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Spohr will 2022 profitabel sein und droht, 1000 Piloten zu entlassen

Schon im Frühjahr könnte sich Lufthansa erstmals in ihrer Geschichte gezwungen sehen, eine große Anzahl Piloten zu entlassen, sagt Carsten Spohr. Eine Eingung müsse her, dann könnte die Rückkehr in die Profitabilität schneller gelingen als gedacht.

Carsten Spohr © dpa / Sven Hoppe

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sieht sein Unternehmen zum Ende des Corona-Jahres in einer besseren Lage als zwischenzeitlich befürchtet und rechnet damit, im kommenden Sommer wieder bis zu 70 Prozent des Betriebsniveaus des Rekordjahres 2019 zu erreichen. "Seit eine konkrete Aussicht auf einen wirksamen Impfstoff besteht, haben sich unsere Buchungen für den nächsten Sommer verdreifacht", sagte der Manager in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche".

In der vergangenen Woche teilte die Airline mit, dass man auch bereits für Flüge über Weihnachten und Neujahr einen sprunghaften Anstieg der Buchungen von bis zu 400 Prozent verzeichne. "Die Menschen haben große Sehnsucht zu verreisen", so Spohr. Dass zudem schon für die Osterzeit Flugreisen reserviert würden, zeige eine große Zuversicht.

Die Erholung der Geschäftstätigkeit soll bis 2021 auch mit einer Rückkehr in die Profitabilität einhergehen. 2021 soll ein positiver Cashflow erreicht werden und die Bilanz für 2022 soll möglichst wieder einen Gewinn ausweisen. Die derzeitige finanzielle Lage sieht Spohr angesichts der Umstände stabil. Man habe aus dem staatlichen Hilfspaket in Höhe von neun Milliarden Euro erst drei abgerufen. Das seit weit weniger als geplant und man habe auch erst einen kleinen Teil davon ausgegeben.

Große Erfolge bei Kostensenkungen

Der Umsatz sei zwar gegenüber 2019 um zwei Drittel statt wie vorhergesagt um rund die Hälfte gefallen. Gleichzeitig habe man jedoch Kostensenkungen von 50 Prozent erreicht. Das sei fast doppelt so viel wie erwartet gewesen.

Der Vorstandsvorsitzende verwies auch auf zwei Milliarden Euro Liquidität, die man im Herbst durch Ausgabe von Anleihen am Kapitalmarkt eingenommen habe. Diese seien teils sechsfach überzeichnet gewesen. Er sehe derzeit keinen Grund, dass die Bundesregierung ihre 20-prozentige Beteiligung am Konzern nicht deutlich früher als nach sechs Jahren, dass von der EU genehmigte Enddatum, verkaufen kann. Das wäre ab 2023 möglich.

Finanzminister Olaf Scholz kündigte bei der Verabschiedung des Hilfspaketes an, dass die Regierung die Anteile mit Gewinn verkaufen wolle, der maximale Zeitrahmen solle nicht ausgeschöpft werden. "Wenn das Unternehmen wieder flott ist, dann wird der Staat seine Anteile veräußern." Dass der Zeitpunkt kommen wird, steht für Spohr außer Frage, wenn auch in einem stark veränderten Umfeld. Die Corona-Krise sei für den Luftverkehr eine klare Zäsur, nicht nur die Lufthansa werde danach kleiner und effizienter sein.

VC hält Entlassungsdrohung für "grob widersinnig"

Dabei steht weiter die Entlassung einer vierstelligen Zahl von Piloten bereits im Frühsommer im Raum. "Mangels Einigung wird es wohl erstmals in der Geschichte unseres Unternehmens im zweiten Quartal 2021 so weit sein, dass uns 500 Kapitäne und 500 Erste Offiziere verlassen müssen", sagte Spohr.

Das wäre ein Fünftel der rund 5000 Piloten der Lufthansa-Kerngesellschaft. Es sei kaum erklärbar, dass keine Lösung absehbar sei, sagte Spohr mit Blick auf die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), mit der eine weitreichende Einigung auf Einschnitte in der Corona-Krise aussteht.

"Den Vorwurf, dass es kaum eine Erklärung dafür gebe, dass keine Lösung absehbar ist, kann ich nur zurückgeben," antwortete der VC-Vorsitzende für Tarifpolitik Marcel Gröls auf Anfrage von airliners.de. "Wir sind mehrfach in Vorleistung getreten und haben auch nach 15 Tarifrunden keine Einigung erzielt." Es gebe am Tariftisch immer einen freien Stuhl und Herr Spohr sei herzlich eingeladen, daran Platz zu nehmen. "Man muss nicht zwingend über die Presse mit uns kommunizieren."

Es gehe "ausgerechnet um die Beschäftigtengruppe mit den höchsten Tarifgehältern", so Spohr. "Innovative Teilzeitmodelle für die nächsten Jahre müssten möglich sein, um den unzweifelhaft vorhandenen Personalüberhang mit möglichst wenig Kündigungen zu kompensieren." In den anderen Beschäftigungsgruppen gelte der jeweils vereinbarte Kündigungsschutz.

Für Gröls ist angedrohte Zahl an Entlassungen nicht nachvollziehbar. "Herr Spohr sagt in ein und demselben Interview, dass er für Sommer und Herbst 2021 wieder mit bis zu 70 Prozent (der Vorkrisen-Geschäftstätigkeit) kalkuliert, aber nun 1000 Piloten entlassen muss." Das sei nicht nur grob wiedersinnig, sondern auch eine unnötige Belastung für die laufenden Tarifgespräche.

Die von der Corona-Krise gebeutelte Lufthansa hat sich bereits mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo sowie Verdi auf Einschnitte geeinigt. Mit der VC hat sich Lufthansa bisher aber nur auf einen kurzfristigen Sanierungstarifvertrag für dieses Jahr verständigt, der laut Gewerkschaft rund 150 Millionen Euro gespart hat. So wurden unter anderem Aufstockungen beim Kurzarbeitergeld, Zuschüsse zu den Betriebsrenten sowie eine Tarifsteigerung gestrichen.

747-Piloten werden an Cargolux verliehen

Lufthansa hatte den Piloten schon vom zweiten Quartal 2021 an mit betriebsbedingten Kündigungen von bis zu 1100 Kollegen gedroht. Entsprechende Verhandlungen für Sozialplan und Interessensausgleich hat der Konzern mit den Betriebsräten eingeleitet. Die staatliche gerettete Lufthansa in den ersten neun Monaten des Jahres 5,6 Milliarden Euro Verlust gemacht und ihr Flugangebot eingedampft. Bis Jahresende sollen 29.000 Stellen bei dem Konzern gestrichen sein, die meisten davon jedoch bisher im Ausland und durch den Verkauf der Catering-Tochter LSG.

Für einige, der derzeit wenig beschäftigten 747-Piloten bahnt sich laut "aero.de" zumindest eine vorübergehende Lösung an. Sie sollen ab 2021 im Rahmen einer "temporären Arbeitnehmerüberlassung" 747-400 und 747-8 für den Luxemburger Cargo-Airline Carglux fliegen, berichtet das Portal unter Berufung auf Insider.

Mit dem Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport liegt Lufthansa derweil erneut im Clinch. Mit den Drehkreuzen München, Zürich, Wien und Brüssel habe man Vereinbarungen für ein Hochfahren des Geschäfts erzielt. "In Frankfurt führten nicht einmal die Verhandlungen über Gebühren für geparkte Flugzeuge zu einem marktüblichen Kompromiss, sodass wir jetzt weitere, nicht benötigte Flugzeuge zum Parken ausfliegen.

Von: dk mit dpa

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