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Andreas Spaeth in seinem Hamburger Redaktionsbüro.

Andreas Spaeth in seinem Hamburger Redaktionsbüro.Foto: © Andreas Spaeth

Flugzeugunglücke erzeugen immer ein großes Medienecho. Gut, wenn Luftfahrtjournalisten als Experten in Interviews erklären und auch mal relativieren können. Dass sie dabei an ihre eigenen Grenzen stoßen, ist klar. Andreas Spaeth fragt sich darum diesmal selbst:

Macht es überhaupt Sinn, jede neue, manchmal absurde Wendung und jedes Mediengerücht zu einem Unglück in Deiner Rolle als Luftfahrtjournalist atemlos zu kommentieren, wäre stilles Abwarten und Analysieren nicht besser?
Spaeth: Das sehen viele andere Journalistenkollegen in der Luftfahrtbranche in der Tat so. Aber so funktioniert eben der Medienbetrieb nicht. Der ist extrem hungrig nach O-Tönen und Erklärungen, die aber eben von Offiziellen in solchen Fällen kaum kommen. Aber irgendwer, der seinen Kopf vor die Kamera hält, findet sich immer. Ich beschäftige mich mit seit über 30 Jahren intensiv mit Flugsicherheit und Flugunfällen, habe ein großes Archiv und eine eigene Bibliothek darüber. Gerade liegt bei mir zufällig das neue Buch „Understanding Air France 447“ auf dem Tisch. Ich denke ich kann zumindest zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen und Hintergründe beleuchten. Deswegen begebe ich mich in diese Erklärer-Rolle.

Aber das muss doch oft frustierend sein, wenn man nichts weiß...
Spaeth: Ja das ist es, zumal viele Medien aus mehrminütigen O-Tönen dann immer nur zwei Sätze senden, die manchmal am Ende nicht das Aussagen, was man vor Kamera oder Mikro eigentlich ausdrücken wollte. Das macht einen dann auch angreifbar, aber das ist Berufrisiko und ich nehme das bewusst in Kauf. Mit reinen Fachdiskussionen im Hinterzimmer, wie sie manche führen, ist der öffentlichen Diskussion nicht geholfen. Und die findet immer statt, egal ob man das will oder nicht, ob man mitmacht oder sich verweigert.

Lagst Du schon mal mit Erklärungsversuchen voll daneben?
Spaeth: Ja klar, das bleibt nicht aus, wenn man sich frühzeitig und oft ohne dass viele Fakten bekannt sind, vor Kameras und Mikros wagt. Bei der Bodensee-Kollision von Überlingen 2002 zum Beispiel hatte ich als einen möglichen Faktor die Unterschiede zwischen metrischen Anzeigen im russischen Flugzeug und imperialem System im DHL-Frachter bezeichnet, das war einfach so nicht der Fall gewesen, wie sich später zeigte. Im Falle des Asiana-777-Landeunfalls letzten Sommer in San Francisco hatte ich öffentlich auf die bekannten Hierarchie-Probleme koreanischer Piloten hingewiesen und bin dafür zunächst auch in Kollegenkreisen sehr angefeindet worden. Aber im NTSB-Hearing haben Monate später die Piloten genau darauf selbst hingewiesen.

Was war seit dem Verschwinden von MH370 die meistgestellte Frage und was hast Du darauf geantwortet?
Spaeth: Die meistgestellte Frage lautete eindeutig: „Wie kann es in der heutigen Zeit sein, dass ein hochmodernes Verkehrsflugzeug einfach verschwindet?“. Das haben mich in der ersten Woche danach etwa 20 Radio- und TV-Sender in Interviews und Dutzende Redakteure in Telefonaten gefragt.

Geantwortet habe ich, dass es eigentlich nicht sein kann und ich und die Branche darüber selbst fassungslos sind. Ich glaube auch fest daran, dass irgendwann Trümmer gefunden werden. Ob das allerdings ausreicht für eine wirklich umfassende Rekonstruktion der Ereignisse, daran habe ich Zweifel. Dass das bei Air France 447 noch geschehen konnte empfinde ich angesichts der Umstände bis heute als Wunder.

Wie verlief denn der rote Faden der Erklärungsversuche in den Tagen nach dem Verschwinden von MH370?
Spaeth: Zunächst sah es so aus als ob das Flugzeug ganz urplötzlich vom Himmel gefallen wäre. Mutmaßlich aufgrund von entweder Terrorismus, Materialermüdung oder Pilotenverhalten. Dann plötzlich tendierte die öffentliche Meinung dahin, dass die Nutzer von falschen Identitäten an Bord klar auf Terrorismus hindeuten würden. Dem habe ich sofort widersprochen. Schließlich kamen angebliche Satellitendaten ins Spiel, die beweisen würden, dass die Maschine noch viel länger geflogen ist. Um diese Infomation herrschte ein extremes Verwirrspiel, bis sie Samstag dann bestätigt wurde.

Bist Du überrascht vom Verhalten der malaysischen Behörden und der Airline?
Spaeth: Seit ich vor gut einem Jahr selbst in Malaysia war und versucht habe, sowohl über den Airport in Kuala Lumpur als auch Malaysia Airlines zu berichten, überrascht mich das aktuelle Informations- umd Kompetenzchaos überhaupt nicht. Das war damals schon, unter normalen Umständen, so unfassbar chaotisch, das ich darüber sogar die Spaethfolge-Kolumne „Herr Yahya und die Neinsager“ geschrieben habe. Mit viel Glück konnte ich dann einen Engländer, den zweiten Mann in der Hierarchie, beinahe konspirativ interviewen, das war hervorragend. Der Mann heißt Hugh Dunleavy und ist heute der einzige von dieser Airline, der öffentlich sein Gesicht zeigt. Das muss unglaublich schwer sein für ihn und er ist sehr tapfer.

Wird man damit eigentlich reich, wenn man tagelang Interviews gibt?
Spaeth: Ich verlange von allen Senden für meine Statements ein Honorar, als eine Art Schutzgebühr, schließlich verschenke ich als Freiberufler mein Wissen nicht. Ich bin unabhängig, werde von keiner Interessengruppe bezahlt, aber deswegen müssen eben die Sender für mein Wissen bezahlen, nach deren üblichen Sätzen. Zum normalen Arbeiten komme ich in solchen Zeiten kaum, von daher ist das auch eine Art Kompensation. Aber allein von sowas könnte niemand leben. Und zum Glück gibt es ja kaum noch große Flugzeugunglücke, es kommt also eh selten Bedarf auf.

Schlussfrage: Wo ist das Flugzeug?
Spaeth: Ich glaube die Trümmer liegen irgendwo im drittgrößten Ozean der Erde, dem Indischen, und es werden bald Spuren davon gefunden. Auf die Erkenntnisse danach bin ich extrem gespannt und vermag mir bisher nicht wirklich vorzustellen, was da abgelaufen sein könnte. Aber Aufklärung ist nicht nur für die Luftfahrtbranche insgesamt extrem wichtig, sondern auch für die Angehörigen der Opfer.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

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