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Tschüß Tegel, Flughafen der kurzen Wege

In genau vier Wochen soll der letzte Linienflug am Flughafen Berlin Tegel abheben. Dann wird das Kürzel TXL aus den weltweiten Buchungssystemen gelöscht. War's das dann für den Flughafen der kurzen Wege? Nicht ganz: Für das Gebäude und das Gelände gibt es längst Pläne.

Der Flughafen Berlin-Tegel soll sechs Monate nach BER-Eröffnung geschlossen werden. © dpa / Paul Zinken

Wer in der Hauptstadt hoch genug wohnt und in Richtung Nordwesten schaut, kann dieser Tage die letzten Flugzeuge beobachten, die von Tegel aus in den Himmel über Berlin starten. So manchen stimmen solche Szenen schon jetzt nostalgisch. Denn wenn der Hauptstadtflughafen BER Ende Oktober eröffnet wird, muss der alte Flughafen Tegel schließen.

Dass der Innenstadtflughafen überhaupt noch in Betrieb ist, liegt nur an der beispiellosen Pannenserie beim BER-Bau, die dazu geführt hat, dass der neue Airport im brandenburgischen Schönefeld mit mehr als acht Jahren Verspätung an den Start geht.

Es ist kein Geheimnis: Nicht wenige Berlinerinnen und Berliner waren in der Zwischenzeit heilfroh, weiter mit Bordkarten reisen zu können, auf denen der vertraute Flughafencode TXL zu lesen war. Denn der Flughafen gilt als Flughafen der kurzen Wege, auch wenn er längst aus allen Nähten platzt.

Flughafen der kurzen Wege

Die Flughafen-Architektur, die die Berliner heute kennen, ist ein Entwurf der Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Baustart war 1970, Einweihung vier Jahre später. Einst für 2,5 Millionen Passagiere geplant ist die Zahl der Fluggäste bis zum Einbruch in der Corona-Krise fast kontinuierlich gestiegen und hat Dimensionen erreicht, die zu Baubeginn kaum vorstellbar waren: Rund 24 Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Die prägnante Form des Terminalgebäudes war schon ein Jahr nach Baubeginn gut zu erkennen. Foto: © Flughafen Berlin Brandenburg GmbH/Archiv

Beim Wettbewerb für Tegel punkteten sie mit ihrem ungewöhnlichen, als Sechseck konzipierten Terminal. Es war das erste Großprojekt der renommierten Architekten, die später auch den Berliner Hauptbahnhof und neuen Berliner Flughafen BER planten. Kurze Wege sind das Markenzeichen des Flughafens in Tegel. Rund 70 Schritte sind es nur vom Taxi in die Maschine, haben Vielflieger gezählt. Die Fluggastbrücken befinden sich rund um einen sechseckige Gebäudekranz. Die Zufahrt liegt auf der Innenseite, so dass die Passagiere direkt vor ihrem Gate vorfahren können.

Geflogen wurde in Tegel aber schon viel früher. Als 1948 kurz nach Beginn der Berlin-Blockade in heute schwer zu glaubenden 90 Tagen ein Flugplatz gebaut wurde, war aber lange noch nicht nicht abzusehen, dass er für die Menschen im West-Teil der Stadt zum Tor zur Welt würde. Anschließend nutzten die französischen Alliierten die Anlage als Militärflugplatz. Angesichts steigender Passagierzahlen auf dem bis dahin einzigen West-Berliner Verkehrsflughafen Tempelhof wurde Ende der sechziger Jahre der heutige Flughafen in Auftrag gegeben.

Ob die britische Königin Queen Elizabeth II., Staatsmänner wie Barack Obama oder Wladmimir Putin, Stars wie Marlene Dietrich oder Renée Zellweger, für ihre Berlin-Besuche schwebten sie in Tegel ein. Genau wie Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm, der mit dem goldglänzenden Pokal in der Hand nach dem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Juli 2014 in Brasilien aus der Maschine stieg.

"Das war für viele Fans in Deutschland, auch für mich persönlich, ein sehr emotionaler Moment", gestand der Chef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup, kürzlich vor Journalisten. Und solche emotionale Erinnerungen an den Flughafen Tegel gebe es viele. "Aber Tegel ist viel zu klein geworden und entspricht nicht mehr den Standards eines modernen Flughafens", sagte er. "Wer mal mit 1500 Personen im Terminal C morgens um sechs an der Security angestanden hat, weiß, wovon ich spreche."

Dennoch werden die Berliner die kurzen Wege wohl vermissen, für die sie in den letzten Jahren so manch eine Unannehmlichkeit ohne großes Murren in Kauf genommen haben. Aber was für die Passagiere gut ist, war für den Betreiber ein finanzielles Drama. Kaum Flächen zur Vermietung und viel manuelle Arbeit ohne zentrale Sicherheitskontrollen oder Kofferbeförderungssysteme sind keine gute Basis für eine moderne Flughafeninfrastruktur.

Heftige Diskussion um Schließung

Das sehen viele so, aber nicht alle. Berlins FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja etwa hält die geplante Schließung für einen großen Fehler: "Als Cityairport ist er nicht nur ein unschlagbarer Standortvorteil für den Wirtschafts- und Messestandort Berlin, er ist auch ein Entlastungsprogramm für den augenscheinlich dysfunktionalen BER."

Czaja hat jahrelang für den Erhalt des Flughafens gekämpft. Zusammen mit dem Verein Pro Tegel startete die Berliner FDP 2015 eine entsprechende Initiative. Bei einem Volksentscheid, der den Senat allerdings nicht verpflichtete, den Flughafen offen zu halten, gab es 2017 für das Anliegen fast eine Millionen Stimmen und damit eine knappe Mehrheit. Alles umsonst.

FDP-Politiker Sebastian Czaja vor einem Plakat des Volksbegehrens "Berlin braucht Tegel". Foto: © dpa, Wolfgang Kumm

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat Vieles an dem vor der Schließung stehenden Flughafen Tegel geschätzt. "So ein Flughafen mitten in der Stadt mit so kurzen Wegen, wo man quasi vom Auto aus den Check-In-Schalter sieht, den wird es so wohl nie wieder geben. Natürlich ist das bedauerlich, das war einmalig in Tegel, eine einzigartige Architektur", sagte der SPD-Politiker. "Auf der anderen Seite eröffnet uns der BER wieder neue Möglichkeiten, die Tegel nie bieten konnte."

Hinzu gekommen sei eine sehr ernsthafte Umwelt- und Klimadiskussion, auch wegen der Lärmbelästigung durch innerstädtischen Flugverkehr, so der Regierende Bürgermeister. "Insofern muss man sagen, dass in den vergangenen 20 Jahren vieles dafür gesprochen hat, an dem Beschluss festzuhalten und diesen Weg auch umzusetzen."

Die vernünftigste Variante wäre nach Müllers Einschätzung aber der alte SPD-Vorschlag gewesen, den Flughafen im brandenburgischen Sperenberg zu bauen. "Dann wären wir lange fertig, weil es viele Umwelt-, Lärmschutz- und verkehrsrechtliche Fragen nicht gegeben hätte."

Denn auch die Nähe des BER zu Berlin sei mit vielen Auflagen verbunden. "Diejenigen, die den Bau beschlossen haben, haben eine Vorsorge für den Lärmschutz von 70 Millionen Euro eingeplant - jetzt geben wir 750 Millionen aus", sagte Müller. "Es ist auch ein Einfordern der Anwohner und die Bestätigung der Justiz, dass Lärmschutz inzwischen einen ganz anderen Stellenwert hat - und der muss bezahlt werden. Das Thema hätten Sie so in Sperenberg nicht."

Symbol für die Freiheit West-Berlins

Letzter Tag mit regulärem Flugbetrieb in Tegel soll nun der 7. November sein. Am Tag darauf startet am Nachmittag noch einmal ein Airbus A320 der Air France Richtung Paris. Da schließt sich ein Kreis: Mit der französischen Fluggesellschaft begann 1960 der Linienflugverkehr.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD). Foto: © dpa, Gregor Fischer

In Tegel ist auch Bürgermeister Müller als Jugendlicher das erste Mal in ein Flugzeug gestiegen: "Ich erinnere mich, dass mich meine Oma zu einem Städtetrip nach London eingeladen hat - da war ich so 12 oder 13 Jahre alt. Das war mein erster Flug, und der war von Tegel."

Aber selbst viele Berlinerinnen und Berliner, die gar nicht fliegen wollten, zog es immer wieder nach Tegel. Manche nur, um in der Zeit der Teilung der Stadt von der Besucherterrasse aus Maschinen abheben zu sehen, die bald darauf im Westen landen durften.

Tegel sei eben auch ein Symbol für die Freiheit West-Berlins gewesen, sagt auch Flughafenchef Lütke Daldrup. Wegen der Corona-Krise war die Besucherterrasse monatelang geschlossen. Seit dem vergangenen Wochenende ist sie wieder offen - bis zum 7. November.

Aus TXL und SXF wird BER

Air France soll am 8.11. den letzten Flug vom Flughafen Tegel durchführen. Bereits einen Tag vorher endet dort der kommerzielle Flugbetrieb. Der Flughafen-Code TXL wird somit in der Nacht vom 7. auf den 8. November aus den weltweiten Systemen gelöscht.

Der Schönefelder Flughafen-Code SXF wird dagegen bereits am 25. Oktober auf BER umgestellt. Am 31.10. sollen dann Lufthansa und Easyjet gegen 14 Uhr am BER landen. Die Chefs beider Airlines werden dazu in Berlin erwartet. Nach einer Begrüßung der zwei Maschinen und der Delegationen beginnt der reguläre Flugbetrieb.

Easyjet wird beispielsweise ihre in Tegel stationierten Flugzeuge auf den Rückkursen am Nachmittag zum BER einfliegen. Erste Abflüge vom BER sind dann am 1. November früh morgens geplant. Um 6:45 Uhr fliegt die erste Maschine vom BER nach London-Gatwick.

Erst am 4. November soll allerdings auch die neue BER-Südbahn in Betrieb gehen. Mit einem ersten Abflug der Qatar Airways von der neuen Bahn gegen zehn Uhr morgens geht der BER dann schlussendlich auch planungsrechtlich in Betrieb.

Die Pannen beim Bau des neuen Hauptstadtflughafens BER werden derweil nach den Worten von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller bald in Vergessenheit geraten. "Es wird zu einer ähnlichen Situation kommen wie mit der Elbphilharmonie in Hamburg: Wenn die Leute den Flughafen erleben, wie er funktioniert, dann wird auch sehr schnell die Leidensgeschichte in der Bauphase vergessen sein", sagte Müller. "Wir haben das auch bei anderen Vorhaben in Stadt erlebt. Während der Bauphase gibt es oft viel Kritik und in dem Moment, in dem es funktioniert, ist sie auch schnell vergessen."

Willkommen in der "Urban Tech Republic"

Wenn der Flughafen in Tegel dann tatsächlich dicht ist, soll der Gebäudekomplex aber nicht verschwinden. Das ikonische Sechseck wurde bereits unter Denkmalschutz gestellt, es soll zukünftig eine Universität beherbergen.

Das Kürzel TXL steht künftig für ein Projekt, das erst noch entstehen muss: ein neues Stadtquartier mit über 5000 Wohnungen und Platz für mehr als 10.000 Menschen, direkt neben einem Forschungs- und Industriepark mit dem futuristisch klingenden Namen Urban Tech Republic. Die für die Entwicklung verantwortliche landeseigene Tegel Projekt GmbH will dort Gründer, Studenten, Investoren, Industrielle und Wissenschaftler zusammenbringen.

In der "Urban Tech Republic" sollen einmal bis zu 1000 Unternehmen und Institute ihren Platz finden. Das bisherige Terminal A ist als Hochschulstandort vorgesehen. Die Häuser im weitgehend autofreien neuen Schumacher-Quartier sollen in Holzbauweise entstehen. An sogenannten Mobility Hubs können Bewohner vom Auto auf Rad oder ÖPNV umsteigen.

© Tegel Projekt GmbH, Lesen Sie auch: Ehemaliges Tegel-Gelände soll zum Industriepark werden

Noch ist das Zukunftsmusik. Ein halbes Jahr lang muss Tegel ohnehin betriebsbereit bleiben, die Tegel Projekt GmbH übernimmt das Gelände erst im Sommer 2021. Noch im selben Jahr sollen die ersten Arbeiten beginnen. GmbH-Geschäftsführer Philipp Bouteiller rechnet für 2026 mit den ersten Bewohnern im Schumacher-Quartier - und mit 20 bis 30 Jahren für das gesamte Projekt.

Falls sich die Bauzeit nicht unerwartet verlängert. Berlin ist da einiges gewohnt. Auf dem Tempelhofer Feld jedenfalls hat sich seit der Schließung des Flughafens wenig getan. Nicht einmal neue Wohnungen durften nach einem Volksentscheid gebaut werden. In Tegel soll das aber anders werden.

Von: dh mit dpa

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