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Analyse Corona hilft der Luftfracht nicht - im Gegenteil

Die Luftfracht-Branche zeigt in der Corona-Krise ihre Systemrelevanz, doch der aktuell wahrgenommene Boom ist eher ein Strohfeuer. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie werden den schon seit längerem unter Druck stehenden Cargo-Markt schwer treffen.

Arbeiter verladen am internationalen Flughafen Kairo medizinische Hilfsgüter aus China in eine Maschine .der Egyptair © dpa

Mit dem Beginn des weltweiten Corona-Lockwdowns in der zweiten März-Hälfte erlebte der Luftfrachtverkehr nach einem schwierigen Jahr 2019 eine gefühlte Renaissance. Ein Großteil der Belly-Cargo-Kapazitäten verschwand mit dem Grounding der großen Airline-Flotten quasi über Nacht und Anbieter von Vollfrachter-Kapazitäten bekamen alle Hände voll zu tun. Fraglich ist aber, wie lange der gefühlte Boom bleibt. Denn die Fracht hängt an der Konjunktur.

Der kurzfristige Kapazitätsrückgang ist dabei aktuell noch stärker als der coronabedingte Nachfragerückgang. In der Folge haben sogar etliche Airlines begonnen, Passagierflugzeuge für Cargo-Flüge umzubauen. Der Transport von medizinischer Schutzausrüstung ("PPE – Personal Protective Equipment") rund um den Globus bringt der Branche gleichzeitig eine seltene öffentliche Aufmerksamkeit. Die Relevanz von Luftfrachtflügen bei ansonsten geschlossenen Grenzen rückte auch politisch in den Fokus.

Die deutsche Luftfrachtbranche sei gegenwärtig voll ausgelastet, berichtet Felix Zimmermann, Sprecher des "Air Cargo Club Deutschland" (ACD). "Luftfracht war noch nie so wichtig wie derzeit, das merkt man." Der Luftfracht-Experte spürt "Wertschätzung, auch im Umgang mit den Behörden, national wie international." Zumindest im Import hätte sich das Volumen deutlich vergrößert.

Wie sich die Corona-Krise im für Deutschland besonders wichtigen Export auswirkt, ist schwieriger abzuschätzen. "Die Nachfrageentwicklung hat einen Vorlauf von bis zu sechs Monaten", so Zimmermann. Der weitgehende Produktionsstopp dürfte seine Wirkung also erst im Spätsommer entfalten, sollte die Angebotskrise bei den Kapazitäten bis dahin überwinden sein. In Champagner-Laune möchte Zimmermann dann auch nicht verfallen: "Wir sehen uns nicht als Krisengewinner."

Dramatischer Kapazitätseinbruch

Denn die Luftfracht-Aussichten sind alles andere als rosarot. Die Volumen-Entwicklung der transportierten Luftfracht gilt als Frühindikator für die Konjunktur. Andersrum ausgedrückt hängt die Luftfracht an der Konjunktur der Weltwirtschaft. Und die dürfte im Nachgang der Corona-Krise unter Druck kommen.

In normalen Zeiten werden weltweit rund 45 Prozent der gesamten Luftfracht im Bauch von Passagiermaschinen befördert. Allein ihr Ausfall in großen Teilen führt gegenwärtig zu einem weltweiten Rückgang von über 30 Prozent der Cargo-Kapazitäten gegenüber dem Vorjahr. Besonders stark sind die Routen zwischen Nordamerika und Europa mit ihren täglich hunderten Passagierflügen betroffen, hier liegt der Kapazitätsrückgang bei über der Hälfte.

Der Rückgang der Kapazitäten wird zwar durch einen Anstieg bei Vollfrachtern um 17 und Expressfrachtern um 16 Prozent etwas ausgeglichen, wie die Unternehmensberatung "Accenture" darlegt. Die Experten kommen jedoch unter dem Strich auf einen weltweiten Kapazitätsrückgang von 26 Prozent Mitte Mai gegenüber dem Vorjahr.

Die Analyseplattform "WorldACD" verzeichnet zwar einen weltweiten Zuwachs beim Transport von medizinischer Ausrüstung um 116 Prozent seit dem Ausbruch der Pandemie. Die Marktanalysten, die laut eigener Aussage die Frachtdaten der 80 größten Frachtfluggesellschaften auswerten, gehen aber von insgesamt rund einem Drittel weniger transportierter Fracht im Jahresvergleich aus.

Weltweiter Rückgang bei Luftfracht-Kapazitäten und transportiertem Volumen in der Corona-Krise in Prozent
Monat Kapazität Volumen Veränderung in Prozent
März 20, KW 10 -13 -4
März 20, KW 11 -14 -11
März 20, KW 12 -27 -27
März 20, KW 13 -48 -47
März 20, KW 14 -57 -47
April 20, KW 15 -52 -48
April 20, KW 16 -48 -43
April 20, KW 17 -49 -32
April 20, KW 18 -43 -32
Mai 20, KW 19 -44 -31
Mai 20, KW 20 -43 -31

Quelle: Clive Data Research

Der weltweite Corona-Lockdown sorgt gleichzeitig für einen Einbruch auf der Nachfrageseite, besonders auf den wichtigsten Routen zwischen Fernost, Europa und Nordamerika. Nur weil der Kapazitätseinbruch höher ist als das Nachfrage-Minus ergibt sich aktuell die Unterkapazität.

Von: Dennis Kazooba

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