Der Luftfahrt droht ein weiterer Sommer voller Flugverspätungen

Kurz vor dem zweiten Luftverkehrsgipfel sind viele der Probleme, die im Sommer 2018 zu massiven Flugverspätungen führten, weiter ungelöst. Vor allem der Personalmangel beschäftigt Wirtschaft und Politik.

Eine Anzeigetafel weist auf gestrichene Flüge hin. © dpa / Christoph Schmidt

Ein knappes halbes Jahr liegt der erste Luftverkehrsgipfel in Hamburg zurück. Nach dem Verspätungschaos aus dem Sommer 2018 setzten sich Spitzenvertreter aus Politik und Luftverkehrswirtschaft das Ziel, wieder für einen zuverlässigeren Flugverkehr in Deutschland zu sorgen, wofür 24 Einzelmaßnahmen verabredet wurden. Am Donnerstag dieser Woche soll nun wieder in der Hansestadt eine erste Bilanz gezogen werden, an der aber absehbar noch etliche Haken fehlen.

Verspätungen, Ausfälle und verschollenes Gepäck sind die Probleme, die Fluggäste auch in diesem Jahr plagen dürften. Die Branche erwartet einen schwierigen Sommer - und die zuständige Stelle Tausende Beschwerden. "Es ist damit zu rechnen, dass es auch im Sommerflugplan 2019 wieder zu Unregelmäßigkeiten kommt, die der Schlichtungsstelle viel Arbeit bescheren", sagte Heinz Klewe, der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP).

Neue Rekorde bei Flugbewegungen und Beschwerden

Im Flugchaos im vergangenen Sommer hatte sich die Beschwerdezahl 2018 auf das Rekordniveau von mehr als 32.000 verdoppelt. Und die Beschwerdeflut hält an. Im Januar und Februar wandten sich doppelt so viele Fluggäste an die Schlichtungsstelle wie in den Vorjahresmonaten.

Nach dem Rekordwert von 3,4 Millionen Flugbewegungen aus dem Vorjahr erwartet die Deutsche Flugsicherung (DFS) für 2019 eine weitere Steigerung um bis zu vier Prozent im deutschen Luftraum.

Die Herausforderungen für Politik und Wirtschaft sind dabei vielfältig. Im vergangenen Jahr hatten Engpässe bei den Flugsicherungen, Fluglotsenstreiks, lange Wartezeiten bei den Passagierkontrollen und eine Häufung von Unwettern den Luftverkehr durcheinander gewirbelt. Zudem hatten die Airlines Mühe, die Lücke zu füllen, die die insolventen Air Berlin hinterlassen hatte. Eine Übersicht:

Passagierkontrollen

Der erste Härtetest für die im internationalen Vergleich langsamen Passagierkontrollen an den deutschen Flughäfen steht in dem kommenden Wochen mit der Reisewelle zu Ostern an. Mit Modellversuchen hat die aufsichtsführende Bundespolizei bewiesen, dass sie mit verbesserten technischen Anlagen deutlich mehr Passagiere pro Stunde überprüfen kann.

Doch bislang stehen die neuen Anlagen mit Überholmöglichkeiten für schnellere Passagiere noch fast nirgendwo. Der größte deutsche Flughafen in Frankfurt beispielsweise will zum Sommer neun Spuren mit der neuen Technik einsatzbereit haben - 180 Spuren arbeiten hingegen weiter im hergebrachten Takt.

© dpa, Lesen Sie auch: Bundespolizei sieht sich bei Sicherheitskontrollen gut aufgestellt

Ungelöst bleibt die Frage nach dem Einsatz der privaten Sicherheitskräfte, die an den Flughäfen von der Bundespolizei mit hoheitlichen Aufgaben zur Personenkontrolle beliehen sind. Im Winter haben sie mit Hilfe der Gewerkschaft Verdi ihre Streikmacht erneut bewiesen und deutlich höhere Gehälter durchgesetzt.

Die großen Flughäfen wollen die privaten Dienstleister selbst steuern und sie mit Bonus- und Maluszahlungen zu einem flexibleren Personaleinsatz bewegen, erklärt der Chef des Frankfurter Betreibers Fraport, Stefan Schulte. Dafür müsste jedoch das Luftsicherheitsgesetz geändert werden, was bis zum Sommer nicht mehr klappen wird.

Airlines

Die Fluggesellschaften sind aufgerufen, ihre Flugpläne nicht erneut so eng zu stricken wie 2018, als sie um das Erbe der Air-Berlin-Strecken rangelten. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hält "qualitatives Wachstum" für wünschenswert. Tatsächlich steigt das Flugangebot seines Konzerns im Sommer mit 1,9 Prozent nur halb so schnell wie geplant. Auch andere Gesellschaften wie Tuifly und Condor wollen mehr Reserve-Jets und Crews vorhalten, um kurzfristige Probleme besser auffangen zu können.

© AirTeamImages.com, TT Lesen Sie auch: Mit diesen Programmen kämpfen Lufthansa-Airlines für mehr Pünktlichkeit

Lufthansa hält nach eigenen Angaben im Sommer 600 zusätzliche Leute und 37 Reserveflugzeuge bereit, 15 mehr als im vergangenen Jahr. Zudem habe man für rund 100 Millionen Euro den Vorrat an Ersatztriebwerken und -teilen erweitert, sagte LH-Vorstandsmitglied Detlef Kayser der dpa. Die Gesamtaufwendungen seien noch höher. "Im vergangenen Sommer haben wir wegen der Verspätungen rund 250 Millionen Euro zusätzlich verloren, unter anderem durch Entschädigungszahlungen an Passagiere. Dieses Jahr setzen wir in etwa diese Summe ein, um unseren Flugbetrieb zuverlässiger zu machen."

Flugsicherung

Bereits beim vorangegangenen Luftfahrt-Gipfel war allen Beteiligten klar, dass die Personalengpässe bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) auch 2019 anhalten. Für die erwarteten Verkehrsmengen sind laut DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle mindestens 90 Lotsen zu wenig an Bord. Vor allem im Center Karlsruhe, das den oberen Luftraum steuert, fehlen so viele Lotsen, dass Verkehr schon in untere Lufträume verlagert wird - dem höheren Kerosinverbrauch zum Trotz.

Die bundeseigene DFS hat nun ihre Ausbildungskapazitäten hochgeschraubt, verhandelt mit der Hausgewerkschaft GdF über weitere Überstunden und hat einige Lotsen aus Nachbarländern abgeworben. Die Lücken sind so schnell allerdings nicht zu schließen, denn von der Einstellung eines Lotsenschülers bis zum eigenverantwortlichen Einsatz vergehen vier bis fünf Jahre.

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"Die sichere Verkehrssituation hängt aber nicht allein von der Zahl der Lotsen ab", sagt Scheurle und sieht die Regierungen in der Pflicht. "Am Himmel wird es eng, und das spüren wir", hatte sein Minister Andreas Scheuer (CSU) postuliert. Tatsächlich soll sich die Bundesregierung nach den Hamburger Ankündigungen auf EU-Ebene für kürzere Planungszeiträume, eine engere Zusammenarbeit der nationalen Flugsicherungen und den Einsatz automatisierter Systeme einsetzen. Von konkreten Ergebnissen ist bislang aber nichts bekannt.

Von: dk mit dpa

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