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Eine Boeing 737 der Tuifly startet am Flughafen Düsseldorf. © AirTeamImages.com / Edwin Chai

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In den Verhandlungen über den Sparkurs bei der Tuifly ist es zu einem Durchbruch gekommen. In einem Schreiben der Vereinigung Cockpit (VC) an die Tuifly-Piloten, das airliners.de vorliegt, heißt es, dass "im Rahmen der Mediation mit der Geschäftsführung ein tarifliches Ergebnis zur arbeitgeberseitig geforderten Restrukturierung erzielt" worden sei.

Konkret habe man sich, entgegen des ursprünglichen Tuifly-Plans, darauf geeinigt, die Reduzierung der Flotte von ehemals 39 auf 22 statt 17 Flugzeuge zu begrenzen, so die VC. Daraus ergibt sich der Erhalt von 100 Arbeitsplätzen mehr als geplant.

Der Fortbestand von zunächst 370 Cockpitarbeitslätzen soll nun mindestens bis Ende 2022 gesichert sein. Einer Verlängerung des Kündigungsschutzes für die Piloten die an Bord bleiben über 2021 hinaus, war eine der Kernforderungen der VC. Laut VC hätten tarifliche Instrumente, beispielsweise verpflichtende Teilzeitreglungen, bereitgestanden auch noch mehr Stellen zu sichern, dies sei jedoch von Tuifly abgelehnt worden, wie man mit Ernüchterung habe feststellen müssen.

Tuifly-Chef Oliver Lackmann wandte sich am späten Abend an die Belegschaft. "Im Cockpit werden wir insgesamt 370 Pilotinnen und Piloten und in der Kabine 830 Kolleginnen und Kollegen beschäftigen", schrieb er. Das sind deutlich weniger als vor dem Einbruch des Geschäfts im Corona-Jahr 2020. Betriebsbedingte Kündigungen sollen dabei möglichst vermieden werden - auf ein solches Bekenntnis hatten die Gewerkschaften gedrungen. Eine Garantie, dass es nicht doch zu größeren Entlassungen kommen wird, gibt es aber weiterhin nicht.

Freiwilligen-Programme und weitere Kürzungen

Nach Angaben von Verdi sollen den betroffenen Mitarbeitern in der Kabine und am Boden zusätzliche Freiwilligen-Programme angeboten werden, am Boden möglicherweise auch der Wechsel in eine Transfergesellschaft. Bestimmte Vergütungsbestandteile wie Spesen oder Provisionen werden gekappt, teils auch bei der Altersvorsorge.

Die Beschäftigten der Tui-Konzern-Airline müssen sich zudem auf mehr Eingriffsmöglichkeiten und "Flexibilität" bei den Arbeitszeiten und Schichten einlassen. In der Wartung und Technik bleibt es dabei, dass Aufgaben nach Belgien und Großbritannien verlagert werden.

Für die nun vorliegende Einigung hätte man "massive Zugeständnisse" machen müssen, erklärt die VC ihren Mitgliedern. Es soll zu Kürzungen bei Zulagen und der betrieblichen Altersvorsorge kommen. Zudem finden "Stufen-sprünge in Zukunft nur noch zweijährlich statt und sind vom 01.04.2021 bis zum 31.12.2023 ausgesetzt." Im Manteltarifvertrag erfolgten zudem größere Veränderungen im Bereich Nachtflugregelung und disruptiven Diensten, des Proceedings, der Planstabilität, der Bereitschaftsdienste und der ununterbrochenen Dienstperiode. Auf das Anliegen, die Kürzungen neu zu verhandeln, sollte sich die wirtschaftliche Situation bessern, habe sich die Tuifly-Geschäftsführung ebenfalls nicht einlassen wollen.

Wegen der Forderung der Piloten nach einem Kündigungsschutz über 2021 hinaus waren die Verhandlungen über einen Krisenbeitrag des Cockpits zur Restrukturierung der Airline im Herbst ausgesetzt worden, eine Kurzarbeitsregelung für das Cockpit-Personal lief Ende November aus. Im Januar einigten sich beide Seiten dann auf den Mediationsprozess.

Im vergangenen Sommer hatte sich Tuifly, von einem nachhaltigen Geschäftseinbruch durch die Corona-Krise ausgehend, bereits auf eine künftige Flotte von 17 Maschinen festgelegt. Auf allen Ebenen sind seitdem Jobs abgebaut worden. Die VC argumentierte im Janaur, dass der Abbau zu drastisch sei und die Airline mehr Flugzeuge auslasten könne, sollte das Geschäft wieder anziehen.

Für die Tui-Gruppe ist der Abbau bei der eigenen Zubringer-Airline für Pauschal- oder Kreuzfahrtkunden eine Gratwanderung. Konzern- und weltweit stehen insgesamt 8000 Jobs auf der Streichliste. Für 5000, viele davon im Ausland, ist der Plan bereits umgesetzt. Um erhebliche Einsparungen kommt das Unternehmen nicht herum, andererseits muss es in den Wandel zum digitalen Touristikkonzern investieren. Konzernchef Fritz Joussen hatte schon vor der Pandemie einen Umbau angekündigt. Zudem gibt es seit längerem eine Debatte über den Umgang mit den Überkapazitäten bei Flugzeugen, vor allem im reiseschwächeren Winter.

Gegner des Sparkurses verweisen darauf, dass der Fluglinie nach der erhofften Erholung des Geschäfts Maschinen fehlen könnten und sie nur als reine "Markenhülle" weiterlebt. Das Management versicherte, man halte an einer stabilen Winterflotte fest. Stark gekürzt wird nun vor allem am Boden, mehrere deutsche Basen werden dichtgemacht.

Die 2020 eingebrochene Reisenachfrage hatte Tui in Existenznot gebracht. Der Staat und private Kapitalgeber mussten den Konzern stützen. Vor einer zusätzlichen Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro im Januar summierte sich die Unterstützung aus drei Rettungspaketen mit Darlehen, Garantien, Anleihen und Vermögenseinlagen bereits auf 4,8 Milliarden Euro. Der Bund kann bis zu ein Viertel an Tui halten.

Verbunden mit dem vorbereiteten Staatseinstieg ist die Nominierung von zwei neuen Kontrolleurinnen, die Berlin in den Tui-Aufsichtsrat schickt. Die frühere Siemens-Personalchefin Janina Kugel und die Co-Geschäftsführerin der Finanzagentur des Bundes, Jutta Dönges, sollen bei der Hauptversammlung am 25. März bestellt werden.