CO2-Offsetting (5/5) Über die zu hohen Kompensations-Erwartungen in der Luftfahrt

Themenwoche

Die Luftfahrtbranche muss CO2-neutral wachsen. Kompensieren ist dabei aktuell die einzige Möglichkeit. Die Ansätze - egal ob offiziell oder privat - sind aber oft intransparent und nicht unumstritten. Das Fazit zur airliners.de-Themenwoche "CO2-Offsetting".

Mit CO2-Kompensationen werden häufig Bäume gepflanzt. © Adobe Stock / studiostoks

Im airliners.de-Schwerpunkt "CO2-Offsetting" widmen wir diese Woche dem umstrittenen Thema der CO2-Kompensation von Flugreisen. Es geht darum, wie die Angebote berechnet und von den Kunden angenommen werden - und wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, auf Anbieter- genau wie auf Konsumentenseite. Zudem klären wir, welche staatlichen Regulierungen auf die Branche zukommen. Unser Fazit zu den verschiedenen Möglichkeiten des CO2-Offsettings von Flugreisen.

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airliners.de-Themenwoche:

"CO2-Offsetting"

Montag: Der supranationale Plan zur CO2-Kompensation von Flügen
Dienstag: Die erstaunlichen Unterschiede beim CO2-Ausgleich von Reisen
Mittwoch: Wie mehr Reisende zum CO2-Ausgleich bewegt werden können
Donnerstag: Zum Sinn von Kompensationszahlungen durch Passagiere
Freitag: Über die zu hohen Kompensations-Erwartungen in der Luftfahrt


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Es gibt wohl kaum ein Klimathema in der Luftfahrt, das so unterschiedlich betrachtet wird, wie das Kompensieren von CO2-Emissionen. Während einige im Kompensieren eine Art Ablasshandel sehen oder den Beteiligten "Greenwashing" vorwerfen, gehen auch bei den Befürwortern die Ansätze und die Zielsetzungen weit auseinander.

In unserer Themenwoche "CO2-Offsetting" haben wir uns mir den verschiedenen Aspekten des Themas auseinandergesetzt. Festzuhalten ist, dass es an die Kompensation von CO2-Emissionen im Luftverkehr viel zu hohe Erwartungen gibt. Das führt dazu, dass es an allen Maßnahmen Kritik gibt.

Die Kritik fängt bei den internationalen Maßnahmen an, die es einzig für den Luftverkehr gibt. Kritik gibt es aber auch an Airlines, die selbst Programme auflegen und dabei zum Teil eigene Standards definieren, was allerdings auch für alle anderen Anbieter für private Kompensationszahlungen gilt.

Zu hohe Erwartungen an Corsia

Fangen wir aber mit den Erwartungen an die großen CO2-Kompensationshebel an, dem UN-Programm Corsia. In den Augen einiger geht das Offsetting-Programm, das ab dem kommenden Jahr international beginnt, nicht weit genug. Corsia kompensiere lediglich den wachstumsbedingten CO2-Ausstoß im Luftverkehr und sei im Ansatz nicht dafür geeignet die Emissionen aus der Luftfahrt zu kompensieren, so der weit verbreitete Vorwurf.

Das stimmt sogar, wie unser Detailblick auf das CO2-Offsetting-Programm Corsia zeigt. Missverstanden wird aber, dass Corsia nie für mehr als einen Wachstumsausgleich gedacht war. Denn Corsia ist nur ein Teil eines größeren Klima-Ziels, wie unser Themenwochen-Artikel dazu feststellt:

© Adobe Stock, studiostoks Lesen Sie auch: Der supranationale Plan zur CO2-Kompensation von Flügen CO2-Offsetting (1/5)

Dennoch gibt es auch gerechtfertigte Kritik an dem internationalen Icao-Kompensationsprogramm. So kompensiert Corsia lediglich die reinen CO2-Ausstöße und nicht die (wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärten) Wirkung der von Flugzeugen in großen Höhen emittierten Klimagase. Zudem sind auch die Kompensationsmaßnahmen, die letztlich über Sinn und Unsinn des gesamten Programms entscheiden, noch nicht abschließend definiert.

Zu hohe Erwartungen an private Kompensation

Wer also seinen eigenen CO2-Fußabdruck beim Fliegen komplett kompensieren will, der wird um zusätzliche Kompensation nicht umher kommen. Etliche Unternehmen und Organisationen haben sich daher auf die Kompensation von CO2-Emissionen aus allen möglichen Lebensbereichen spezialisiert - unter anderem auch für Flüge.

Die unterschiedlichen Anbieter verkaufen den kompensationswilligen Passagieren bisweilen "Rundum-Sorglos"-Pakete, die bei näherer Betrachtung nicht in jedem Fall mit nachvollziehbaren Berechnungen untermauert sind, was aus Sicht einiger Beobachter zu Ernüchterung führt.

Zudem sind Kompensationen in verschiedenen Systemen ohnehin schlecht vergleichbar. Zu unterschiedlich sind schon allein die angesetzten Standards bei der Auswahl der Kompensationsprogramme, ein weiterer Frustpunkt für viele Beobachter, egal aus welchem Lager.

In der Folge bietet sich dem Passagier eine unübersichtliche Angebotsvielfalt auf dem privaten Markt für CO2-Kompensationen mit einer breiten Spreizung der Kompensationskosten für ein und denselben Flug, wie der Dienstag-Artikel unserer Themenwoche darstellt:

© Adobe Stock, studiostoks Lesen Sie auch: Die erstaunlichen Unterschiede beim CO2-Ausgleich von Reisen CO2-Offsetting (2/5)

Das Wirrwarr rund um die Summen und Mengen könnte durchaus dazu beitragen, dass Flugpassagiere die Angebote zur Kompensation so gut wie gar nicht nutzen. Wenn aber ohnehin nur ein verschwindend geringer Anteil von Passagieren ihre Flüge über private Anbieter kompensiert, ist dieser Ansatz insgesamt kaum geeignet, einen nennenswerten Klimaeffekt zu erzielen.

Zu hohe Erwartungen an den Verbraucher

Unklar ist dabei ohnehin, inwiefern Passagiere Kompensationsmöglichkeiten überhaupt nutzen wollen. Umfrageergebnisse legen das zwar häufig nahe, in der Realität kompensieren aber nur rund ein Prozent der Passagiere ihre Flüge. Das ist das Ergebnis einer Studie des Lufthansa Innovation Hub.

Im Anschluss an diese Erkenntnis hat sich der Innovation Hub dann noch mit verschiedenen Arten der Präsentation von Kompensationsangeboten beschäftigt. Die Empfehlungen sind interessant und werden im Rahmen unserer Themenwoche dargestellt:

© Adobe Stock, studiostoks Lesen Sie auch: Wie mehr Reisende zum CO2-Ausgleich bewegt werden können CO2-Offsetting (3/5)

Allerdings wird es schnell richtig teuer, wenn die private CO2-Kompensation wirklich ernst genommen wird. Wie teuer es werden kann, zeigt der Lufthansa-Konzern. Dabei bietet Lufthansa neben klassischen, auf 20 Jahre angelegten Waldaufforstungsprojekten, auch eine sofort kompensierende Alternative: Die Übernahme der Kaufpreisdifferenz zwischen fossilem Kerosin und klimaneutralen Synthetik-Kraftstoffen wie PTL.

Da PTL aber momentan noch deutlich teurer ist, bleibt der Erfolg aus. Die wenigen Passagiere, die sich für diese Art der sofortigen Kompensation ihrer CO2-Emissionen entscheiden, könne er problemlos persönlich per Handschlag an Bord begrüßen, fasste es Lufthansa-Chef Carsten Spohr neulich zusammen.

Zu hohe Erwartungen an die Fluggesellschaften

Selbstredend wurde auch das PTL-Engagement der Lufthansa schnell kritisiert, weil es vielen nicht weit genug geht. Dasselbe gilt aber auch für freiwillige Kompensationen, wie sie beispielsweise Easyjet seit diesem Jahr für alle Passagiere übernimmt. Der 30-Millionen-Euro-Vorstoß hat dem Billigflieger nicht etwa Lob, sondern vor allem Greenwashing-Vorwürfe eingebracht: nicht genug, zu billig.

Ähnliche Vorwürfe kennt auch Ryanair. Um das Aufkommen an Kompensationsleistungen zu erhöhen, hat der Billigflieger kurzerhand die freiwillige Klimaabgabe im Buchungsprozess von einem auf zwei Euro verdoppelt. Die Hoffnung dahinter: Ein höherer Kleinstbetrag wird die wenigen Willigen nicht abhalten, für die Klimaschutzprojekte der Airline zu spenden. Und das ist die private Kompensation von Flügen dann auch meist: Eine Spende für das gute Gewissen.

Zu hohe Erwartungen an die Politik

Vor diesem Hintergrund haben wir in dieser Themenwoche auch die generelle Sinnhaftigkeit von privaten Klimakompensationen durch die Passagiere im Luftverkehr im Detail betrachtet. Denn anders als in allen anderen Verkehrssegmenten gibt es für die Luftfahrt bereits etliche staatliche Regelungen, die CO2-Ausstöße kompensieren beziehungsweise bepreisen.

Angefangen bei dem eingangs bereits thematisierten UN-Projekt Corsia, über den EU-Emisssionshandel und die vorgeblich für die Umwelt eingesetzten Gelder aus der deutschen Luftverkehrsteuer bis hin zur Diskussion um CO2- und Kerosinsteuern gaukeln die Maßnahmen dem Wähler ein watteweiches Rundum-Sorglos-Klima-Abgabepaket vor. Dabei tragen Steuern nur zur gefühlten Gewissensberuhigung bei, wie unser Donnerstag-Beitrag dieser Themenwoche zeigt:

© Adobe Stock, studiostoks Lesen Sie auch: Zum Sinn von Kompensationszahlungen durch Passagiere CO2-Offsetting (4/5)

Dennoch bleibt bei vielen Beobachtern das Gefühl, dass nicht genug getan wird. Und letztlich wird das bei Kompensationen immer so sein. Die Erwartungen an eine klimaneutrale Luftfahrt sind nämlich über Kompensationsleistungen nicht zu erreichen.

Das liegt dabei gar nicht mal in erster Linie am Willen der Beteiligten und auch nicht an den unterschiedlichen Ansätzen. Die Möglichkeiten für sinnvolle Kompensationsmaßnahmen sind einfach auf Dauer einfach zu begrenzt.

Dieser Erkenntnis folgt schlicht und einfach die Schlussfolgerung, dass Kompensationen immer nur eine Übergangslösung auf dem Weg zur CO2-neutralen Luftfahrt sein können. Für den Teil der anfallenden Emissionen, für deren Vermeidung es im Moment noch keine technischen Alternativen gibt.

Über den Autor

David Haße

David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der Marketing- und Kommunikationsfachmann beschäftigt sich seit 2007 professionell mit den Themen der Luftverkehrswirtschaft und Luftverkehrspolitik. Kontakt: david.hasse@airliners.de

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Von: David Haße

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