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Tuifly-Stellenabbau trotz staatlicher Milliarden sorgt für Kritik

Mit Bestürzung reagieren Arbeitnehmervertreter auf die angekündigte Halbierung der Tuifly-Flotte und den damit einhergehenden Arbeitsplatzabbau. Dieser erfolge angesichts staatlicher Milliardenhilfen für die Konzernmutter "steuerfinanziert".

Bordservice bei Tuifly © Tuifly

Nachdem der Reisekonzern Tui angekündigt hat, seinen deutschen Ferienflieger aufgrund der Corona-Krise um rund die Hälfte zu verkleinern und mehrere Standorte zu schließen, reagieren Arbeitnehmervertreter bestürzt und mit viel Kritik auf die Pläne.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) befürchtet drastische Folgen durch die Standortschließungen. "Das wäre sehr bitter", hieß es - selbst wenn Jobs gerettet werden könnten, würden sich so vermutlich der Pendelaufwand vieler Kollegen vergrößern.

Die im Aufsichtsrat vertretene Gewerkschaft Verdi betonte, es seien noch keine konkreten Entscheidungen gefallen. Man erwarte aber "harte Schnitte", in der kommenden Woche gebe es Verhandlungen. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo zeigte sich "schockiert" von dem Plan.

VC rechnet mit 270 Piloten weniger

Bei Tuifly gibt es rund 2000 Vollzeitstellen, davon 1400 Piloten und Flugbegleiter. Nun stehen die Jobs von 700 Mitarbeitern auf der Kippe, davon 230 in Vollzeit. Der Die VC sprach von 700 betroffenen Beschäftigten im Flugdienst, darunter etwa 270 Piloten.

Die Kritik entzündet sich auf Gewerkschaftsseite auch an dem Umstand, dass Tui gleichzeitig mit Darlehen der staatlichen Förderbank KfW über 1,8 Milliarden Euro zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit unterstützt wird. "Wenn nun ein mit Steuergeldern finanzierter Arbeitsplatzabbau kommen sollte, wäre das schon ein starkes Stück", sagte ein Gewerkschafter der Dpa. "Es ist völlig unklar, wie das funktionieren soll."

Das Vorgehen zeige aber auch, wie stark Reisekonzerne von Corona betroffen sind. "Die müssen an allen Ecken und Enden sparen", merkte die VC an.

© AirTeamImages.com, Alun Morris Jones Lesen Sie auch: Tuifly schrumpft deutlich und bläst Langstreckenpläne ab Exklusiv

Verdi kündigte an, dass man mit allen der Gewerkschaft zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen werde, die Beschäftigten und deren tarifliche Standards an Bord, in der Technik, am Boden sowie in der Verwaltung zu schützen. Personalabbauszenarien und Standortschließungen würden zwar Einmaleffekte erzeugen, woran es aber fehle, sei ein nachhaltig gesichertes Konzept für die Airline.

Tui-Chef Fritz Joussen hatte den KfW-Kredit mit einer Laufzeit bis Mitte 2022 als entscheidende Hilfe bezeichnet. Der Abfluss an Liquidität war wegen des fast komplett ruhenden Geschäfts im Frühjahr zuletzt beträchtlich. Einem Bericht des Online-Wirtschaftsmagazins "Business Insider" zufolge soll Tui nun weitere Hilfsanträge erwägen, das Unternehmen wollte dies nicht kommentieren. Im Konzern sollen laut bisherigen Plänen schon 8000 Stellen vor allem im Ausland wegfallen.

Für die Kunden soll sich zunächst nichts ändern: Der aktuelle Sommerflugplan von Tuifly für die 2020 verspätet gestartete Saison habe Bestand. "Es ist ein Krisenflugplan, aber es ist wohl schwer vorstellbar, dass da jetzt noch etwas gestrichen wird", hieß es aus dem Konzernumfeld. Das Unternehmen hatte auch den Plan für 2021 vorzeitig freigeschaltet.

17 Flugzeuge an fünf Standorten

Am Freitagmorgen erklärte Joussen den Mitarbeitern im Konzern in einer Videokonferenz die Lage. Ziel sei es, die eigentlich vorgesehene Flotte von 39 Jets vom Typ Boeing 737 zu halbieren und Stationen wie Köln, Bremen und Münster-Osnabrück zu schließen. Wie viele Jobs dadurch wegfallen müssen, werde nun Teil der Gespräche zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmervertretern sein.

In einer Präsentation der Geschäftsführung, die airliners.de vorliegt, ist von langfristig 17 Flugzeugen, die an fünf Standorten in Deutschland stationiert sind, die Rede. Man habe kaum eine andere Wahl und Tuifly sei mit den Plänen zur Schrumpfung nicht alleine, sie würden bei fast allen europäischen Airlines existieren. Zudem sei für die Zeit nach der Covid-Pandemie mit einem verschärften Wettbewerb zu rechnen.

Es geht laut Tuifly darum, die verkleinerte Flotte über das ganze Jahr hinweg auszulasten und nicht im reiseschwachen Winter zu viele Flugzeuge zu haben. In dieser Zeit werden etliche Jets auch an andere Anbieter vermietet. "Die Frage ist: Was für eine Flugzeugstruktur brauchen wir? Diese Diskussion müssen wir jetzt starten."

© Tui Group, Lesen Sie auch: Tui erhält staatlichen Milliardenkredit

Für die in der Corona-Krise bisher schon schwer gebeutelte Tui-Aktie ging es am Freitag noch einmal deutlich aufwärts. Am Nachmittag lag sie zuletzt mit 4,95 Prozent im Plus bei 5,602 Euro. Damit ist sie immer noch weniger als halb so viel wert wie noch zum Jahreswechsel. Seit ihrem Tiefpunkt von 2,423 Euro im Corona-Crash von Mitte März hat sich ihr Kurs aber wieder mehr als verdoppelt.

Am 17. Juni will Tuifly den Ferienflugbetrieb wieder aufnehmen. Der ursprünglich geplante Start eines eigenen Langstreckenangebots liegt nun aber auf Eis. Eigentlich wollte Tuifly Urlauber von November an mit zwei Jets vom Typ Boeing 787 "Dreamliner" nach Mexiko und in die Dominikanische Republik bringen. Dies sei angesichts der Corona-Krise aber derzeit nicht sinnvoll, hieß es aus dem Unternehmen.

Von: dk mit dpa

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