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ÖPSV (3/6) Wir brauchen ein CO2-neutrales Regionalflugzeug

Ulrich Stockmann ist sich sicher: Um den innerdeutschen Luftverkehr zu revitalisieren braucht es neue Flugzeuge. Richtig abheben kann der neue "Öffentliche Personen-Schnell-Verkehr" aber erst, wenn die Politik auf neue Kraftstoffe setzt.

Das spanisch-australische Start-Up Dante AeroNautical will einen hybrid-elektrischen 19-Sitzer entwickeln. © Dante AeroNautical
Design-Entwurf für ein Elektroflugzeug der Easyjet. © Easyjet
Visualisierung des "Electric Flight Demonstrator" von DLR, Siemens, Ruag und MTU auf Basis einer Do228 © DLR
Der E-Fan X soll 2021 fliegen. ©Airbus
United Technologies will ein Dash-8-Regionalflugzeug mit Hybridmotoren ausstatten. © United Technologies

In einer sechsteiligen Gastbeitragsreihe auf airliners.de plädiert der ehemalige EU-Verkehrspolitiker Ulrich Stockman (SPD) für einen "Öffentlichen Personen-Schnell-Verkehr" und erläutert, warum es wieder mehr Regionalflugverkehr geben sollte.

Unsere Fragestellung heute ist: Wie und wann bekommen wir ein emissionsarmes Luftfahrzeug, das für den ÖPSV geeignet ist? Wie könnte der Kraftstoff dafür aussehen und wo sollte er produziert werden? Und was kommt auf die Flugplätze des dezentralen Luftverkehrs zu?

Heute verstoße ich einmal gegen die Devise, als Politiker in Technologiefragen neutral zu bleiben.

Aus meiner Sicht brauchen wir in den nächsten zehn Jahren ein CO2-neutrales Flugzeug mit einem Hybridantrieb (Synthetischer Kraftstoff für die Steigphase und Elektroantrieb für die Gleitphase.) Es sollte in zwei Modellen verfügbar sein: in den Größen von circa 17-40 und 50-100 Sitzen.

Auch wenn es viele findige Ingenieure gibt, die solche Maschinen vielleicht sogar bis zu Zulassung bringen, sind wir doch auf die großen Hersteller angewiesen, weil wir natürlich ein Gesamtpaket mit Wartung, Ersatzteilen und so weiter benötigen. Und den Preisvorteil einer Skalenproduktion.

Über den Autor

Ulrich Stockmann

Ulrich Stockmann (SPD) war Mitglied der ersten freigewählten Volkskammer der DDR und bis Dezember 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Den Großteil seiner politischen Laufbahn verbrachte er im EU-Parlament in Brüssel. Zunächst als Beobachter für Sachsen-Anhalt, von 1994 bis 2009 als ordentliches Mitglied im im Europäischen Parlament. Er war Mitglied des Verkehrsausschusses. Aktuell engagiert er sich politisch für Regionalflughäfen und die allgemeine Luftfahrt.

Wenn auch bekannt ist, dass Airbus im Auftrag von EasyJet und SAS an Projekten zu kleineren, emissionsarmen Flugzeugen forscht und eigene Ideen entwickelt, so genügt das bei weitem nicht, um den benötigten Innovationssprung auszulösen. Der muss politisch gewollt und gefördert werden!

Ansonsten verdient Airbus ja an den 200-er/300-er Serien genug. Und neue Projekte werden eher aus dem Wettbewerb mit Boeing geboren, wie das Langstrecken-Modell A321 XLR. Oder die Politik stellt militärische Anforderungen, wie das Luftkampfsystem der Zukunft, das ab 2040 einsatzfähig sein soll.

Die kommende drastische Klimaschutzpolitik (hohe CO2-Preise für den Emissionshandel, nationale CO2-Steuern oder Besteuerung von Kerosin) sickert erst langsam ins allgemeine politische Bewusstsein und noch langsamer in das der Konzernvorstände.

Die technologische Herausforderung unserer benötigten Flugzeuge ist vielleicht auch zu klein, so, als ob man von einem Autokonzern die Entwicklung von Fahrrädern verlangen würde. Vielleicht sollten wir uns gleich an das Traditionsland der Fahrräder wenden, denn die Chinesen werden auch diesen Zukunftsmarkt besser einschätzen können. (Spaß beiseite, über die politische Willensbildung schreibe ich erst in Teil 6.)

Und im Übrigen bin ich der Meinung: Wir brauchen einen "Öffentlichen Personen-Schnell-Verkehr"

Ulrich Stockmann

Der Einsatz flüssiger Kraftstoffe wird auch in der Luftfahrt der Zukunft nicht vermeidbar sein. Die Herstellung von Synthetischem Kraftstoff (Power to Liquid, PtL) ist technisch möglich, als CO2- neutraler Kerosinersatz verwendbar und wird derzeit in verschiedenen Demonstrationsprojekten in Deutschland und weltweit erprobt. Wenn er finanziell als Kraftstoffalternative abbildbar sein soll, benötigt er einen Strompreis für die PtL-Produktion von drei bis maximal zehn Cent.

Einen Durchbruch werden diese Projekte erst haben, wenn die politisch gesetzte Energieversteuerung geeignete Ausnahmen definiert oder eine Herstellung in nicht besteuerten Insellösungen (beispielsweise auf einem Flugplatz) zulässt.

Die Energiegewinnung und Speicherung durch künstliche Photosynthese revolutionieren gerade die Nutzung von Sonnenenergie. Farbstoffsolarzellen (DSC) sind um ein Vielfaches effizienter und letztlich auch billiger als Siliziumzellen. PtL und DSC in Kombination, dezentral auf Flugplätzen hergestellt, werden möglicherweise die "Flugzeugtankstellen" der Zukunft sein.

Jetzt fehlt nur noch der politische Druck, um mit groß angelegten Forschungs- und Demonstrationsprojekten auf nationaler und europäischer Ebene ihre Marktreife und Implementierung zu erzielen.

Wer sein technologisches Wissen vertiefen will, sollte die Webseiten von KIFER aufsuchen und in der SWR Teleakademie den Vortrag von Prof. Grätzel anschauen.

© Boeing, Lesen Sie auch: Synthetische Treibstoffe sollen Klimabilanz der Luftfahrt retten

Das Hauptgeschäft der Regionalflughäfen und Flugplätze ist und bleibt die optimale Ermöglichung der Allgemeinen Luftfahrt. Dennoch reicht es auf Dauer nicht, nur den "Satus Quo" zu verwalten. Diese Flughäfen und Flugplätze haben ein Alleinstellungsmerkmal als letzte noch nicht ausgelastete Infrastruktur.

Zunächst prophezeie ich, dass, nachdem die Finanzinvestoren den Wohnungsmarkt abgegrast haben werden, ihr Interesse sich auf die Flugplätze richten wird und Privatisierungswünsche auflaufen werden. Auch Airlines und Großflughäfen werden, sobald Nutzungsoptionen realistisch werden, anstehen.

Also brauchen Regionalflughäfen und Flugplätze rechtzeitig selbst mögliche Nutzungskonzepte.

Diese Fragen sollten sie diskutieren: Bin ich als Flugplatz einer "Ankerstadt" zugeordnet und könnte mich an einer Betreibergesellschaft für den ÖPSV beteiligen? Habe ich Platz, um ein Solarkraftwerk zu beherbergen. Eignet sich mein Flugplatz, um als Knotenpunkt für den kommerziellen Drohnenverkehr, der auch Warendistribution betreiben wird, zu dienen?

Viele andere Ideen sind gefragt und noch viele Fragen bleiben offen. Also freuen Sie sich auf den nächsten Beitrag.

Alle Teile der Serie

Von: Ulrich Stockmann für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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