Interview "Man muss auf alles vorbereitet sein"

Die Sunexpress-Flotte steht wegen Corona am Boden. Dennoch sieht sich das Lufthansa-Turkish-Joint-Venture auch als ACMI-Anbieter gut aufgestellt. Sunexpress-CCO Peter Glade über Ziele in einer Zeit, in der man eigentlich nichts planen kann.

Peter Glade, CCO bei Sunexpress © Sunexpress

Sunexpress ist ein Joint Venture von Lufthansa und Turkish Airlines und besteht aus einer deutschen sowie einer türkischen Fluggesellschaft, die unter selbem Branding abheben. Zudem betreibt Sunexpress Flugzeuge im Auftrag der Eurowings und Anadolujet. Wir haben uns mit Peter Glade, dem CCO der Sunexpress, über die Herausforderungen rund um die Coronavirus-Krise unterhalten.

airliners.de: Herr Glade, die Coronakrise überschattet aktuell alles. Bevor wir zu den Auswirkungen kommen, wie hat sich ihr Arbeitsalltag durch Corona verändert?
Peter Glade: Der Arbeitsalltag hat sich drastisch verändert. Wir haben uns bei Sunexpress relativ früh darauf vorbereitet und haben schon vor Wochen, als das noch nicht "en vouge" war, die Mitarbeiterschaft beispielsweise in zwei Mannschaften aufgeteilt, wovon immer nur ein Team im Büro sein durfte und das andere im Homeoffice. Eine Maßnahme, um sicherzustellen, dass wir den Flugbetrieb auch dann aufrechterhalten können, wenn ein Team komplett in Quarantäne muss. Als Unternehmen mit zwei Heimaten, sind wir an viele Videokonferenzen und Zeitverschiebung gewöhnt. An die Tatsache, dass wir nun nicht mehr fliegen, um Menschen und Länder zu verbinden, sondern um sie zu trennen, kann sich keiner von uns gewöhnen. Auch wenn es Stand heute das einzig Richtige ist.

Bei einer Fluggesellschaft können aus natürlichen Gründen nicht alle Angestellten ins Homeoffice…
Derzeit sind über 4600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Sunexpress beschäftigt. Ein Großteil davon ist in operativen Positionen tätig. Natürlich können nur die Mitarbeiter ins Homeoffice gehen, bei denen es die Tätigkeit zulässt. Unsere Maintenance-Mannschaft kann nicht Zuhause schrauben. Aber für rund 90 Prozent der Kollegen, bei denen die Arbeit von zuhause möglich ist, haben wir die nötigen Schritte bewerkstelligt. Klingt so einfach, aber wir mussten erstmal alle Arbeitsplätze mit der nötigen IT ausstatten.

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Über den Interview-Partner

Peter Glade ist seit 2016 Commercial Director (CCO) bei Sunexpress. Zuvor war der in Frankfurt lebende Familienvater bei Lufthansa, Accenture, der Star Alliance und Austrian Airlines in verschiedenen leitenden Funktionen tätig.

Wie lange kann Sunexpress die Corona-Krise überstehen?
Länger als die meisten anderen. Das muss ich erklären: Wir waren in den letzten Jahren wirtschaftlich sehr erfolgreich und konnten somit ein finanzielles Polster aufbauen. Das hilft uns jetzt. Ein großer Vorteil ist und bleibt dabei unsere Kostenstruktur. Und natürlich unser Team, dass mehr denn je zusammensteht und jetzt in der Krise bereit ist, persönliche finanzielle Opfer zu bringen, damit wir sicher durch diese Krise steuern können. Außerdem haben wir ein gutes Cash-Flow-Management im Haus und hervorragende Partnerschaften mit unseren Lieferanten. Diese gehen oft über eine klassische Kunden-Lieferanten-Beziehung hinaus. In diesen Zeiten ist einer für den anderen da – darauf sind wir sehr stolz.

Wer sind denn ihre speziellen Partner? Den großen Touristikern, wie Tui und anderen geht es ja aktuell auch schlecht.
Insbesondere jetzt in der Krise zahlt sich aus, dass wir uns immer als Partner der Reiseveranstalter verstanden haben. Es zeigt sich, dass wir belastbare Partnerschaften haben und dass wir einander vertrauen. Das ist wichtig. Weder wir noch die Reiseveranstalter ergehen uns in der aktuell schwierigen Lage in Forderungen. Stattdessen setzten wir uns gemeinsam hin und versuchen für beiden Seiten die besten Lösungen zu finden. Sowohl die Krise als auch die Zeit danach können wir nur gemeinsam schaffen.

Ist der Linienverkehr bei Sunexpress eingestellt?
Tatsächlich steht unsere Flotte derzeit, bis auf wenige Ausnahmen, am Boden. Bis vor Kurzem sind wir noch mit einigen Maschinen innertürkisch geflogen, immerhin sind wir dort einer der größten Anbieter für Inlandsflüge. Seit dem 28. März sind nun auch diese Flüge vorerst ausgesetzt, da die türkische Regierung einen Reisestopp verfügt hat.
Wir werden einen Teil unserer Flotte stilllegen, während wir einen kleinen Teil solange wie möglich beweglich halten, um auf Adhoc-Anfragen reagieren zu können. Wie zum Beispiel Frachtflüge oder Rückholflüge. Das hat ja auch Auswirkungen darauf, wie es nach der Krise wieder weitergeht. Wir freuen uns da schon drauf, weil wir glauben, dass die Märkte, die wir bedienen, die Märkte sind, die sich schnell wieder erholen werden. Ich denke da an den VFR-Verkehr ("Visit Friends and Relatives") mit den Destinationen Erbil, Beirut und das ganze Türkei-Programm.

Sie waren auch an den Rückholflügen beteiligt und haben viele Menschen nach Hause gebracht. Wie ist der Stand?
So ruhig es jetzt wird, so intensiv war es in den letzten drei Wochen. Unser Team hat in einem einmaligen Kraftakt eine große Rückhol-Aktion auf die Beine gestellt. Allein aus Antalya und Izmir haben wir auf 180 Flügen rund 28.000 Passagiere nach Hause geflogen. Am 20. März sind acht unserer Boeing 737 in Kolonne nach Ägypten geflogen, um rund 1.500 Passagiere auszufliegen. Auch ganz ungewöhnliche Destinationen standen und stehen für unsere Crews auf dem Plan. Erst letzte Woche haben wir im Auftrag der Schweiz Passagiere aus dem Senegal nach Hause geflogen. In der vergangenen Woche haben wir nochmal sehr intensiv mit der Bundesregierung diskutiert, wie wir weitere Rettungsflüge unterstützen können und haben konkrete weitere Aufträge erhalten.

Aber es handelt sich dabei ausschließlich um Sonderflüge? Das sind alles keine Linienflüge?
Teilweise waren es adhoc umdisponierte Linienflüge, teilweise zusätzliche Flüge, die wir entsprechend des Bedarfs und der Anforderungen unserer Partner aufgesetzt haben. Unsere großen Stärken sind Schnelligkeit und Flexibilität. Wir zögern nicht lange, sondern handeln einfach. Das unterscheidet uns von Mitbewerbern. Unsere "Systemrelevanz" damit zu behaupten steht für uns absolut nicht im Mittelpunkt.

Mussten die Passagiere die Kosten für ihre Rückflüge selber tragen, oder ist es ein Teil der Pauschalreise?
Unseren Kunden haben wir selbstverständlich ohne Gebühren neue Tickets ausgestellt. Der Großteil der Reiseveranstalter hat sich ähnlich verhalten. Das ist auch im Pauschalreiserecht so geregelt.

Können Sie schon abschätzen, welche nachwirkenden Veränderungen es durch die Corona-Pandemie bei Sunexpress geben wird?
Ich glaube, mittlerweile haben wir alle begriffen, dass die Situation aktuell viel zu dynamisch ist, um sie bewerten zu können. Wir konzentrieren uns auf die unmittelbaren Maßnahmen. So haben auch wir Kurzarbeit für unsere Mitarbeiter in der Türkei und Deutschland beantragt. Das muss alles mit der Bundesanstalt für Arbeit einzelvertraglich geregelt und auch mit unseren Tarifpartnern abgestimmt werden. Hierzu sind wir aktuell in Gesprächen, aber wir rechnen damit, dass wir hier zeitnah zu einer guten Lösung kommen werden.

Verfügen Sie als Airline über Informationen, wann es wieder losgehen wird? Oder sitzen Sie auch da und warten auf den Tag X.
Die türkische Regierung hat das Einreiseverbot und die Einstellung des innertürkischen Flugverkehrs aktuell bis 30. April festgelegt. Jetzt kann man sich überlegen, wird es beim 30. bleiben? Die Situation ist aktuell so dynamisch, dass auch wir auf alles vorbereitet sein müssen. Und das sind wir. Flexibilität hat uns als Sunexpress schon immer ausgezeichnet. Und wir haben jetzt schon stehende Anfragen für den Tag X +1 für Sonderflüge, die werden geplant, mit flexiblem Datum. Auch ungewöhnlich für eine Airline, was? Wir bleiben weiter optimistisch. Wenn wir wieder fliegen dürfen, sind wir da.

Hope for the best and prepare for the worst

Peter Glade zur Corona-Krise

Wie bereitet sich denn Sunexpress auf die Wiederaufnahme des Flugbetriebs vor. Sie werden ja nicht sofort bei 100 Prozent sein.
Wenn uns die letzten Tage eines gezeigt haben: derzeit ist "Planung" fast sinnlos. Wir denken schon nicht mal mehr in Szenarien, wir denken in Flexiblitäten. Das heißt welche Indikatoren – und das sind ganz andere als noch vor drei Wochen – ermöglichen es uns eher als unseren Mitbewerbern zu merken, dass da wieder ein Bedarf entsteht und zeitgleich eine Möglichkeit zu operieren. Und dann flexible Reaktion. Wir gehen davon aus, dass die Reiserestriktionen volatil bleiben – wir haben die richtigen Strukturen, um damit umgehen zu können. Aber natürlich planen wir auch für ein Worst-Case-Szenario. Dabei arbeiten wir nach dem Motto: "Hope for the best and prepare for the worst." Sunexpress kann das auch finanziell ein ganzes Stück durchstehen.

Wie hat sich die Konkurrenzsituation auf dem deutschen Markt verändert. Germania ist weg, dafür hat sich mit Corendon ein türkischer Carrier an den kleinen und mittleren Flughäfen in Deutschland breit gemacht.
Erstmal: Wettbewerb ist immer gut, weil es uns als Sunexpress anspornt, weiter das Beste aus uns herauszuholen. In 30 Jahren ist Sunexpress zu einer starken Marke gewachsen, die besonders in unseren Heimatmärkten Izmir und Antalya fest verankert ist und für viele unserer Passagiere einen emotionalen Wert hat. Diese Position werden wir auch in Zukunft verteidigen. Corona wird den Markt nachhaltig verändern, soviel ist klar. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Airlines kommen und gehen sehen. Wir werden nach der Krise sehen, welche übrigbleiben. Gemeinsam werden wir dann den deutsch-türkischen Markt beackern.

Sunexpress bereedert auch Anadolujet. Wenn der Turkish-Billigflieger wie geplant nach Deutschland kommt, fliegt ihnen etwas davon?
Der Markt für Sunexpress und AnadoluJet ist groß genug. Wir werden auch zukünftig die Wetleases für die AnadoluJet durchführen, das ist Teil unseres Geschäftsmodells. Wir haben früher auch schon Wetleases für die Condor und die Austrian durchgeführt.

Kommen wir weiter zu einem unschönen Thema, das durch die Corona-Pandemie gerade nicht mehr so im Fokus steht: Der Boeing 737 Max. Sunexpress sollte 2019 zwölf 737 Max übernehmen. Kommen die Maschinen 2020?
Wir hätten acht Jets in 2019 und fünf in diesem Jahr bekommen sollen. Sagen wir mal so: Wir stehen in engem und regelmäßigem Kontakt mit Boeing und fühlen uns auch gut informiert. Wir wissen auch, dass die Kollegen von Boeing planen, dass die Max in diesem Jahr ausgeliefert wird. Wir wissen aber auch, dass das nicht allein in den Händen von Boeing liegt und der Zulassungsprozess sehr langwierig ist. Wie sich dieser Prozess durch die Corona-Krise zeitlich ändert, weiß aktuell niemand.

Wir sehen uns selbst als das Uber der Luftverkehrsindustrie

Peter Glade zum Thema Flexibilität und Marktkapazitäten

Die fehlenden Kapazitäten sollten durch Leasings ausgeglichen werden. Wird das jetzt mit der Coronakrise hinfällig?
Corona ändert alles. Ursprünglich war geplant, die Kapazitäten, die durch die Max wegfallen, fast eins zu eins zu ersetzen. Wir haben an dieser Stelle gute Lösungen mit Wet-Lease-Anbietern gefunden. Aber gerade, weil die Corona-Krise alles ändert, müssen wir genau prüfen, welche Kapazitäten der Markt zukünftig – sprich nach Corona – braucht. Wir richten unsere Kapazitäten nach unseren Kunden. So wird dann auch unser Flugplan aussehen. Wir sehen uns selbst als das Uber der Luftverkehrsindustrie. Wir fliegen wann und wohin unsere Kunden wollen. Die benötigte Kapazität werden wir dann zur Verfügung stellen, ob wir das mit eigenen Maschinen, mit der 737 Max oder mit Wet-Lease-Partnern tun, werden wir zu gegebener Zeit sehen.

Wenn die 737 Max dann irgendwann kommt, plant Sunexpress die Maschine auch umzubenennen, ähnlich wie es Ryanair Group CEO O'Leary angekündigt hat?
Ob eine Umbenennung hier das richtige und ausschlaggebende Mittel ist, da bin ich mir nicht sicher. Für uns ist eines klar: Wenn Sunexpress die 737 Max in die Sunexpress-Flotte aufnimmt, dann nur, weil wir 100 Prozent sicher sind, dass die 737 Max ein sicheres Flugzeug ist. Und das müssen uns alle relevanten Behörden bestätigen. Da wird es keinen Kompromiss geben. Wenn die Max weltweit im Einsatz sein wird, ist es an Boeing, den Behörden und den Airlines die Reputation der Maschine dahin zubringen, wo wir sie brauchen. Dabei müssen wir aber immer dem Kunden gegenüber ehrlich bleiben.

Viele Airlines wollen ihre bestellten Maschinen in der aktuellen Lage am liebsten erst später übernehmen und erstmal auf das bestehende Fluggerät setzen. Ist das bei SunExpress ähnlich?
Auch hier gilt wieder: Corona ändert alles. Wir werden die Situation zu gegebener Zeit bewerten und neu denken. Wir haben ja noch 42 offene Bestellungen. Das ist nicht allein der Wachstumsplan, sondern da ist auch viel Ersatz mit dabei.

Die EU hat die Slot-Regularien aktuell ausgesetzt. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Das ist eine richtige und wichtige Maßnahme. Es macht ökologisch und ökonomisch keinen Sinn mit leeren Flugzeugen durch Europa zu fliegen, nur um Slots zu halten. Wir brauchen den Slotwaiver jetzt, damit wir Planungssicherheit haben. Die Maßnahme müsste aber besser noch inklusive des kompletten Winterflugplans ausgesetzt bleiben.

© dpa, Paul Zinken Lesen Sie auch: EU setzt Slot-Regeln aus und veröffentlicht neue Regeln für Luftfracht

Sunexpress stellt sieben A330 im Wet-Lease für Eurowings beziehungsweise jetzt für die Lufthansa bereit. Wie geht es mit der touristischen Langstrecke weiter?
Als Sunexpress sind wir hier Auftragnehmer und können diese Frage nicht für Lufthansa beantworten. Wir stehen mit Lufthansa selbstverständlich in engem Austausch zu vielen Themen und sind überzeugt, dass wir Win-Win-Lösungen finden können, die für alle Beteiligten funktionieren und den veränderten Rahmenbedinungen Rechnung tragen. Was und als Wetlease-Partner immer ausgezeichnet hat, ist unsere Flexibilität.

Herr Glade, vielen Dank für das Gespräch.

Von: Benjamin Recklies

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