So wird die Condor-Übernahme in Polen bewertet

Nachdem die polnische Lot vor nicht allzu langer Zeit noch selbst als Übernahmekandidat galt, ist man in Polen stolz auf die Übernahme der Condor durch die staatliche Luftfahrtgruppe PGL. In den Medien gibt es Gerüchte um den Kaufpreis.

Die Lot-Mutter PGL übernimmt Condor. © Chris Christes

Nach der Verkündung der Übernahme der Condor durch die polnische Polska Grupa Lotnicza (PGL) fallen die Reaktionen auf den Deal in der polnischen Presse überwiegend positiv aus.

Eine mögliche Übernahme Condors durch die polnische Lot war in Polen bereits seit Wochen diskutiert worden. Wichtig war der polnischen Presse hier vor allem der Hintergrund der Lot, die noch vor einigen Jahren selbst von der Lufthansa übernommen werden sollte. Entsprechend stolz ist man nun in Polen.

Am Freitag hatte niemand anders als Polens Premierminister Mateusz Morawiecki persönlich bekanntgeben, dass die staatliche PGL die Condor übernehmen werde. Der Premier verglich den Erfolg der Lot, die binnen vier Jahren die Zahl der Passagiere von vier auf zehn Millionen steigern konnte, mit der Dynamik der gesamten polnischen Wirtschaft, die in den letzten Jahren verstärkt auf den internationalen Märkten expandiert.

Lot gehört zur PGL-Unternehmensgruppe, in der noch andere Unternehmen aus dem Bereich der Luftfahrt vereint sind. Tatsächlich hatte es seitens der PGL sowohl finanzielle als auch personelle Unterstützung für die Restrukturierung der Lot gegeben. Die PGL erreichte 2019 einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro.

Lot war selbst Übernahmekandidat

Die polnische Presse erinnerte nach der Übernahme an die Aussagen der ehemaligen Regierung unter Donald Tusk aus dem Jahr 2008, die sich um den Verkauf des Unternehmens bemüht hatte. Etwa zwölf Jahre später sei die Situation nun eine ganz andere, denn seit Jahren werfe die Lot Gewinne ab. Lot sei kein Übernahmekandidat mehr, sondern könne heute selbst dadurch expandieren, dass sie andere Fluglinien übernehme.

In Polen kursieren zudem Gerüchte über einen Kaufpreise von 250 Millionen Euro plus der Übernahme des deutschen Überbrückungskredits in Höhe von 380 Millionen Euro. Die Medien verweisen dazu allerdings auf Berichte aus Deutschland. Offizielle Zahlen wurden bei der Präsentation nicht genannt. Die Finanzierung der Übernahme wird unter anderem über die größte polnische Bank PKO BP und den größten Versicherer PZU ermöglicht. Die nötige Bürgschaft dazu übernahm die polnische Nationale Entwicklungsbank (BGK).

Warnung vor zu viel Patriotismus

Die linksliberale Gazeta Wyborcza warnt bei der Übernahme von Condor davor, Wirtschaft mit Patriotismus zu mischen und erinnert daran, dass nur drei Angebote für Condor vorlagen, darunter kein weiteres von einer Airline. Staatliche Unternehmen würden die Condor-Übernahme finanzieren.

In einem relativ kurzen Artikel in der Wirtschaftsspalte der Wyborcza-Onlineausgabe erinnert die Wirtschaftsjournalistin Edyta Bryla zudem daran, dass die Lot aktuell erhebliche Probleme mit der eigenen Flugzeugflotte habe. Bis jetzt sei ungeklärt, wie die Lot die ausgefallenen 737-Max-Maschinen kurz- und mittelfristig ersetzen könne. Bryla verweist am Ende ihres Artikels darauf, dass eines der Geschäftspfeiler der PGL darauf aufbaue, Lot-Flugzeuge anderen Anbietern in Form von Leasingverträgen bereitzustellen. Dies dürfte aktuell nicht mehr möglich sein, da der Lot die Maschinen fehlen.

Die gemäßigt konservative Tageszeitung Rzeczpospolita zitierte kurz nach der Bekanntgabe der Übernahme den Vorsitzenden der PGL Rafał Milczarski, der Condor als starken Partner auf den deutschen Ferienfliegermarkt bezeichnete. Auch die polnischen Fachonlineportale Rynek Lotniczy, Infoair sowie fly4free betonen die Synergien, die sich durch die Übernahme von Condor ergeben könnten.

© Chris Christes, Lesen Sie auch: Lot-CEO will Condor-Langstreckenflotte erneuern und ausbauen

In diesem Zusammenhang fällt insbesondere der Kommentar des ambitionierten Wirtschaftsportals Obserwator Gospodaczy auf. Das Portal geht davon aus, dass Lot versuchen könnte, Condor vom Warschauer Regionalflughafen Radom fliegen zu lassen, um auf diese Weise eine zeitnahe Umsetzung des geplanten Großflughafens Centralny Port Komunikacyjny (CPK) zu forcieren.

Der neue Flughafen von Warschau soll das neue Drehkreuz der Lot werden und rund sieben bis neun Milliarden Euro kosten. Geplant ist die Abfertigung von bis zu 45 Millionen Fluggästen pro Jahr. Warschau Chopin platzt derzeit bereits heute aus allen Nähten.

Von: Aleksandra Fedorska

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