"Wir kommen nicht als Germania-Ersatz" - Corendons Pläne in Nürnberg

Durch die Stationierung von zwei Flugzeugen wird Nürnberg im kommenden Jahr die größte deutsche Basis der Corendon Airlines Europe. Airliners.de hat die Corendon-Spitze ebendort getroffen und sich die Wachstumspläne erklären lassen.

Corendon-Chairman Yildiray Karaer und Nürnbergs Flughafen-Chef Dr. Michael Hupe © airliners.de

Corendon Airlines hat für die beiden kommenden Flugplanperioden ein deutliches Wachstum in Deutschland angekündigt. Ab Ende September stationiert die Tochter Corendon Airlines Europe eine Boeing 737-800 fest in Nürnberg und ab Mai 2020 eine zweite.

Neben den bereits bestehenden Basen in Köln/Bonn und Münster/Osnabrück, wo jeweils eine Maschine beheimatet ist, wird Nürnberg damit ab dem kommenden Jahr die meistfrequentierte Destination der Fluggesellschaft in Deutschland, erklärten Yildiray Karaer, Chairman und Mitgründer der türkischen Corendon-Gruppe und Deutschland-Manager Thomas Braun bei einem Pressegespräch in Nürnberg, an dem auch der Nürnberger Flughafen-Chef Michael Hupe teilnahm.

"Die Situation im Markt ist so, dass wir jetzt die Möglichkeit zum Wachstum hier haben," sagte Braun. Man wisse allerdings, wie hart umkämpft der deutsche Luftverkehrsmarkt sei. Zwar profitiere man vom Ausscheiden einiger Fluggesellschaften, aber "Air Berlin, Small Planet und Germania sind Beispiele, wie risikoreich das Geschäft ist." Gleichwohl hätten die genannten Airlines Lücken hinterlassen, in denen man durchaus wirtschaften könne.

Seit 2018 wurden die Corendon-Flugzeuge zum gewohnten Bild an fast allen deutschen Verkehrsflughäfen. Im Charterverkehr bringen die Maschinen Touristen aus Deutschland an klassische Urlaubsziele rund ums Mittelmeer, sowohl für die großen deutschen Reiseveranstalter als auch für das eigene Geschäft als Tour-Operator.

Zweites Standbein "ethnischer Verkehr"

Das soll jedoch mit Blick auf die in Deutschland stationierten Maschinen nicht das einzige Standbein bleiben: "Wir wollen mit den Flugzeugen ganzjährig durchfliegen, das ist beim reinen Fokus auf touristischen Charterverkehr im Winter jedoch schwierig," so Braun. Bestenfalls sei eine Maschine 18 Stunden am Tag in der Luft. Corendons Ansatz ist deshalb, in den Tagesrandlagen sogenannten "ethnischen Verkehr" in die Türkei anzubieten, also eine Alternative im Linienverkehr für Deutschtürken und Besucher des Landes mit Einzelplatzverkauf zu etablieren, was bisher im Anfangsstadium gut funktioniere.

Idealerweise fliegt eine in Deutschland stationierte 737 tagsüber – je nach Ziel - ein bis zwei Flüge ans Mittelmeer und über die Nacht in die Türkei, um morgens wieder an ihrer Basis anzukommen.

737-800 der Corendon Airlines Europe Foto: © Flughafen Erfurt, Max Reymann

Für die Corendon-Manager ist dabei neben umfangreichen Marktanalysen vor allem die Verankerung vor Ort entscheidend. Dem pflichtet auch Michael Hupe bei: "Die Menschen hier in Franken wollen die regionale Alternative. Wenn das Angebot da ist, fliegen sie von hier, statt zunächst mühsam nach Frankfurt oder München zu fahren."

Die Corendon-Chefs auf Deutschland-Tournee

Um sich vor Ort zu etablieren, touren Airline-Boss Karaer, Braun und weitere Mitarbeiter gerade durch die Regionen. Neben den Flughäfen in Friedrichshafen und Nürnberg, wo die Corendon-Vertreter am Abend noch zu einem Empfang mit 120 Reisebüros aus der Region geladen hatten, stehen auch Köln, Münster und Hannover auf dem Programm. Man sei eine eingeschworene Truppe und wolle auch so wahrgenommen werden, um Vertrauen zu schaffen und angenommen zu werden. "Corendon Airlines Europe ist in der richtigen Verfassung, um Wachstum in Deutschland verantwortungsvoll zu stemmen, das ist unsere Botschaft," erklärt Braun.

Dass die Fluggesellschaft dabei auf die Erfahrungen der mehrjährigen Zusammenarbeit mit den großen Reiseveranstaltern wie Tui zurückgreifen kann, hilft dabei genauso wie die Einbindung als Teil der Corendon-Gruppe. Ursprünglich 1997 als deutsch-niederländischer Reiseveranstalter gegründet, hat das Unternehmen bereits 2005 die türkische Tochter Corendon Airlines aus der Taufe gehoben. Man sei teilweise unzufrieden mit den gebuchten Charterkapazitäten gewesen und wollte daher ein durchgehendes Service-Level unter eigener Marke bieten, erläutert Karaer die damalige Motivation ins Airline-Business einzusteigen.

Im Sommer 2020 51 Abflüge pro Woche aus Nürnberg

2011 kam die niederländische Corendon Airlines Dutch hinzu, die jedoch mittlerweile verkauft wurde, bevor man sich 2017 entschloss, die auf Malta beheimatete Corendon Airlines Europe zu gründen, um Flüge aus und in der EU anbieten zu können. Seitdem stehen die Zeichen auf Wachstum, vor allem in Deutschland. 1,5 Millionen Sitze will man im Sommerflugplan 2020 ab Deutschland anbieten, 60 Prozent mehr als im Sommer 2019. Davon entfallen bei 51 Abflügen pro Woche 240.000 auf Nürnberg. Wichtigstes Ziel mit täglichen Flügen ist Antalya.

Die Flotte der Corendon Europe besteht derzeit aus fünf 737-800 und einer geleasten A320, mit der die ebenfalls im Besitz befindliche 737 Max bis zum Ende des Startverbots ersetzt wird. Als Billig-Airline versteht man sich dabei nicht. Natürlich müsse man, gerade auch für den Point-to-Point-Verkehr in die Türkei, preislich am Markt mithalten können, jedoch wolle die Airline an gewissen Komfortmerkmalen, die sie im Charterverkehr auszeichne, festhalten, so Braun. "Bei uns haben Passagiere Platzkarten, 20 Kilo Freigepäck, es gibt On-Board-Service und keine Verkaufsschlachten und mindestens ein Crew-Mitglied pro Flug spricht Deutsch."

Dass sich die Wachstumspläne für die kommenden beiden Flugplanperioden hauptsächlich auf Nürnberg konzentrieren, folgt dem Ansatz der Risikominimierung, den die Corendon-Spitze immer wieder betont: Durch den intensiven Austausch mit dem Flughafen kenne man mittlerweile das Potenzial in der Region, auch für den Linienverkehr in die Türkei. "Unser Markt hier kann mehr als er in den letzten Jahren zeigen konnte, gerade nach dem Wegfall von Air Berlin," pflichtet Michael Hupe bei.

Nürnbergs größter Vorteil: kein Nachtflugverbot

Ein weiterer Standortvorteil: In Nürnberg gibt es kein Nachtflugverbot. Im überfüllten europäischen Luftraum können die spätabendlichen Türkei-Flüge so auch bei Verzögerungen auf jeden Fall abheben. "Das gibt uns Betriebssicherheit. Wenn es ein Nachtflugverbot gäbe, wären wir hier nicht so stark vertreten, das muss man klar sagen," sagt Braun.

Für den Flughafen Nürnberg ist das Corendon-Engagement wichtig. Man habe sich nach dem Ausfall von Air Berlin und Germania intensiv um neue Fluggesellschaften bemüht, erläutert Hupe. Durch Corendon seien im kommenden Sommer immerhin wieder drei Maschinen im touristischen Bereich in Nürnberg stationiert. Vor einigen Jahren waren es jedoch noch sechs. Der Kapazitätsausfall der vergangenen beiden Jahre macht sich auch in den Passagierzahlen bemerkbar. Für 2018 rechnet der Airport mit 4,1 Millionen Passagieren, was einen Rückgang von zehn Prozent bedeutet.

Hupe ist jedoch, gerade auch durch den Corendon-Einstieg, zuversichtlich: "Die Nachfrage in der Region ist da und die reicht uns auch für einen stabilen Betrieb in der angepeilten Größenordnung."

© Flughafen Erfurt, Max Reymann Lesen Sie auch: Corendon etabliert sich als Germania-Ersatz in Deutschland Branchenplayer

Sowohl Hupe als auch die Corendon-Manager loben dabei die "umsichtige" Zusammenarbeit. Gemeinsam habe man den Plan des nächtlichen Linienverkehrs entwickelt. Der nun beginnende Kapazitätsaufbau sei von langer Hand geplant. Anders sehe man auch keine Chance "im Haifischbecken deutscher Luftverkehrsmarkt", so Braun.

Der vielfach gesuchte "Germania-Ersatz" sei man jedoch nicht, betonte die Corendon-Spitze. Zwar nutze man Lücken, die sich auf dem Markt ergeben hätten, doch sei der integrierte Ansatz von Charter-Flügen und ethnischem Verkehr ein anderer. Zudem folge das Wachstum in Deutschland einem Plan, den man schon vor der Germania-Pleite gefasst habe. Hinzu komme die wirtschaftliche Basis der Corendon-Gruppe als Muttergesellschaft und die Verankerung in der Türkei, die eine beständige Nachfrage generiere. Auch gebe es über die bereits bestehenden Basen in Köln und Münster und der kommenden größten deutschen Station in Nürnberg hinaus derzeit noch keine weiteren Stationierungspläne. Corendon lässt Vorsicht walten, will aber die Chance ergreifen.

Die Corendon-Gruppe

Boeing 747 vor einem Corendon-Hotel nahe des Flughafens Amsterdam. Foto: © AirTeamImages.com, TT

Die Corendon-Gruppe besteht aus weit mehr als den Fluggesellschaften. Die Corendon International Travel Group hat ihren Hauptsitz als Corendon International Travel B.V. im niederländischen Lijnden und vertreibt unter der Marke Corendon Vliegvakanties Pauschalreisen.

Corendon Touristic ist dabei der Incoming Partner in der Türkei. Corendon Hotels & Resorts betreibt zudem zahlreiche Hotels, vor allem in der Türkei, aber auch in Spanien, der Karibik und in Amsterdam.

Für ein Hotel in Amsterdam hat Corendon sogar eine Boeing 747 angeschafft. Der ehemalige KLM-Jumbo fliegt zwar nicht mehr und war auch nie für Corendon unterwegs, trägt aber die rot-weiße Livery des Konzerns. So macht er seit Anfang 2019 Werbung für ein Hotel der Muttergesellschaft am Flughafen Amsterdam-Schiphol.

Von: dk

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