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Fluggäste informieren sich über ihren Abflug: Passagierrechte sind immer wieder ein beliebtes Thema für Gerechtigkeitsdiskussionen. Foto: © dpa, Fredrik von Erichsen

An Weihnachten waren wir in Amerika. Der United-Flug hatte sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückreise jeweils rund zwei Stunden Verspätung, weil der Flieger noch "for your safety" repariert werden musste. Einmal war etwas am Wetterradar kaputt, im anderen Fall ging der Flugkapitän nicht ins Detail.

Flightaware meldet als durchschnittliche Verspätung des Hinflugs 20-40 Minuten und des Rückflugs 10-20 Minuten. Die Netto-Flugzeit betrug knapp acht beziehungsweise knapp neun Stunden - je nach Richtung. Wäre es eine Bahnfahrt von gleicher Dauer gewesen, zum Beispiel Berlin-Friedrichshafen, hätten die Reisenden Anspruch auf Entschädigung gehabt. So gab es für die Passagiere einen kleinen Becher Wasser außer der Reihe.

Entschädigung Fehlanzeige

Wir brauchten keine Entschädigung, weil wir keine nennenswerten Nachteile durch die Verspätung hatten, wenn man davon absieht, dass wir zwei Stunden länger als geplant unter einer unzumutbaren Klimaanlage verbringen mussten. Wir haben auch in der Regel keine Lust, uns mit solchen Dingen zu beschäftigen, wenn uns nicht wirklich ein materieller Schaden entstanden ist.

Aber wir hätten auch keine bekommen, denn es gibt sie erst bei mehr als drei Stunden Verspätung und auch nur dann, wenn keine für die Fluggesellschaft "außergewöhnlichen Umstände" die Ursache waren. Wartungsprobleme bei einer nicht mehr ganz jungen Boeing 767 dürften dazu allerdings nicht gehören.

Beliebtes Thema für Gerechtigkeitsdiskussionen

Die Flug- beziehungsweise Fahrgastrechte sind immer wieder ein beliebtes Thema für Gerechtigkeitsdiskussionen. Denn hier gibt es einige Merkwürdigkeiten. Ernst wird es, wenn individuelle Schicksale des Lebens einfach nicht zu entschädigen sind - etwa das zu späte Eintreffen beim wichtigsten Bewerbungsgespräch

Seltsam scheint zum Beispiel, dass die Fluggesellschaft im Zahlungsfall nicht etwa den Flugpreis erstatten muss, sondern maximal 600 Euro. Dies aber auch, wenn der Flug viel weniger gekostet hat. Bei der Bahn dagegen richtet sich die Entschädigung nach der Höhe des Ticketpreises, dafür gibt es aber schon ab einer Stunde Verspätung Geld. Beim Fernbus erst ab zwei Stunden.

Die Erstattung funktioniert inzwischen bei der Deutschen Bahn so niedrigschwellig, dass es nur noch einiger Kreuzchen auf dem Formular bedarf; nach ein paar Tagen ist in der Regel das Geld auf dem Konto. Beim Flugverkehr haben sich Dienstleistungen etabliert, mit denen im Internet Ansprüche ermittelt und gegebenenfalls von Profis eingetrieben werden.

Wohin das führt, konnten wir bei unserem Amerika-Urlaub auch feststellen. Große Werbetafeln fragten am Rande der Highways: "Hurt in an accident?" Unter dieser Zeile priesen Anwälte, die auf Verkehrsrecht spezialisiert sind, ihre Dienste an. Zwischen den Zeilen schwang immer mit: "Wir holen für Sie das meiste raus."

Partner von Anfang an nicht auf Augenhöhe

Das mag im Reiserecht seine Berechtigung haben. Ob es aber ein gedeihliches Zusammenleben fördert? Besser wäre es, alle Beteiligten wären sich von vornherein ihrer Verantwortung für gutes und sorgfältiges Handeln bewusst. Es beginnt damit, dass die Partner beim Zustandekommen eines Beförderungsvertrags eben nicht auf gleicher Augenhöhe agieren. Lange bevor die Reise stattfindet, ist sie bereits bezahlt worden. Weil also die Reiseunternehmen die Bringschuld haben, sollten sie auch die Leistung für das Entgelt so professionell wie nur irgend möglich durchzuführen.

Professionell ist dabei nicht unbedingt immer gleichbedeutend mit profitorientiert. Verbrauchernah ist es jedenfalls nicht, Verspätungen in einem bestimmten Rahmen (also etwa bis zu zweieinhalb Stunden) kalkulatorisch in Kauf zu nehmen, nur weil der Verbraucher in diesem Rahmen keinen Anspruch auf Entschädigung hat. Zu professioneller Betriebsführung sollte im Einzelfall gehören, am Flughafen Newark - einem United-Hub mit eigenem Terminal - Ersatzteile so vorzuhalten, dass die Passagiere nicht stundenlang im Flieger warten müssen.

Anstoß für eine neue Debatte

Dazu gehört aber auch, die Bäume am Bahndamm so weit zurückzuschneiden, dass nicht bei jedem Sturm (wie in dieser Woche wegen des Tiefs "Burglind" wieder einmal) Listen mit gesperrten Bahnstrecken veröffentlicht werden müssen, weil in einem bewaldeten Land wie Deutschland überraschend Bäume auf die Oberleitung gefallen sind. Nun ist die Deutsche Bahn bei derartigen, inzwischen immer mehr vorhersehbaren Naturereignissen in letzter Zeit recht großzügig in Erstattungsfragen. Wenigstens ein Teil der Probleme resultiert aber aus der Praxis, die Bäume eben nicht zurückzuschneiden.

Das mag zwar einmal ein kostensparender Weg gewesen sein, der auch noch Auseinandersetzungen mit örtlichen Baumliebhabern ersparte; es hat aber langfristig dazu geführt, dass renommierte internationale Speditionen vom Bahntransport als wenig zuverlässig sprechen - ein Attribut, das früher in erster Linie dem Straßenverkehr angeheftet wurde. Dabei geht es nicht um individuelle Entschädigungen, sondern um Umsatzverluste im sechsstelligen Bereich auf beiden Seiten, und bei so etwas bekommt die Frage nach "außergewöhnlichen Umständen" ein ganz anderes Gewicht. Bleibt zu hoffen, dass bald wieder "zuvorkommend" zu den prioritären Grundsätzen guter Unternehmensführung gehört.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

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