Zug statt Flug (5) Wie die Bahn den Nachtzug verschlafen hat

Deutschland war mal ein Land mit einem dichten Nachtzug-Netz. Doch das ist Vergangenheit. Derweil investieren andere Nationen in ihre Nachtzüge. Dennoch bleibt das Angebot winzig - und ist prinzipbedingt keine Konkurrenz zum Flugzeug.

Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen © ÖBB
Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen © ÖBB
Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen © ÖBB
Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen © ÖBB

In einer mehrteiligen Reihe legt Bahn- und Luftfahrtjournalist Andreas Sebayang die praktischen Probleme rund um die aktuelle Diskussion um eine Verlagerung von Fernverkehr auf die Schiene dar. Der fünfte Teil geht um das Konzept Nachtzug, mit dem - in der Theorie - Kurzstreckenflüge am Morgen ersetzt werden könnten. Morgens um sieben Uhr mitten in der Innenstadt aufwachen und den Arbeitstag beginnen? Mit einem Flugzeug ist das selbst mit einem sogenannten Pyjama-Flug kaum machbar.

Die ersten Maschinen starten um sechs Uhr morgens. Dafür muss der Fluggast schon um vier Uhr sich den Wecker stellen und ist trotzdem erst um acht Uhr in der Stadt. In der Regel hieß es dann: Anreise am Tag davor und eine Nacht im Hotel verbringen.

Nachtzüge lösten dieses Problem, indem sie beides kombinierten. Doch der Staatskonzern Deutsche Bahn hielt vom System Nachtzug nicht viel und dünnte das Angebot Jahr für Jahr aus – aus Kostengründen, wie es hieß.

Kurswagen für mehr Destinationen – und mehr Komplexität

Die Nachtzüge der Deutschen Bahn waren durchaus komplex. Autozüge wurden mit Sitzwagen, Liegewagen und Schlafwagen kombiniert. Während die Sitz- und Liegewagen etwas Abenteuerliches hatten und mit ihren offenen Wagen eher jüngeres Hostel-Publikum ansprachen, boten die Schlafwagen so etwas wie ein eigenes Hotelzimmer samt Privatsphäre. Manchmal sogar mit Dusche und WC.

Dazu boten Nachtzüge etwas, was im Tagesverkehr schon fast in Vergessenheit geraten ist: Kurswagen. Dabei fahren verschiedenen Wagen eines Zuges unterschiedliche Destinationen an, was Aufwendig ist. Kurswagen müssen nämlich vom Zug abgetrennt werden, um sie an einen anderen Zug anzukoppeln. Das Geschieht meist Nachts und stört die Nachtruhe bei empfindlichen Schlaf.

Das ist zwar personalintensiv, macht so aber Ziele möglich, für die ein kompletter Zug übertrieben wäre. Von Hamburg könnte man beispielsweise einen Nachtzug mit sechs Wagen nach Warschau schicken, während unterwegs in Posen drei Wagen nach Krakau abgekoppelt werden und einem frühen Intercity von Danzig angehangen werden. Trittbrettfahrer sozusagen.

Kein echter Nachtverkehr mehr bei der Deutschen Bahn Ein bisschen von diesem komplexen Nachtverkehr ist übrig geblieben. Komplett eingestellt wurde er nämlich nicht. Die Bahn konzentriert sich aber auf Nacht-ICEs und Nacht-ICs, die mitunter gegen Mitternacht zu wichtigen Zielen und oft auch Flughäfen aufbrechen, um frühe Flüge erreichbar zu machen. Aber: besonderen Schlafkomfort gibt es in den Zügen nicht. Es sind ganz normale Sitzwagen.

Abseits von Ferienzügen, wie den Urlaubsexpress-Zügen nach Verona, die im Sommer recht regelmäßig fahren, gibt es den klassischen Nachtverkehr durch deutsche Eisenbahnunternehmen daher nicht mehr.

Die ÖBB übernehmen – aber das Angebot ist klein

Was die Deutsche Bahn nicht mehr haben wollte, haben sich nun die Österreichischen Bundesbahnen angeeignet. Sie bedienen explizit den deutschen Markt und verbinden so etliche deutsche Großstädte mit Zürich, Wien und Innsbruck in angenehmen Reisezeiten über Nacht. Selbst die Verbindung Hamburg-München gibt es dank der ÖBB noch. Wer ab München fährt, dem bieten die Österreicher sogar eine Verbindung bis nach Venedig.

Die Wagen sind allerdings alles andere als modern. Weil sich Nachtzuggarnituren nicht von der Stange kaufen lassen, haben die ÖBB altes Wagenmaterial von der Deutschen Bahn übernommen, die große Nachteile haben. Mit der Steckdose im privaten „Luxus-Schlafabteil“ lässt sich bei der Bahn nicht einmal ein Subnotebook aufladen geschweige denn betreiben. Diese Rasierapparat-Steckdosen sehen zwar wie normale Steckdosen aus, sind aber nur für eine geringe Leistungsaufnahme geeignet. Selbst ein Tablet wird schnell zu einem Problem.

Die ÖBB haben aber auch eigene Wagen, die etwas besser sind. Nachtzugfreunde freuen sich schon auf die neue Generation von Wagen. Der "Nightjet" der Zukunft, wie die ÖBB ihn nennt, wird eine moderne Ausstattung bieten. Selbst die Liegewagen, die traditionell wenig Privatsphäre bieten, sehen aus, als könnten sie Schlafen ohne große Störung ermöglichen, da ein Teil der Liege recht gut in das Wageninnere integriert wurde. Sie erinnern ein wenig an japanische Kapselhotels.

Während die ÖBB sich stark auf den deutschen Markt gen Süden konzentrieren, gibt es aber noch weitere Anbieter, die von Deutschland aus fahren oder gar durchfahren. Die Russische Staatsbahn fährt beispielsweise von Warschau über Berlin nach Paris.

Berlin ist außerdem Ziel eines weiteren Nachtzuges, der nach Malmö fährt. Der Zug wird dabei sogar auf ein Schiff verladen. Aber die Angebote, die innereuropäische Abend- und Morgenflüge entlasten könnten, sind nur spärlich vorhanden.

Kaum Werbung für Nachtzugangebote

Oftmals erfahren potenzielle Kunden auch gar nichts von den Angeboten. Besonders beworben, wie etwa über eine Nachtnetzkarte im Bahnhof, werden die Züge nicht. Angebote wie night-trains.com bieten immerhin eine europäische, wenn auch nicht vollständige Übersicht.

Das könnte sich bald aber ändern, da sich aktuell zahlreiche Bahnunternehmen durch die Klimadiskussion um den Flugverkehr Gedanken über ihre Nachtzugflotten machen. Das geht soweit, dass die Schweiz mit Österreich kooperieren will. Auch Norwegen erwägt, ihre alten Schlafwagen zu modernisieren. Vielleicht werden es dann auch mehr als die gerade mal 20 Wagen der aktuellen Flotte.

© ÖBB, Lesen Sie auch: Die Renaissance der Schlafwagen

Trotz aller Euphorie für das Thema: Ein Nachtzug ist sicher nicht für jeden geeignet. Einen robusten Schlaf sollte der Fahrgast schon haben. Die alten Deutsche-Bahn-Wagen sind dabei nicht gerade für ihren Komfort bekannt.

Zu wenig Plätze in den Schlafabteilen und Angst vor Dieben

Allzu viel Hoffnung auf den Umstieg von Flugpassagieren sollte man sich bei den Bahnen ohnehin nicht machen. Große Konkurrenz zu Flugzeugen können Nachtzüge schon prinzipbedingt nicht werden. So ein Schlafwagen hat selten Platz für mehr als 35 Fahrgäste, zumal manche Abteile für zwei Personen als Privatabteile gebucht werden.

Nur mit Liege- und den etwas spezialisierten Nachtsitzwagen ließen sich nennenswert Fahrgäste nachts auf der Schiene bewegen. Die sind aber aufgrund der eingeschränkten Privatsphäre ganz sicher nicht für jeden Geschmack.

Anders als beim Öffentlichen Schlafen im Langstreckenflugzeug ist das System Bahn auch nicht in sich geschlossen, was bei einigen Reisenden ein ungutes Gefühl mit sich bringt. Und die Angst vor Dieben im Zug ist durchaus berechtigt. Besonders die Nacht-ICE der Deutschen Bahn durchs Ruhrgebiet gelten als berüchtigt, da Langfinger durch die kurzen Halteabstände schnell ein- und wieder aussteigen können.

Die ÖBB haben sogar mit „Lock it & Relax“ gerade einen Wettbewerb für innovative Gepäcksicherungssysteme gestartet - zwar offiziell für die "Railjets" genannten Schnellzüge, aber vielleicht kommt damit demnächst auch mehr Sicherheit in die "Nightjets". Bislang fehlen Informationen oft, ob der Fahrgast etwa das wichtige Hab und Gut irgendwo wegschließen kann.

Nachtzüge sind wie Langstreckenflugzeuge

Aber auch abseits der Sicherheit müssen Nachtzüge mit typischen Langstreckenflugzeugen verglichen werden, die auch viele Fluggäste in unterschiedlich enger Bestuhlung transportieren. Schlafwagen müsste man somit als Luxuskategorie einstufen, die mit der Business Class in Flugzeugen vergleichbar sein sollte.

Während Fluggesellschaften auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren sehr innovativ waren, ist dies beim Bahnverkehr leider bisher kaum zu bemerken. Damit haben die Bahngesellschaften tatsächlich eine Entwicklung verschlafen, die sie erst im kommenden Jahrzehnt korrigieren können.

Die veröffentlichten Teile der Serie

Von: as

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