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Interview "Wir haben kein schlechtes Gewissen, innerdeutsch zu fliegen"

Lübeck Air fliegt seit Mitte August auf innerdeutschen Routen und hat dafür den Zorn von Klimaaktivisten abbekommen. Trotz Corona hat Geschäftsführer Jürgen Friedel schon neue Ziele im Blick - auch in Sachen Engagement für die Umwelt. Ein lesenswertes Interview aus dem November, jetzt ohne Paywall.

Jürgen Friedel ist Chef der Lübeck Air und des Flughafens. © Lübeck Air

Hinweis: Dieses Interview wurde ursprünglich am 9. November 2020 veröffentlicht.

Lübeck Air ist Deutschlands jüngste Fluggesellschaft. Mitten in der Corona-Krise gestartet, will die zum privat betriebenen Lübecker Flughafen gehörende Regional-Airline sowohl am Boden als auch in der Luft mit viel Service punkten. Zum Start der innerdeutschen Verbindungen nach München und Stuttgart wurde Lübeck Air Protestzielscheibe von Klimaaktivisten. Ein Gespräch über die Anlaufphase während Corona, die weiteren Planungen und die Umweltziele der Airline mit Geschäftsführer Jürgen Friedel.

airliners.de: Was macht Corona mit einer neuen Regionalfluggesellschaft wie Lübeck Air?

Jürgen Friedel: Natürlich sind wir bei Lübeck Air von Corona betroffen. Wobei wir insofern ein bisschen besser dran sind, weil wir uns ja nach dem Start am 17. August noch immer in der Aufbauphase befinden und vom Business Plan her in diesem Jahr ohnehin keine Gewinne eingeplant hatten. Trotzdem versuchen wir natürlich, so wirtschaftlich wie möglich zu arbeiten.

Dennoch haben Sie jetzt etliche Flüge gestrichen…

Ja, wir haben jetzt reagiert, denn nachdem das neue Übernachtungsverbot kommuniziert wurde, hatten wir tatsächlich mehr Stornierungen als Buchungen. Zum ersten November haben also auch wir unser Programm deutlich reduziert, um etwa 50 Prozent. Mit so geringer Auslastung wollten wir dann nicht mehr fliegen.

© Flughafen Lübeck

Über den Interview-Partner

Jürgen Friedel ist seit dem 1. Juli 2016 Geschäftsführer des Flughafen Lübeck. Der private Betreiber, die Stöcker Flughafen GmbH & Co.KG, gründete im November 2017 die Lübeck Air GmbH, für die Friedel ebenfalls die Geschäftsführung übernahm. Friedel ist Bauingenieur, hat im Verkehrswesen promoviert und hält seit 1993 Vorlesungen zum Luftverkehr an der Universität Wuppertal.

Was fällt jetzt weg?

Wir haben jetzt die ganzen frühen Flüge rausgenommen und wir fliegen nicht mehr dienstags und mittwochs. Wir fliegen also noch montags, donnerstags, freitags und sonntags sowohl nach Stuttgart als auch nach München hin und zurück.

Wie stand es denn um die Auslastung vor dem neuen Lockdown?

Nach dem Start und vor allem im September und Oktober war die Auslastung tatsächlich überraschend gut. Das hat uns sehr positiv gestimmt. Vor dem Hintergrund von Corona und auch im Vergleich mit anderen Airlines lagen wir als Newcomer bei rund einem Drittel Auslastung. Es gab natürlich auch Tage und Wochen, die deutlich besser waren. Ende Oktober ist das dann aber deutlich runtergegangen. Die Geschäftskunden sind so gut wie ganz weggeblieben und auch private Reisen an die Ostsee sind jetzt mit dem Übernachtungsverbot schlicht nicht mehr möglich.

Planen Sie trotzdem schon die Zukunft?

Ja, wenn Corona vorbei ist, wollen wir zunächst auch Stuttgart double-daily anbieten. Und als nächstes denken wir darüber nach, Zürich und Wien anzubinden.

Werden das dann Verlängerungen aus Stuttgart oder München?

Nein, das alles ist nonstop. Wir haben dann ja ein zweites Flugzeug und dann würden wir tatsächlich die Mittagsrotation in die Schweiz und nach Österreich einplanen. Aktuell ist das aber Zukunftsmusik, jetzt müssen wir erstmal sehen, dass wir unsere Strecken stabil hinbekommen. Aber das ist unsere Planung.

Wann meinen Sie denn, dass sich der Flugplan stabilisieren lässt?

Wir gehen davon aus, dass es spätestens ab Frühjahr wieder bergauf geht. Dass wir dann auch sehen, dass sich unser Konzept durchsetzt und dann werden wir sehr bald ein zweites Flugzeug einflotten.

Wie teilt sich Ihre Kundschaft denn bislang auf? Sie hatten ja vor allem Geschäftsreisende im Fokus.

Ich schätze den Anteil der Privatreisenden auf rund 50 Prozent. Wir haben durchaus viele Kunden aus Bayern und Baden Württemberg, die in die Ferien an die Ostsee fliegen. Der Anteil war zuletzt deutlich höher als ursprünglich gedacht, weil viele größere Firmen auch schon seit dem Start unserer Operations sehr zurückhaltend waren, was Geschäftsreisen während Corona angeht. Darauf wurde so gut es geht verzichtet. Es waren eher die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die noch gereist sind.

Was machen die Charter-Ambitionen, immer am Wochenende sollte es doch zu Leisure-Destinationen gehen?

Daraus ist in der Coronazeit kaum etwas geworden. Dabei waren wir schon vor dem Start eigentlich jeden Samstag bis weit in den Oktober hinein ausgebucht. Nur leider mussten wir das alles absagen, weil die Reiseveranstalter die Reisen nach Italien, auf die Kanalinseln und so weiter nicht mehr anbieten konnten. Das ist verständlich, aber traurig. Dennoch planen wir schon wieder, beispielsweise Ski-Charter nach Memmingen. Vielleicht wird es ja was, wenn nicht in diesem Winter, dann im nächsten.. Da fliegt man hin, der Bus steht vor der Tür und los geht's auf die Piste. So muss das sein und die Skier fliegen kostenlos mit. Apropos Sport: Sportcharter ist als Einnahmequelle dazugekommen. Lübeck ist ja im Fußball aufgestiegen, die Lübecker Handballer haben Auswärtsspiele und auch der THW Kiel ist auf uns aufmerksam geworden.

Wie ist denn Ihr Bord-Konzept angekommen?

Überwältigend, die Kunden loben die frische Mahlzeit, viel Sitzabstand, den netten, persönlichen Service vom sehr beliebten Telefon-Serivce bis hin zum per Hand bestickten Kissen, kurze Wege am Boden und unser modernes Terminal in Lübeck. Das haben die Leute genau so positiv aufgenommen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wissen Sie, wenn Sie bei uns anrufen, dann geht kein Roboter dran, der erstmal vorselektiert und dann zu einem Callcenter durchstellt. Bei uns kann es sein, dass genau derselbe Mitarbeiter Rückfragen beantwortet oder Ihren Flug bucht, der Sie dann am nächsten Tag auch eincheckt. Das ist die Kombination von Startup und Menschlichkeit, mit der wir punkten. Wir haben schon echte Stammkunden, die uns getestet haben und jetzt immer wieder fliegen.

© Lübeck Air, Lesen Sie auch: Lübeck Air setzt zum Start auf viel Service, München und Stuttgart

Wie ist denn der Flugbetrieb angelaufen, gab es Startprobleme?

Nein, alles war perfekt vorbereitet, was ja auch für unsere Qualität spricht und für viele ein wichtiges Kriterium ist. Wir haben jetzt rund 400 Flüge durchgeführt und davon waren zwei verspätet und einer ist ausgefallen. Also 99 plus Prozent pünktlich oder früher als geplant am Ziel. Da sind wir mächtig stolz, das muss ich ehrlich sagen.

Der allererste Flug war verspätet, oder?

Ja, weil Umweltaktivisten versucht haben, sich am Flugzeug festzukleben.

Haben Sie Verständnis für solche Proteste?

Nein, ich war ehrlich gesagt geschockt. Das hat mich persönlich betroffen gemacht. Ich dachte das geht doch gar nicht, wir tun hier etwas für die Region und versuchen, das so nachhaltig wie möglich zu gestalten und dann gibt es Leute, die das im wahrsten Sinne des Wortes zerstören wollen. Uns wurden ja auch noch die Scheiben am Flughafen zerschlagen. Wissen Sie, jeder soll und darf in Deutschland protestieren und das ist auch wichtig. Aber etwas mutwillig kaputtzumachen, das hat nochmal eine andere Qualität. Das hat mich schon nachdenklich gemacht.

Auch in Richtung Umwelt?

Ich habe großen Respekt vor der Jugend, die die Alten wachrüttelt und sagt, wir haben hier ein Problem. Wir hatten auch friedliche Proteste von Fridays for Future hier. Das ist wichtig, damit diejenigen, die Entscheidungen treffen, ein Bewusstsein dafür entwickeln. Uns ist natürlich bewusst, dass Luftfahrt per se nicht umweltfreundlich ist. Aber alles, was in unserer Macht steht wollen wir so nachhaltig wie möglich gestalten. Wir verzichten wo es geht auf Plastik, wir bauen sogar Hangars, die man danach neu verwenden kann und wir engagieren uns, zukünftig selbst synthetischen Kraftstoff anzubieten. Immerhin haben wir hier in Schleswig-Holstein einen Überschuss an grüner Energie.

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Sie planen also eine PTL-Anlage direkt am Flughafen Lübeck?

Ja, wir wollen eine Pilotanlage am Flughafen errichten und so das Thema voranbringen, die Gespräche dazu laufen bereits. Der Plan ist, schon bald den ersten Liter grünes Synthetik-Kerosin hier zu vertanken. Solange wir aber noch fossiles CO2 ausstoßen müssen, wollen wir das zunächst kompensieren. Dazu werden wir ein Moor neu vernässen, weil das einen unglaublichen CO2-Effekt hat. Wir wollen unseren CO2-Ausstoß hier möglichst nah am Flughafen kompensieren, nicht irgendwo in der Welt.

Was verbraucht denn Ihre ATR pro Sitz, beispielsweise im Vergleich zu einem A320?

Das ist ganz interessant, man kann ja bei Atmosfair den CO2-Fußabdruck für eine Reise ermitteln. Wenn Sie dort Lübeck-München eingeben, dann sind das 45 Kilogramm CO2 mit unserer ATR 72. Im Airbus A320 wären es mehr als das Doppelte, nämlich 110 Kilogramm. Das kommt, weil unsere ATR nicht so hoch fliegt und keine Kondensstreifen verursacht. Wenn man sich das anschaut dann ist es einfach nur unfair, wenn man nun genau uns angreift. Es ist einfach zu sagen, fliegen ist schlecht, ohne das alles zu hinterfragen.

Haben Sie es mal für die Bahn berechnet?

Wissen Sie, die Bahn kommt in ihrem eigenen Vergleich für sich selbst auf rund fünf Kilo und für das Flugzeug auf 125 Kilo. Das hinkt aber hinten und vorne, weil die Bahn den Ökostromanteil voll in den ICE-Verkehr reinrechnen und im Gegenzug die Güterzüge und der Regionalverkehr dreckig fährt, ohne dass es jemand merkt. Realistisch betrachtet sind es Zwischen Lübeck und München rund 25 Kilo mit der Bahn im normalen Strommix. Also nur etwas besser als wir. Aber die Bahn verbaut dazu noch riesige Flächen und verlegt Stahl und Betonbohlen. Das alles verursacht auch nochmal große Mengen CO2. Ein effizientes Regionalflugzeug braucht all das nicht. Von einer Startbahn erreicht man ja die ganze Welt.

© BMU, Sascha HilgersLesen Sie auch: Umweltministerium plant feste PTL-Quote für Flugzeug-Kerosin

Also kein schlechtes Gewissen?

Nein, wir haben kein schlechtes Gewissen, zwischen Lübeck und München oder Stuttgart zu fliegen. Das ist eine Entfernung, bei der die Bahn keine wirkliche Alternative ist. Und wir fliegen in etwas über einer Stunde nach München. Mit der Bahn dauert das mindestens viermal länger. Das geht nicht für einen Tagesausflug im Geschäftsreisesegment. Und wenn wir jetzt noch an der Klimawirkung des Luftverkehrs arbeiten und synthetische Kraftstoffe aus Sonnen- oder Windenergie tanken, was kann man dann noch gegen das Fliegen haben?

Vielen Dank für das Gespräch.

Von: dh

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