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Blick in die Business-Class im Airbus A350 der Lufthansa. © Lufthansa

Mikro auf, Kamera an: Die Coronavirus-Krise hat vielen Deutschen eine völlig neue Erfahrung beschert. Da sie notgedrungen im Homeoffice arbeiten, wird der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen über Videokonferenzen aufrechterhalten. Die Auswirkungen dieses Kulturwandels sind nicht zu unterschätzen und dürften auch das lukrative Geschäft der Geschäftsreisen beeinflussen.

Allenthalben rechnen Airline-Chefs und Branchenkenner mit einem nachhaltigen Rückgang des Luftverkehrs auch nach der akuten Corona-Krise. Lufthansa-Chef Carsten Spohr kündigte die neu Prämisse bereits vor zwei Wochen an und macht sich an die Umsetzung. Vor allem der erwartete Rückgang des Anteils an Geschäftsreisenden im Passagiermix könnte die Umsätze der großen Netzwerk-Airlines dabei unter Druck setzen. "Wir gehen davon aus, dass sich das Wachstum im Luftverkehr noch dynamischer von Geschäftsreisenden hin zu Privatkunden verlagert," so Spohr in einem Interview.

Nach Analysen des Airline-Verbands Iata aus dem vergangenen Jahr sind die Ticketpreise in den Premium-Klassen inklusive der Business seit 2011 deutlich weniger unter Druck geraten als die Billig-Tickets. Die Premium-Kunden machen global zwar nur 5,2 Prozent aller Passagiere aus, stehen aber für 30 Prozent der Umsätze. Über das genaue Preisverhältnis der einzelnen Buchungsklassen untereinander schweigen sich die Airlines aus. Als Faustregel gilt, dass ein Business-Passagier den Airlines so viel Gewinn bringt wie fünf in der Economy Class.

© Airline-Webseiten, Screenshot-Kollage airliners.deLesen Sie auch: Was kostet eigentlich ein Flug? (1) Aviation Management

Auch die englischsprachigen Wirtschaftsmagazine "Forbes" und "Financial Times" sehen im gegenwärtigen Boom des Arbeitens per Video-Chat in der Corona-Krise gute Gründe für Unternehmen, Arbeitsbeziehungen grundsätzlich zu überdenken. Es handele sich um ein Momentum, dass bei vielen Führungskräften den Blick auf die Risiken und Kosten von Geschäftsreisen schärfe, so "Forbes".

Was bedeutet es, wenn die persönliche Begegnung wegfällt, wie gehen Mitarbeiter mit der Technologie um? Die gegenwärtige Homeoffice-Welle zeigt im Brennglas die Vor- und Nachteile, die ein stärkeres Zurückgreifen auf die digitale Kommunkationsformen im Arbeitsleben nach der Corona-Krise mit sich bringt.

Eine - etwas zugespitzte - Typologie

Was klar ist, man benötigt in Videokonferenzen eine ganz andere Gesprächsdisziplin. "Wenn mir in einer normalen Situation 15 Minuten Aufmerksamkeitsspanne zur Verfügung stehen, sind es in einem virtuellen Format vielleicht noch fünf", mahnt der Kommunikationstrainer Phillipp Gründel. Wichtig sei Prägnanz. Was auffällt: Jeder geht anders mit dieser Situation um. Und doch gibt es Verhaltensmuster bei Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder zu beobachten sind.

Der Technikfremdler: Die Videokonferenz-Programme sind mittlerweile recht leicht zu bedienen. Der Technikfremdler tut sich damit allerdings immer wieder aufs Neue schwer. Er spricht minutenlang zu den Kollegen, obwohl sein Mikro stummgeschaltet ist, redet aber exakt dann zu Hause über das bevorstehende Mittagessen, wenn es alle hören können. Zudem ist ihm relativ schnuppe, wie sein Bildausschnitt wirkt. Nicht selten schaut er von schräg oben in die Kamera, so dass sein Nasenloch gut in Szene gesetzt wird.

Der Technikkritiker: Der Technikkritiker kennt sich im Gegensatz zum Technikfremdler gut mit dem ganzen Video-Schnickschnack aus. Vor allem geht es ihm dabei um Selbstschutz - er will den Feind kennen. Gegen die verwendeten Video-Apps - allen voran das momentan so populäre Zoom - hat er größte datenschutzrechtliche Vorbehalte. Er fragt sich auch, warum das alles notwendig ist, es gibt doch Telefone. Trägt er seine Bedenken in der Konferenz vor, nicken die Kollegen verständnisvoll - und konferieren weiter. Danach klebt der Technikkritiker wieder seine Laptop-Kamera mit einem Post-it zu.

Der Plauderer: Gestik, Mimik, Körpersprache - in einer Videokonferenz ist all das schwer zu übermitteln. Techniken zum Einhegen besonders redseliger Kollegen werden daher ausgehebelt. Anders gesagt: Man kann jemandem nicht durch einen scharfen Blick bedeuten, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redet. Dieser toxischen Gemengelage fällt regelmäßig - oft auch bereitwillig - der Plauderer zum Opfer. Er empfindet die neue Videokonferenz-Welt als äußerst befreiend. Immerhin kann man nebenher schon mal Mails checken.

Der Mitteilsame: Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem. Manche kommen ganz gut damit klar - und manche nicht. So jemand ist der Mitteilsame. Im Büro kennt man ihn nur vom Flur, nun erfährt man in einer Videokonferenz en passant wie es um die Verdauung seiner Katze oder seinen Haaransatz bestellt ist. Viel zu schnell wird es viel zu privat. Tendenziell hat er auch kein Problem damit, Einblicke in seine unaufgeräumte Bude zuzulassen. Eine halb leere Flasche Rotwein wegräumen? Ach, das geht auch so.

Der Inszenierer: Für viele Arbeitnehmer ist die Videokonferenz das letzte soziale Highlight des Tages. Für den Inszenierer heißt das vor allem: Showtime! Er sitzt perfekt ausgerichtet in der exakten Mitte vor einer akkurat eingeräumten Bücherwand, die geeignet ist, anderen Kollegen in Größe und Inhalt ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Auch Skulpturenkunst ist gelegentlich zu sehen. Der Inszenierer weiß zudem, dass auf dem Bildschirm dasselbe gilt wie auf der Straße: Streifen machen schlank, Karos sorgen für Irritationen.

Starkes Wachstum bei Anbietern

Dass Videokonferenzen für viele Neuland sind und einen entsprechenden Eindruck hinterlassen wird, zeigen die sprunghaft angestiegenen Nutzungszahlen. So erreichte der Videokonferenz-Dienst Zoom im März die Marke von 200 Millionen Nutzern an einem Tag. Im Dezember waren es erst zehn Millionen gewesen. Zoom ist eigentlich auf Unternehmen ausgerichtet - doch in der aktuellen Krise sprangen auch viele Schulen, Kirchen und Verbraucher auf die Plattform auf.

Auch die Konkurrenz von Diensten wie Skype (Microsoft) und Facetime (Apple) vermeldet neue Rekorde - jetzt bemüht sich auch Facebook, auf den Zug noch rechtzeitig aufzuspringen. Die Dominanz von US-Anbietern wird dabei vor allem aus europäischer Sicht Datenschutzfragen aufwerfen.

Zoom am Datenschutzpranger

Zoom ist dabei auch in Amerika schon unter Druck geraten und gelobt Besserung. Mehrere von Sicherheitsforschern aufgedeckte Sicherheitslücken seien gestopft worden, schrieb Firmenchef Eric Yuan in einem Blogeintrag. Zudem entfernte Zoom die "Aufmerksamkeits"-Funktion, die dem Organisator einer Videokonferenz erlaubte, zu kontrollieren, welche Teilnehmer die App im Vordergrund haben und welche sich mit anderen Dingen beschäftigen.

Im März seien bis zu 200 Millionen Nutzer an einem Tag aktiv gewesen, schrieb Yuan. Die neue Art der Nutzung habe "unvorhergesehene Probleme mit unserer Plattform" zu Tage gefördert, räumte er ein. Dazu gehört auch das sogenannte "Zoombombing", bei dem Fremde in Videokonferenzen reinplatzen. Das ist möglich, wenn der Link für die jeweilige Konferenz öffentlich wird und die Teilnehmer nicht erst im virtuellen Warteraum landen und vom Organisator hinzugefügt werden. So wurden allein in den USA mehrere Fälle bekannt, in denen Schulstunden und Zoom-Gottesdienste mit Beschimpfungen und dem Vorzeigen von Nazi-Symbolen gestört wurden. Bei Schulstunden auf Zooms Bildungsplattform kommen die Teilnehmer nun standardmäßig zunächst in einen Warteraum.

© Lufthansa, Jens GoerlichLesen Sie auch: Unternehmen verlagern Geschäftsreisen zunehmend ins Internet

Zoom musste auch klarstellen, dass entgegen der früheren Darstellung des Dienstes die Daten nicht in allen Fällen mit Komplett-Verschlüsselung übertragen werden, bei der sie nur für die Teilnehmer zugänglich sind. Das funktioniert verlässlich nur solange alle in einer Konferenz Zoom-Software nutzen, wählt sich jemand per Telefonanruf ein, kann die Verschlüsselung des Dienstes dort nicht genutzt werden, wie aus einem Blogeintrag hervorgeht. Zugleich betonte Zoom, man habe keine Technik entwickelt, um die Verschlüsselung von Konferenzen für die Überwachung durch Behörden zu knacken.

Politik warnt

Die Probleme des Anbieters zeigen einen grundsätzlichen Nachteil der Technik auf: die im Zweifel mangelnde Vertraulichkeit. Wer am Datenfluss der amerikanischen Tech-Giganten beteiligt ist oder diesen möglicherweise anzapfen kann, lässt sich kaum beantworten. Es ist also Vorsicht geboten im Umgang mit sensiblen Informationen bei Behörden und Wirtschaft.

"Für vertrauliche oder gar geheime Inhalte gilt höchste Vorsicht", sagte der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann jüngst dem Handelsblatt. "Von einer Verwendung des Dienstes Zoom für sensible Inhalte ist nach aktuellem Wissensstand abzuraten."

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