Hintergrund So bezahlen die Fluggesellschaften für den EU-Emissionshandel

Exklusiv

Noch 2017 waren die Kosten im EU-Emissionshandel für Fluggesellschaften überschaubar. Das ändert sich aber rasant. Schon im vergangenen Jahr mussten die Airlines in Europa über eine halbe Milliarde Euro für Emissions-Zertifikate bezahlen. Eine Übersicht.

Flugzeug vor Euro-Geldscheinen. © Adobe Stock 186565804 / alfexe

Das grundlegende Prinzip des europäischen Emissionshandels ist klar. Doch was kostet das die Fluggesellschaften? Die Schwierigkeiten bei der Ermittlung der genauen Kosten stecken im Detail. Zwar gibt es viele offizielle Veröffentlichungen von Seiten der EU, doch ist das Prozedere der Zuteilungen, Versteigerungen und Spot-Markt-Preisbildung komplex. Die beteiligten Unternehmen halten sich zudem mit genauen Zahlen zurück. Dennoch hat airliners.de die Kosten für die Fluggesellschaften aus dem EU-ETS näherungsweise hergeleitet.

In der EU sind alle gewerblichen Betreiber von Luftfahrzeugen verpflichtet, am EU-Emissionshandel (EU-ETS) teilzunehmen. Das trifft in Europa derzeit auf etwas über 500 Betriebe zu.

Der Emissionshandel hat dabei zwei Ziele. Zum einen sollen in der Luftfahrt Anreize geschaffen werden, die eigenen Emissionen zu reduzieren, beispielsweise durch den Einsatz moderner Flugzeuge. Allerdings sind die Möglichkeiten für Fluggesellschaften derzeit noch sehr begrenzt.

Bis sich das ändert, sollen die Fluggesellschaften daher zum anderen mit dem Wachstum ihrer Emissionen die technisch bereits möglichen Einsparungen in anderen am Emissionshandel teilnehmenden Sektoren mitfinanzieren. Das funktioniert, indem Airlines Zertifikate beispielsweise von den Schwerindustrie- oder Kraftwerksbetreibern erwerben.

In diesen Sektoren gibt es bereits relativ kostengünstig umsetzbare Möglichkeiten, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, wodurch dort Zertifikate zum Handel frei werden. Insgesamt sind die Gesamtemissionen im Rahmen des Emissionshandels in den vergangenen Jahren sogar bereits deutlich gesunken, während die Emissionen aus der Luftfahrt - im Vergleich leicht - zugenommen haben:

Gesamtemissionen EU-ETS und Anteil Luftfahrt
Jahr Sonstige Sektoren Sektor Luftfahrt
2013 1908 53
2014 1814 55
2015 1803 57
2016 1750 61
2017 1755 64
2018 1602 62

Die Anteile der Gesamt-Zertifikate im EU-Emissionshandel im Sektor Luftfahrt sowie in allen sonstigen Sektoren in Millionen Tonnen CO2 in Phase 3 des EU-ETS.Quelle: EU-ETS

Ein Zertifikat (European Union Aviation Allowances, EUAA) entspricht dabei dem Ausstoß von einer Tonne CO2-Äquivalent. Jede Airline muss ihren sämtlichen CO2-Ausstoß mit Zertifikaten abdecken. Einzig Kleinstbetreiber sind ausgenommen. Wieviele Emissionen pro Jahr von einer Airline ausgestoßen wurden, wird von zertifizierten Prüfstellen unter Aufsicht der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) des Umweltbundesamtes kontrolliert und verifiziert.

Wie der EU-Emissionshandel mit seinem "Cap-and-Trade"-Ansatz im Großen und Ganzen funktioniert, hat airliners.de bereits in einem eigenen Hintergrund-Artikel näher beleuchtet:

© dpa, Patrick Pleul Lesen Sie auch: So funktioniert der EU-Emissionshandel Hintergrund

Ein komplexes Berechnungssystem

Was aber müssen nun die einzelnen Airlines für ihre Emissionen im EU-ETS konkret bezahlen? Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie man annehmen möchte. Denn das System ist kompliziert und nicht einmal für alle Fluggesellschaften gelten dabei die selben Voraussetzungen.

Die von der EU ausgegebene jährliche Gesamtmenge an Luftverkehrszertifikaten beläuft sich auf 95 Prozent der durchschnittlichen Gesamtemissionen des europäischen Luftverkehrs der Jahre 2004 bis 2006 und beträgt circa 210 Millionen dedizierte Luftverkehrszertifikate im sogenannten "Full Scope".

Der "Full Scope" bezieht sich allerdings auf die ursprünglichen Planungen der EU, alle in der EU startenden oder landenden Flüge in den Emissionshandel einzubeziehen. Da das gegen internationale UN-Vorgaben verstoßen hätte, musste die EU dieses Ziel allerdings nach jahrelangem politischen Widerstand zahlreicher Länder aufgeben.

In der Folge werden nun nur die Flüge innerhalb Europas dem Emissionshandel unterworfen. Dadurch reduzierte die EU die jährliche Gesamtmenge der ausgegebenen EUAA-Zertifikate erheblich - auf rund 32 Millionen sogenannte Allowances pro Jahr.

82 Prozent der Allowances werden kostenlos an die Fluggesellschaften verteilt. Die restlichen Zertifikate (15 Prozent der Allowances + drei Prozent Reserve) werden jährlich versteigert. Alle Emissionen des Luftverkehrs, die über die Allowances hinausgehen - also das Wachstum der Branche abbilden - müssen von der Luftfahrtbranche in Form von CO2-Zertifikaten (EUA) am Sekundärmarkt zugekauft werden, also beispielsweise von Kraftwerksbetreibern.

Die Zertifikate von Pleite-Airlines verfallen

Fluggesellschaften dürfen die Luftverkehrszertifikate andersrum jedoch nicht an branchenfremde Emittenten verkaufen. Theoretisch dürften Fluggesellschaften allerdings untereinander Zertifikate handeln. Diesen Markt gibt es aber kaum, da so gut wie alle Airlines heute mehr als die ihnen vor rund 15 Jahren zugeteilten Zertifikate verbrauchen. Eine Ausnahme in Deutschland ist Germanwings, die heutzutage wesentlich kleiner ist.

Die kostenlosen Zertifikate von aus dem Markt ausgeschiedenen Fluggesellschaften können derweil nicht weiter gehandelt werden. Die Zertifikate etwa von Air Berlin oder Germania werden aus dem Markt genommen und auch nicht an andere Airlines verteilt, weswegen die Anzahl kostenlos ausgebener Allowances für Fluggesellschaften von Jahr zu Jahr sinkt.

An dieser Stelle kommt eine weitere Besonderheit zum Tragen. Denn alle neuen Fluggesellschaften, die erst nach dem Stichtag zur kostenlosen Verteilung ihren Betrieb aufgenommen haben, bekommen gar keine Zertifikate umsonst. Sie müssen für alle ihre Emissionen innerhalb der EU Berechtigungen erwerben. Das betrifft in Deutschland beispielsweise Eurowings und die deutsche Sunexpress.

Über 16 Millionen Euro allein in Deutschland für Umwelt-Projekte

Aufgrund des starken Wachstums des Luftverkehrs im vergangenen Jahrzehnt wächst der Anteil zugekaufter Zertifikate bei den Airlines derweil stetig. Dabei können Fluggesellschaften zunächst einmal an der Versteigerung der nicht kostenlos zugeteilten Luftfahrtzertifikaten teilnehmen. Dieser Anteil der jährlich zur Verfügung stehenden Luftverkehrszertifikaten wird anteilig für jedes Land einmal jährlich versteigert.

Bei der letzten Versteigerung für Deutschland im Oktober 2018 wurden am Spot-Markt der Europäischen Energiebörse EEX (European Energy Exchange) in Leipzig rund 800.000 EUAA-Zertifikate zum Preis von 20,38 Euro pro Zertifikat verkauft. Der Erlös der sogenannten Einheitspreisauktion betrug rund 16,3 Millionen Euro. Sie gehen über die Deutsche Emissionshandelsstelle direkt an den Staat und werden über den Energie- und Klima-Fonds in Klimaschutzprojekte investiert.

Insgesamt nahmen in Deutschland neun Bieter an der 2018er-Versteigerung teil. Davon bekamen sechs einen Zuschlag. Die übrigen jährlichen Zertifikatezukäufe der Airlines erfolgen an der Europäischen Energiebörse, wo eine durchgehende Preisbildung durch den Handel erfolgt.

© dpa, Julian Stratenschulte Lesen Sie auch: So funktioniert das internationale CO2-Kompensationssystem Corsia Hintergrund

Über eine halbe Milliarde Euro für CO2-Zertifikate

Laut den offiziellen Zahlen der EU-Kommission lagen die Emissionen der dem EU-ETS unterworfenen Flüge im vergangenen Jahr bei rund 62 Millionen Tonnen. Die Menge der zugeteilten Luftverkehrszertifikate - 82 Prozent kostenlos, der Rest versteigert - lag bei rund 31,3 Millionen Tonnen. Die restlichen rund 30,6 Millionen Zertifikaten mussten die Luftfahrtzeugbetreiber also an der Börse hinzukaufen.

Bei einem Durchschnittspreis für EUA-Zertifikate von 15 Euro im Jahr 2018 ergibt sich damit ein Betrag von knapp 460 Millionen Euro. Hinzu kommen die Kosten aus den nationalen Versteigerungen der oben genannten 5,6 Millionen Allowances (18 Prozent von 31,3 Millionen), was für Gesamteuropa Kosten von über 90 Millionen Euro bedeutet.

Insgesamt - Versteigerung plus Zukauf - mussten die am EU-ETS teilnehmenden Luftfahrtzeugbetreiber also im vergangenen Jahr rund 550 Millionen Euro für den Emissionshandel aufbringen.

EU-ETS-Kosten für Zertifikat-Zukäufe von Fluggesellschaften in Europa
Emissionen in Mio. Tonnen Zukäufe in Mio. Zertifikaten Kosten in Mio. Euro
2013 53 21 131
2014 55 23 172
2015 57 25 236
2016 61 30 188
2017 64 32 231
2018 62 31 554

Quelle: EU-ETS, eigene Berechnungen

Während dieser Betrag in den Jahren zuvor viel niedriger war, dürfte er für das laufende Jahr noch deutlich höher liegen. Zuletzt hatte der Preis an der Börse stark zugelegt und notiert aktuell bei über 25 Euro pro Tonne.

Preisentwicklung für European Emission Allowances
Durchschnittspreis in Euro
2013 4.50
2014 6.00
2015 7.70
2016 5.40
2017 6.10
2018 15.80
2019 23.00

Durchschnittspreise in Euro an der Europäischen Energiebörse in Leipzig. Quelle: EEX (European Energy Exchange), 2019: Eigene Schätzung.

Fluggesellschaften in Deutschland bezahlen rund 100 Millionen Euro

Für die in Deutschland gelisteten Luftverkehrsbetreiber weist der Report der EU-Kommission für das vergangene Jahr insgesamt 8,7 Millionen Tonnen CO2-Emissionen aus. Zieht man davon die für 2018 zur Verfügung stehenden 3,5 Millionen Zuteilungen ab, bleiben ungefähr 5,2 Millionen Zertifikate, die von den in Deutschland gelisteten Airlines hinzugekauft werden mussten.

Der Zukauf an der Börse kostet laut EEX-Angaben dabei im vergangenen Jahr durchschnittlich 15,80 pro Zertifikat, womit die in Deutschland gelisteten Fluggesellschaften 2018 rund 83 Millionen Euro für ihre Zertifikate-Zukäufe am Sekundärmarkt ausgaben. Hinzu kamen dann auch hier wieder die Kosten für die verauktionierten Zertifikate aus den Allowances - laut DEHSt 16,3 Millionen. Insgesamt mussten Airlines in Deutschland somit im vergangenen Jahr knapp 99,5 Millionen Euro für den EU-ETS aufbringen.

EU-ETS-Kosten für Zertifikat-Zukäufe von in Deutschland gelisteten Fluggesellschaften
EUAA-Versteigerung EUA-Börsenzukauf
2013 5.3 13.7
2014 5.3 18.7
2015 5.3 25.7
2016 4.6 19.4
2017 5.1 25.9
2018 16.3 83.2

In Millionen Euro.Quelle: EU-ETS, eigene Berechnungen

Neben den deutschen Fluggesellschaften berichtet allerdings auch eine Reihe ausländischer Betreiber ihre Emissionen an die Deutsche Emissionshandelsstelle und beziehen ihre kostenlose Zuteilung aus dem deutschen Kontigent, das dementsprechend angepasst wird. Dabei handelt es sich beispielsweise um Cargo-Airlines aus Fernost, die auf ihren Touren häufig von Deutschland aus innereuropäisch fliegen und daher für diese Teilstücke dem EU-Emissionshandel unterliegen.

Lufthansa muss am meisten zukaufen

Auch über einzelne deutsche Betreiber gibt der EU-Report Auskunft. So sind für die Lufthansa Kernmarke 4,3 Millionen Tonnen CO2-Emissionen für 2018 gelistet. Die kostenlose Zuteilung betrug 2,1 Millionen Zertifikate, also knapp 49 Prozent der Gesamtemissionen. Die restlichen 51 Prozent oder 2,2 Millionen Zertifikate musste die Lufthansa zukaufen, was 34,8 Millionen Euro entspricht.

Mit rund 30 Millionen Euro musste Eurowings vergleichsweise viel für ihre Zertifikate zahlen, da die Gesellschaft keinerlei kostenlose Zuteilung erhält. Damit ist die Airline auf dem zweiten Platz, was die Zukäufe in Deutschland angeht. Die drittmeisten Zertifikate musste die DHL-Airline European Air Transport zukaufen. Danach folgen Condor und Tuifly.

© Lufthansa Group, Lesen Sie auch: Lufthansa Group bezahlt 80 Millionen Euro im Emissionshandel Analyse

Von: dk, dh

Lesen Sie jetzt
Themen
Emissionshandel Fluggesellschaften Politik Rahmenbedingungen Umwelt Kapitalmarkt Wirtschaft Exklusiv