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Michael Kerkloh war über 17 Jahre Chef am Flughafen München. © Flughafen München

Der Münchner Flughafen-Chef Michael Kerkloh verabschiedet sich am 31. Dezember in den Ruhestand. Den Flughafen hat er in den vergangenen 17 Jahren zum zweitgrößten deutschen Flughafenstandort entwickelt. Wir haben mit dem Musikliebhaber unter anderem über seine Zeit als Student in London, die Erfahrungen als Manager bei der Fraport und als Geschäftsführer in Hamburg gesprochen und das lange Interview in zwei Teilen aufbereitet. Dies ist Teil zwei. Teil eins finden Sie hier:

© Flughafen München, Lesen Sie auch: "Vermutlich landet man da, wo man hingehört" Interview (1/2)

airliners.de: Wenn Sie auf die 17 Jahre in München zurückblicken, was waren Ihre großen Misserfolge?
Michael Kerkloh: Es gab zwei große Misserfolge: den Transrapid, aber da waren wir ja gar nicht so im Lead. Und die dritte Bahn natürlich.

Da waren Sie zuletzt auch nicht mehr "so im Lead", oder?
Im Lead waren wir solange, bis die politische Auseinandersetzung geführt wurde. Wir hatten die Baugenehmigung, wir sind bis zum obersten deutschen Verwaltungsgericht gegangen, wir hatten das Geld und die Fläche, wir mussten nur noch anfangen. Was wir nicht hatten, war die politische Entscheidung. Das war alles.

Meinen Sie, die dritte Bahn kommt irgendwann doch noch?
Sicher. Denn nichts tun löst ja das Problem nicht. Das war mehr so eine Art, wie soll man sagen, kurzfristiger politischer Betriebsunfall. Meine Position war immer: "Man muss rechtzeitig anfangen, damit wir’s dann haben, wenn wir es brauchen." Das ist wie beim Klima. Man kann sowas später auch als Notoperation machen, aber das ist dann eben eine Notoperation. Dann muss es plötzlich sehr schnell gehen. Wissen Sie, die neue Bahn, wenn sie denn nach der nächsten Wahl entschieden wird, dauert dann ja sowieso nochmal sieben, acht Jahre. Also vor 2030 sind wir nicht am Netz.

© Flughafen München , Yorck Dertinger Lesen Sie auch: Neuer Münchner Flughafen-Chef dringt auf dritte Startbahn

Wenn ich bei Diskussionen höre, dass Leute sagen "diese viele Fliegerei braucht’s doch gar nicht", dann frage ich immer zurück was die Kinder so machen. Die Tochter studiert dann in Barcelona, der Sohn macht ein praktisches Jahr in Australien. Und dann frage ich "glaubst du jetzt etwa, dass Deine Kinder ihr Mobilitätsverhalten einschränken werden? Kannst du mit denen ja mal debattieren." Es geht um die eigene Lebensrealität. Warum willst du eigentlich in Boston vorbeigucken, wie es Deinem Kind so geht. Das machen Eltern nun mal. Die Leute werden also auch künftig fliegen. Und deswegen glaub ich fest daran, dass die dritte Bahn noch kommen wird - kommen werden muss, weil sie am Ende natürlich ein großer Standortfaktor ist.

Jetzt haben wir immer noch nicht darüber gesprochen, was Sie als nächstes machen wollen. Setzen Sie sich jetzt auf’s Rennrad und fahren nach Italien?
Ich hab’ gar kein Rennrad.

Eine zweite Karriere am Klavier oder mit der Geige, das haben Sie doch, oder?
Ja, ich stamme aus einem klassischen, bürgerlichen Elternhaus, wo Musizieren ein Teil des Lebens war. Musik begleitet einen das ganze Leben, Musik ist ein tolles Kommunikationsmittel: Das versteht jeder. Und Musik ist natürlich von eminenter Bedeutung für die Ausbildung einer Persönlichkeit, weil die emotionalen Kategorien angesprochen werden.. Klavier habe ich mit sechs angefangen, Geige mit zehn. Ich habe sogar im Kammerorchester gespielt, aber ich war natürlich auch immer für die Pop-Musik zu haben. Vorteilhaft für mich war natürlich, dass ich in der Provinz groß geworden bin. Da gab’s nix. Das führt dazu, dass man eben andere Sachen macht. Zum Beispiel Musik.

Musik-Liebhaber Kerkloh im Interview. Foto: © Flughafen München

Hat Sie dann die Musik nach London gezogen oder der legendäre Ruf der London School of Economics (LSE)?
An der LSE war es toll. Es gab da ein eigenes Theater in dem zweimal pro Woche mittags irgendwelche Bands spielten. Das war eine ganz, ganz andere Szene, das war halt Weltstadt und ich kam aus der Provinz. In der Zeit, in der ich in England an der Uni war, habe ich musikalisch alles gesehen, was man so sehen konnte. "Bohemian Rhapsody" kam genau da raus und da hab ich Queen gesehen. Das war praktisch kurz vor der Punk-Bewegung. Ich war sowieso schon immer ein Grenzgänger in der Musik, ich habe eine klassische Musikausbildung und ich bin mit den Beatles groß geworden, die für ein klassisches Ohr die interessantere Musik gemacht haben als die Rolling Stones. Rolling Stones war Rebellion, Beatles war Kunst. Die Beatles haben sehr komplexe Musik geschrieben, zumindest in der zweiten Phase. Ich bin da auch in viele Clubs gegangen, auch in den Marquee Club. Also wer sich auskennt, das war ein kleiner Club für maximal 50 Leute in England, in dem alle Bands groß geworden sind. Es war legendär.

Aber Sie wollten doch zurück nach Deutschland?
Ich habe später noch über Energiesparpolitik promoviert: Ein Systemvergleich zwischen Frankreich und England. Dazu war ich dann wieder an der LSE und habe von dort recherchiert. Und es war natürlich eine prägende Zeit, weil London als Zentrum des Commonwealth eine völlig andere Welt war. In England herrscht diese unglaublich entwickelte Kunst der politischen Auseinandersetzung – begünstigt durch sehr stark polarisierendes Rechts und Links, durch die Parteien, das Königshaus, die Lords und andere spezifisch britische Eigenheiten. Es war eben eine völlig andere Welt. Ich war ja auch in Göttingen an der Universität. Obwohl das natürlich auch eine Hochschule mit einer hohen Reputation ist, war es in London eben Weltkulisse und sehr international. Ich habe an der LSE sehr viele Kontakte geknüpft. Das war sehr kommunikativ, sehr netzwerkartig.

Inwiefern hat Sie Großbritannien denn beeinflusst?
Ich hatte ja schon davor eine anglophile Vergangenheit. Ich war bereits als Schüler ein Trimester lang auf einer Public School, in der Nähe von Coventry. Ganz klassisch 1969, das war sozusagen der Ausgangspunkt von allem. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie weit weg England damals war. Das ist in den letzten 50 Jahren alles anders geworden. Wenn man über die EU und den Brexit redet, dann sollte man das immer vor Augen haben.
Aber Großbritannien zieht sich schon durch meine Biographie und vor allem dieses Debating, was ja auch geschult wird, ist wohl prägend für mich gewesen. Also die Art, wie man Argumente in einer Debatte schleift. Genauso wie es die Amis mit "Performing Arts" machen, also sich selber darstellen, in die Öffentlichkeit gehen, Auftritte üben und so weiter.

Also waren Sie so richtig in Debattier-Clubs?
Ja, da gab’s so ein Studentenwohnheim, der hieß "Goats Club". Einmal in der Woche kam dort jemand Prominentes vorbei und dann konnte man mit denen debattieren. Das hat mich schon geprägt, glaube ich.

Hat das denn später mal an der ein oder anderen Stelle geholfen?
Wenn ich jetzt am Ende meines offiziellen Berufslebens stehe, weiß ich, dass da was angelegt worden ist, was ich im Laufe meiner beruflichen Entwicklung immer wieder abrufen konnte. Zum Beispiel auch das Thema Fairness in einer Debatte, trotz anderer Meinungen. Diese Oberhöflichkeit, die es damals noch gab, das war wirklich besonders. Ich mochte diese angelsächsische Debattenkultur immer gern.

Zum Stichwort debattieren: Glauben Sie, dass die Luftfahrtbranche genug debattiert und ihre Interessen kommuniziert? Zum Beispiel zum Thema Klima.
Also meine Position ist seit Jahren: Wir brauchen aktive Politik, wir brauchen auch eine aktive Position. Das Argument "Das kann man nur im weltweiten Zusammenhang lösen, aber vorher bewegen wir uns nicht, weil es sonst wettbewerbsverzerrend ist" habe ich immer für unzureichend gehalten. Dass etwa die Lufthansa natürlich eine weltweite Kulisse hat und weltweit argumentiert, das verstehe ich schon. Aber ich glaube, dass wir so nicht weiterkommen, weil sich die Positionen der anderen Staaten hier und da auch mal von heute auf morgen ändern können. Da wird man nie alle unter einen Deckel bekommen.
Zum Beispiel Corsia. Ich bin der Meinung, dass Tempo dabei das Allerwichtigste ist. Es dauert ja leider sowieso schon ziemlich lange. Ob die Chinesen und die Amis das jetzt aktuell mitmachen oder nicht, sollte für die anderen keine Rolle spielen. Hauptsache, es geht endlich los. Je früher man anfängt sich vorzubereiten, desto sanfter wird dann auch die Landung. Wenn man plötzlich als Branche unvorbereitet mit staatlichen Regulierungen konfrontiert wird, entweder aus politischem Kalkül oder weil es gerade populär ist, dann wird es sehr viel schwieriger. Da muss die Branche schon die Spur gelegt haben.

Sagt von sich, nicht zum Bayer geworden zu sein: Michael Kerkloh. Foto: © Flughafen München

So ein Klimaziel, wie wir es jetzt auch als Flughafenverband formuliert haben, ist natürlich ein hohes Ziel. Es wird dazu führen, dass sich die Kräfte konzentrieren und wir intensiver darüber nachdenken, was wir jetzt eigentlich machen müssen. Dafür brauchen wir den Schulterschluss aller und dafür müssen eben einige heilige Kühe gopfert werden. Und dann muss die Branche natürlich auch noch so gesund sein, dass sie das hinsichtlich der Kosten, die dann auf sie zukommen, schafft. Die Debatte muss geführt werden: Natürlich muss der Staat oder die EU dabei helfen. Die Politik hat ja auch den Atomausstieg geschafft. Da werden sie das ja wohl auch hinkriegen. Das ist eine Frage von Anreiz und Übergangsszenarien.

Was sollte die Politik in Deutschland beispielsweise tun?
Wir haben diese hochgezüchteten Regularien in Deutschland aber zum Teil auch in Europa, mit denen wir vieles nicht schaffen werden. Nehmen wir zum Beispiel mal die Verlagerung von Verkehr aus der Luft auf die Schiene: Wenn man hier 25 Jahre braucht für acht Kilometer Schiene vom Münchner Flughafen nach Erding wegen irgendwelcher Genehmigungsverfahren, wegen Umweltgesetzgebungen und wegen Bürgerbeteiligungen, dann bekommen wir das Tempo nicht hin. Das sind aber bisher Tabuthemen, wenn man mit Grünen spricht. Beim Klimapaket sind ja ein paar Beschleunigungsansätze enthalten und ich freue mich, dass das Umweltministerium zum ersten Mal bei sowas mitmacht. In dieser Richtung muss aber noch mehr gehen.

Jetzt haben wir uns schon wieder vom Thema entfernt. Also, nächster Anlauf… In welche Richtung wollen Sie jetzt gehen, ganz persönlich?
Es gibt verschiedene Szenarien.

Hmmm... OK, also nochmal Rückblick: Worauf sind Sie stolz in Ihrer Laufbahn?
Ich bin zufrieden, dass es gelungen ist, den Flughafen zu dem zu entwickeln, was er heute ist. Denn wenn man anfängt, weiß man gerade wegen des politischen Kontexts nie, ob man nicht gleich wieder rausgeworfen wird. Viele haben mir ein Scheitern vorausgesagt. Man muss sich ja auch erstmal annähern, Bayern muss ja für jemanden, der nicht in Bayern groß geworden ist, erstmal dechiffriert werden. Das habe ich geschafft, ohne dabei selbst zum Bayer zu werden.
Auf der anderen Seite hat Bayern Anerkennungsmechanismen, die es woanders nicht gibt. Die Bayern sind ja dann auch stolz. Das sagen sie zwar nicht, aber man merkt es. Und dann ist Bayern nicht München. München ist immer noch was anderes. Ich kann mittlerweile sagen, wo jemand aus Bayern herkommt, weil ich die Dialekte mittlerweile unterscheiden kann: Niederbayern, Oberpfalz, Schwaben, - habe ich alles kennengelernt. Das ist im Grunde genommen auch ein Forschungsprojekt für mich gewesen.

Es war mir ein Vergnügen.

Michael Kerkloh

Welches Forschungsprojekt wollen Sie als nächstes starten?
Ich habe keine Angst davor, dass ich nichts mehr zu tun habe. Aber ich würde nicht nach Hamburg zurückziehen, ich habe ja meinen Kontext jetzt hier, also warum soll ich das machen?

Sie machen es mir heute echt nicht einfach. Dann einfach ein Jobangebot: Wollen Sie eine Kolumne auf airliners.de über Luftfahrt und Musik schreiben?
(Lacht) Die müsste man natürlich mit Reinhard Mey anfangen: "Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos"…

Stimmt. Und dann könnte man das direkt infrage stellen.
Genau: Darf man heute eigentlich noch "Über den Wolken" ohne Flugscham singen? Aber es stimmt, es gibt tausende Songs zum Thema Fliegen. Musik ist eben überall.

Aber im Ernst: Worauf freuen Sie sich im neuen Lebensabschnitt?
Worauf ich mich freue - und ich bin da mal gespannt auf meine eigenen Gefühle - ist mal eine Pause zu haben und nicht die ganze Zeit fremdbestimmt zu sein. Denn ich bin ja auch ein Pflichtmensch, ich mache ja auch viel, was nicht unbedingt immer nur mit Spaß verbunden ist. Ich freue mich also erst einmal auf eine unstrukturiertere Zeit. Mir ist völlig bewusst, dass das mit einem Bedeutungsverlust einhergeht, was völlig normal ist, aber ich kann durchaus auch im kleinen Kontext leben. Aber ich bin noch aktiv genug, dass mir was einfallen wird, worauf ich auch Lust habe. Ich werde ganz sicher weiterhin aktiv sein und es gibt eine Reihe von Anfragen, ob ich mir dieses oder jenes vorstellen könne. Diese Optionen deuten jeweils auf unterschiedliche Szenarien hin. Ich bin ja zum Beispiel im Aufsichtsrad des Oman Aviation Board, Oman Luftverkehrspolitik.
Ich könnte mir aber auch vorstellen, bei Non-Profit-Sachen zu arbeiten, bin ja auch der Präsident vom Bayrischen Exportclub. Langweilig wird mir nicht. Langweilig ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht geworden, deswegen habe ich auch keine Angst davor, dass ich vor Langeweile sterbe.
Nur eines weiß ich ganz bestimmt: Was München angeht, werde ich nicht dazwischenfunken. Ich finde, es ist das allerschlimmste, wenn jemand wie die beiden Zuschauer in der "Muppet Show" ankommt und kommentiert, wie man dieses und jenes besser machen soll. Ich werde mich nicht aufdrängen.

Vielen Dank.
Es war mir ein Vergnügen.

Das Interview führte airliners.de-Herausgeber David Haße.