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Schiene, Straße, Luft (10) Gastautor werden

Schöne Stunden im Ledersitz

Schön, wenn man es nicht nötig hat, bei der Verkehrsmittelwahl nach dem billigsten Schnäppchen zu gucken. Da kommen auf einmal ganz andere Präferenzen ins Spiel. Verkehrsjournalist Thomas Rietig sieht Lichtblicke im Tarifdschungel.

Kabine im A320neo von Lufthansa © Lufthansa

Anfang der Woche bin ich von Berlin mit dem Zug nach Düsseldorf und zurück gefahren. Der Erste-Klasse-Flexpreis kostete 370 Euro hin und zurück. Ein Haufen Geld, für das man aber immerhin neun Stunden in Ledersitzen verbringen darf! Wenn der Zug unpünktlich ist, sogar noch mehr. Als "Flexitarier" finde ich Ledersitze nicht schlecht, da sie besonders in Massenverkehrsmitteln wie der Bahn oder dem Flugzeug meist einen sauberen Eindruck vermitteln.

Ich habe angesichts des Preises kurz geschluckt und gedacht: "Da hätte man ja auch fliegen können." Stimmt nicht. Ein flexibles Ticket ist nur schwer unter 500 Euro zu finden. Die Lufthansa rief dafür beim Online-Test in der Economy-Klasse ohne Rabatte mindestens 551 Euro auf. Komfortabler als die erste Klasse der Bahn ist ein solcher Inlandflug in der Regel zwar nicht, aber wenn es um Verbindungen geht, auf denen die Bahn sieben Stunden und der Flieger gut eine Stunde unterwegs ist - Berlin-Stuttgart oder Hamburg-München beispielsweise - reduziert sich der Komfortvorteil auf "mehr Platz", und die Reisezeitgewinne mit dem Flieger wiegen ihn allemal auf.

Das Auto ist konkurrenzlos billig

Auf der Veranstaltung, zu der ich fuhr, sagte ein Bahn-Manager: "Autofahren wird immer billiger", um damit den schärfer werdenden Wettbewerb der Verkehrsträger zu untermauern. Ich hob kurz zweifelnd die Augenbrauen und dachte: "Wie kommt er denn da drauf?" Dann googelte ich, um das an den tatsächlichen Kosten zu verifizieren, falls ich selbst mit dem Auto fahren wollte. Er wies für die Strecke Berlin-Düsseldorf und zurück 132 Euro Benzinkosten aus. Dafür hätte ich dann rund zwölf Stunden im (eigenen) Ledersitz verbringen dürfen.

© Fotolia.com/airliners.de, iterum Lesen Sie auch: Mit dem Zug zum Flug macht noch Probleme Apropos (7)

Angeblich ist das eine Milchmädchenrechnung, denn die ständigen Kosten des Autos sind da nicht mit eingerechnet. Aus der Sicht des vergleichenden Verbrauchers ist es aber realistisch, es so zu betrachten, denn die ständigen Autokosten fallen auch an, wenn ich als Autobesitzer mit der Bahn fahre oder fliege, also müsste ich sie da ebenfalls mit draufrechnen. Der Bahn-Manager hatte bei diesem Berechnungsmodell also recht. Das Auto ist konkurrenzlos billig.

Falls es dennoch nicht überzeugt: Ein Mietwagen - kompakte Mittelklasse, wahrscheinlich Ledersitze - kostet für zwei Tage 230 Euro. Dazu kommen noch die 132 Euro Benzinkosten. Also genauso teuer wie das Bahnticket. Aber die Bahn fährt auf dieser Verbindung deutlich schneller, ist wesentlich weniger gefährlich und bietet die Möglichkeit, E-Mails zu bearbeiten, zu lesen oder ein Nickerchen zu halten (vom Telefonieren reden wir lieber nicht). Und die A2 ist nun auch nicht gerade des Autofahrers Paradies. Wer dort von Berlin nach Düsseldorf fährt oder fliegt, verpasst ein seltenes Verkehrsschauspiel mit dem Titel "Zugteilung in Hamm": die Trennung beziehungsweise auf der Rückfahrt die Wiedervereinigung zweier ICE-Züge in der westfälischen Stadt.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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