ÖPSV (2/6) Warum Ankerstädte miteinander verbunden werden müssen

In naher Zukunft soll man in vier Stunden zwischen allen Regionen der EU reisen können. Ulrich Stockmann konstatiert: Ohne einen dezentralen Luftverkehr ist diese verkehrspolitische Forderung nicht erfüllbar.

Flugzeug vor Europa-Flagge. © Adobe Stock

In einer sechsteiligen Gastbeitragsreihe auf airliners.de plädiert der ehemalige EU-Verkehrspolitiker Ulrich Stockman (SPD) für einen "Öffentlichen Personen-Schnell-Verkehr" und erläutert, warum es wieder mehr Regionalflugverkehr geben sollte.

Unsere Fragestellung heute ist: bringt die Revitalisierung des innerdeutschen Luftverkehrs einen verkehrs- und raumpolitischen Mehrwert?

Jeder Beruf (oder jedes politische Mandat) hat, wen er/es sich selbst ernst nimmt, eine Maxime oder gar einen Eid, wie die Ärzte, zur Handlungsorientierung.

Die Maxime eines Verkehrspolitikers lautet in etwa: "Optimiere das Gesamtverkehrssystem auf nachhaltige Weise!"

Kurze Erläuterung: "nachhaltig" meint hier – sicher, möglichst klimaneutral und sozial. "Gesamtverkehrssystem" meint - die Integration alle Verkehrsträger mit ihren unterschiedlichen Stärken nach der Einsicht, dass Verkehr - politisch gesehen - kein Selbstzweck ist, sondern die Bedingung für die Befriedigung des Mobilitätsbedarfs.

Die Europäische Kommission hat die verkehrspolitische Herausforderung für den Personenverkehr bis 2050 einmal so beschrieben: Bis 2050 sollten 90 Prozent der der Bürger in vier Stunden von jedem Ort zu jedem beliebigen anderen Ort innerhalb der Europäischen Union kommen können.

Über den Autor

Ulrich Stockmann

Ulrich Stockmann (SPD) war Mitglied der ersten freigewählten Volkskammer der DDR und bis Dezember 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Den Großteil seiner politischen Laufbahn verbrachte er im EU-Parlament in Brüssel. Zunächst als Beobachter für Sachsen-Anhalt, von 1994 bis 2009 als ordentliches Mitglied im im Europäischen Parlament. Er war Mitglied des Verkehrsausschusses. Aktuell engagiert er sich politisch für Regionalflughäfen und die allgemeine Luftfahrt.

Vielleicht ist diese Zielvorgabe zu ambitioniert. Aber selbst, wenn Sie den Prozentsatz der Personen und die Zeitvorgabe drastisch herunterfahren, werden Sie mit einem Routenplaner schnell zu dem Ergebnis kommen: ohne einen dezentralen Luftverkehr als integraler Teil eines Gesamtverkehrskonzeptes, ist diese Herausforderung unerfüllbar.

Blicken wir auf die Gegenwart.

  • Der Mobilitätsbedarf wächst mehr oder weniger ungebremst und übersteigt sogar das Wirtschaftswachstum. Da ist auch keine Trendwende in Sicht.
  • Zusätzliche Verkehrsinfrastruktur zu realisieren wird immer schwierigen. (Siehe das Verkehrspolitische Dilemma)
  • Die Monopole: Die privatwirtschaftliche Luftfahrt und die privatwirtschaftlich gemanagte, staatliche Bahn ziehen sich aus der Fläche zurück, um - nachvollziehbar - ihre Rendite zu optimieren.

Nebenbei, um die gemachte Feststellung etwas zu illustrieren: im Sommer 2019 stehen auf deutschen Flughäfen 133 neuen Destinationen im Linienverkehr einer deutlich höheren Zahl der Streckenstillegungen 263 gegenüber. Das hat zwar auch spezifische Gründe. Aber die Logik von privaten Monopolen ist: möglichst viel Passagiere auf möglichst wenigen Strecken. Einzige Ausnahme für neue Strecken ist die Vertreibung von konkurrierenden Airlines aus als "Heimatmärkte" verstandenen Gebieten.

Und im Übrigen bin ich der Meinung: Wir brauchen einen "Öffentlichen Personen-Schnell-Verkehr"

Ulrich Stockmann

Wie kann man diese Widersprüche lösen? Unter anderem mit einem ÖPSV. Der ÖPSV steht hier für ein Konzept eines Linienverkehrs zwischen "Ankerstädten" untereinander und mit Anbindung an eine Metropolregion, wie im ersten Teil der Serie aufgezeigt.

Bevor ich Sie mit Ihren großen Zweifeln (ökologische Bilanz, realisierbare Ticketpreise usw.) allein lasse, und mich freue, dass Sie so sicher auch die nächsten Folgen unserer Artikelserie lesen, will ich noch eine raumpolitische Argumentation für einen ÖPSV anschließen.

Die Politik entdeckt in der letzten Zeit, aus vielerlei Gründen, die metropolfernen Regionen neu. Da gibt es inzwischen ein "Heimatministerium", das sicher nicht nur Heimatmuseen und Trachtentraditionen auf der Agenda hat. Oder der Bundespräsident ruft in den Medien "Land in Sicht" und will damit einen grassierenden "Landfrust" junger Bürger in eine "Landlust" zu verwandeln helfen. Kurz, der Megatrend Urbanisierung ist mit seinen Folgen im politischen Bewusstsein angekommen.

Regional- und Raumplaner wissen, gegen den Trend eines schleichenden Bevölkerungsschwundes, gibt es in einigen Städten, aus ganz unterschiedlichen Gründen, stabile Einwohnerzahlen. Diese Städte, die wir "Ankerstädte" nennen, gilt es auch langfristig zu stabilisieren. Mein verkehrspolitisches Argument ist der dezentrale Personenluftverkehr, der in Form einer "Metro" regelmäßig diese Städte ab rund 150 000 Einwohner untereinander und mit einer der vier Metropolregionen (zunächst in Deutschland) verbindet. Wer schnell dort hinkommt, wo er hinwill, muss dort nicht unbedingt wohnen.

Die veröffentlichten Teile der Serie

Von: Ulrich Stockmann für airliners.de

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