gibt es im Markt für Flugzeugsitze viele kleinere Hersteller und kürzlich hat auch noch Boeing angekündigt, mit Adient selber Sitze bauen zu wollen. Ist der Markt groß genug für diese Menge an Playern und wo stehen Sie in diesem Gefüge?
Mark Hiller: Noch vor 15 Jahren gab es im Prinzip nur drei große Hersteller für Flugzeugsitze, die zusammen etwa 75 Prozent Marktanteil hatten. Wenn man sich das heute anschaut, ist es immer noch so. Allerdings muss man wissen, dass das Marktvolumen stark gewachsen ist. Heute liegt es etwa bei drei Milliarden US-Dollar, was für die kleineren Hersteller ein gemeinsames Volumen von rund 600 Millionen bedeutet, insofern ist da Platz im Markt. Allerdings gibt es zunehmend Druck durch die OEMs und die Airlines, die momentan ein bisschen zurückhaltender agieren. Deshalb vermute ich schon, dass der ein oder andere Neueinsteiger bald wieder aussteigt.

In die andere Richtung geschaut: Es gibt immer größere Tier-1-Supplier, United Technologies und Raytheon sind nun vereint größer als Airbus. Sehen Sie hier Gefahren für ihr Unternehmen, beispielsweise durch Übernahmeversuche?
Da gehören ja immer zwei dazu. Von unserer Seite gibt es da kein Risiko, da wir in Familienbesitz sind und es auch nicht die Absicht gibt, das zu ändern. Davon abgesehen sind wir von unserer Positionierung - also uns zu fokussieren auf die Sitze - absolut überzeugt. Wir wollen für unsere Kunden ein wichtiger Partner sein und weiterhin mit unserer Fokussierung auf den Flugzeugsitz überzeugen. Ganz im Sinn unserer Unternehmensvision "driving comfort in the sky". Man muss auch bedenken, dass die potenzielle Übermacht, die sich aus den sehr großen Suppliern ergibt, ja nicht unbedingt nur positiv gesehen wird.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie kein Interesse an einer Ausweitung ihres Portfolios über Sitze hinaus haben?
Wir sehen noch genug Wachstumspotenzial bei den Sitzen, vor allem in der Business Class, wo wir erst eingestiegen sind mit neuen Produkten. Und wir werden jetzt die Übertragung unserer Produkte auf die E-Jets und die A220 angehen. Nachdem die Embraer- und Bombardier-Programme nun zu den beiden Großen gehören, beziehungsweise gehören werden, sehen wir jetzt den richtigen Zeitpunkt für diesen nächsten Schritt.

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Zum Interviewpartner

© Recaro Aircraft Seating

Dr. Mark Hiller wurde 1972 in Stuttgart geboren und studierte in Kaiserslautern und den USA Wirtschaftsingenieurwesen. Er arbeitet seit 2003 für die Recaro-Unternehmensgruppe und ist seit 2012 CEO von Recaro Aircraft Seating. Seit 2014 ist er zudem Gesellschafter des Unternehmens. Vor seiner Berufung in die Geschäftsführung war er zunächst in der Holding tätig, später verantwortete er als Ressortleiter Customer Affairs den Vertrieb, das Programm-Management und den Customer Support.

Kommen wir mal zur technischen Seite. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen der Gewichts-Optimierung und gibt es bei den schwereren Sitzen der Business Class mehr Potenzial als in der Economy Class?
Generell ist in der Business Class noch deutlich mehr Potenzial. Da lag bei den Mitbewerbern, die mit Stand heute die großen Marktanteile haben, nicht so sehr der Fokus drauf. Wir haben einen relativ leichten Business-Class-Sitz, der etwa 80 Kilogramm wiegt, aber selbst dort ist natürlich noch Potenzial. Die Haupt-Wettbewerbsprodukte liegen eher so zwischen 100 und 120 Kilogramm. In der Economy Class haben wir schon eine deutliche Entwicklung vollzogen, da sind wir mit dem SL3710 bis auf acht Kilogramm pro Passagier runter. Wir haben vor einigen Jahren im Rahmen einer Studie einen Economy-Class-Sitz für Kurz- und Mittelstrecken ohne Berücksichtigung der Kosten entwickelt und sind auf 5,6 Kilogramm gekommen. Das ist unsere Vision. Da wollen wir uns sukzessive annähern mit wettbewerbsfähigen Kosten.

Bewegt sich das dann sprichwörtlich in Richtung "Holzklasse" oder können Passagiere da noch ein vernünftiges Maß an Komfort erwarten?
Da machen wir keine Abstriche, Komfort hat bei uns einen hohen Stellenwert. Unsere Entwickler würden sicherlich auch einen Sitz hinbekommen, der nur vier Kilo wiegt. Aber wir haben die Maßgabe, dass die Produkte komfortabel und auch ergonomisch top sein müssen. Im Markt gibt es Sitze um die viereinhalb Kilogramm, aber das entspricht nicht mehr unseren Ansprüchen an den Komfort.

Welcher Markt ist strategisch wichtiger für Recaro, Line Fit, also Ausstattung von Neuflugzeugen, oder Retro Fit, also neue Sitze für alte Flieger?
Wir schauen, dass wir hier diversifizieren. Für uns ist es deshalb wichtig, in beiden Feldern gut vertreten zu sein. Das Line Fit ist eher langfristig, da gibt es, je nach Programm, zum Beispiel alle zwei Monate eine Lieferung für eine Airline. Im Retro Fit sind es oft enger getaktete Lieferungen. Beispielsweise haben wir jetzt für eine Fluggesellschaft mit großer Boeing-777-Flotte alle Shipsets innerhalb von zwölf Monaten geliefert. Beides zusammen ergänzt sich gut, weshalb die Märkte auch gleich wichtig für uns sind.

Zum Unternehmen

Recaro Aircraft Seating (AS) ist Teil der Recaro Group und stellt an vier Standorten weltweit Flugzeugsitze her. Neben der Zentrale in Schwäbisch-Hall ist das Unternehmen auch in den USA, China, Südafrika und Polen vertreten. Recaro AS gehört nach eigenen Angaben mit einem Umsatz von rund 600 Millionen Euro weltweit zu den drei größten Flugzeugsitzherstellern und beschäftigt mehr als 2600 Mitarbeiter, davon 1400 in Deutschland.

In welchem der beiden Bereiche machen sie denn das größere Geschäft?
Aktuell hat Line Fit einen gewissen Überhang. Das liegt vor allem an den neuen Flugzeugmodellen Airbus A350 und Boeing 787. Airlines entscheiden sich meistens mit Zugang der neuen Flugzeuge für eine neue Sitzgeneration. Sie haben natürlich auch begrenzte Ressourcen und bei Neuflugzeugen gibt es immer intern große Projekte, alles zu definieren und auszuführen. Zu einem späteren Zeitpunkt führen sie dann die Kommunalisierung durch und rollen die neuen Produkte auf der bestehenden Flotte aus. Insofern gehen wir davon aus, dass sich der Anteil in den nächsten Jahren zu Gunsten von Retro Fit verschieben wird.

Was kostet denn ein Flugzeugsitz bei Ihnen im Schnitt?
Das ist ganz individuell, unter anderem geht es nach Volumen und Customizing-Grad. Es gibt Fluggesellschaften, die Material wie Gurte oder In-Flight-Entertainment-Systeme beisteuern und andere beauftragen uns damit, deshalb variiert das stark. Ich kann Ihnen aber ein paar grobe Zahlen geben: Auf der Langstrecke sprechen wir in der Economy Class so über 5000 Euro pro Sitzplatz und in der Business Class etwa über 60.000 bis 80.000 Euro oder auch darüber.

First Class ist ein kleines und auch schwindendes Marktsegment

Mark Hiller

Recaro stellt Sitze für Economy und Business Class her, warum bieten Sie nicht auch First-Class-Sitze an?
Die Begründung ist auch hier die Fokussierung. Die First Class ist ein relativ kleines und auch ein schwindendes Marktsegment. Sie macht von den etwa drei Milliarden US-Dollar Marktvolumen deutlich weniger als zehn Prozent aus, geschätzt etwa 200 Millionen. Die Business Class hat dagegen ein sehr großes Marktvolumen, deshalb haben wir hier unseren Fokus drauf gelegt.

Noch einmal ein Themenwechsel und eine Frage zum vieldiskutierten Fachkräftemangel: Haben Sie Probleme, in Deutschland ausreichend gutes Personal zu finden?
Das Problem ist relevant und hat zugenommen in den letzten Jahren. Was uns aber hilft ist, dass die Luftfahrt eine attraktive Branche ist und wir global aufgestellt sind. Uns hilft auch die Marke und die langfristige Orientierung als Familienunternehmen. Aber wir tun auch aktiv etwas, beispielsweise mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und Home-Office-Regelungen. Wir setzen bei der Führungskräfteentwicklung stark auf eigene Mitarbeiter, 75 Prozent unserer Führungskräfte haben eine interne Karriere gemacht. Dadurch bieten wir unseren Mitarbeitern gute Entwicklungsperspektiven.

Und zum Abschluss: Wissen Sie, wie viele Flugzeugsitze Recaro insgesamt im Laufe der Jahre verkauft hat?
Wir haben insgesamt etwa 1,5 Millionen Flugzeugsitze verkauft. Aber erst in den letzten 10 Jahren kam das wirklich große Volumen. Wir haben in den letzten Jahren jeweils über 100.000 Sitze ausgeliefert, teilweise sogar 150.000.

Herr Hiller, vielen Dank für das Gespräch.

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