Leiharbeiter mit 9-Dollar-Stundenlohn schrieben 737-Max-Software

Boeing griff bei der Softwareentwicklung für die 737 Max auf indische Unternehmen zurück, die hierfür Leiharbeiter einstellten. Neben geringeren Löhnen sind Verkaufsinteressen ein Anreiz, die Arbeit über den Globus zu verteilen.

Boeing 737 Max auf einem Parkplatz neben dem Boeing-Feld in Seattle. © dpa / Elaine Thompson

In den USA versuchen derzeit mehrere politische und strafrechtliche Untersuchungen zu entwirren, wie und wann kritische Entscheidungen bei der Softwareentwicklung für die 737 Max getroffen wurden. Laut Bloomberg geschahen diese zu einer Zeit, als Boeing sich von erfahrenen Ingenieuren nach Abschluss des 787-Programms trennte und intensiv versuchte, Kostensenkungen bei den Lieferanten zu erreichen.

Die Frage sei, wie ein lange für akribisches Arbeiten bekanntes Unternehmen wie Boeing scheinbar einfache Softwarefehler machte, die zu tödlichen Unfällen führten, so der Informationsdienst. Nach zwei Abstürzen des neuen Modells 737 Max steht in den USA derzeit vor allem die Arbeitskultur bei dem Flugzeugbauer im Fokus.

Glaubt man langjährigen Boeing-Ingenieuren hat vor allem die Auslagerung großer Teile der Software-Entwicklung nach Indien Probleme verursacht. Zunehmend habe sich Boeing auf Subunternehmer verlassen, die ihrerseits Zeitarbeitskräfte beschäftigten.

Leitende Ingenieure wurden angeblich nicht mehr gebraucht

So wird der ehemalige Boeing-Softwareingenieur Mark Rabin mit den Worten zitiert, dass die Codierer der indischen Firma HCL zwar üblicherweise nach den Vorgaben von Boeing arbeiteten. Dennoch war es "umstritten, weil es weitaus weniger effizient war als das Schreiben des Codes durch die Boeing Ingenieure", sagte Rabin. Es habe viele Abstimmungsrunden gebraucht.

Rabin erinnerte sich auch an einen Manager, der bei einem Meeting sagte, dass Boeing keine leitenden Ingenieure brauche, weil seine Produkte ausgereift seien. "Ich war schockiert, dass uns in einem Raum voller ein paar hundert meist leitender Ingenieure gesagt wurde, dass wir nicht gebraucht werden", sagte Rabin, der 2015 entlassen wurde.

© Boeing (Facebook), Lesen Sie auch: FAA identifiziert neues "mögliches Risiko" bei Boeings 737 Max

In einem Social-Media-Beitrag beschrieb ein HCL-Mitarbeiter laut Bloomberg seine Arbeit während den ersten Flugtests der 737 Max so: "Habe schnell eine provisorische Lösung für Produktionsprobleme umgesetzt, die dazu führte, dass der Flugtest der 737 Max nicht verzögert wurde (eine Verzögerung bei jedem Flugtest wird Boeing sehr viel kosten)."

Boeing: MCAS kommt nicht von Subunternehmern

Boeing erwiderte auf die Enthüllungen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Der amerikanische Flugzeugbauer verfüge über jahrzehntelange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Partnern auf der ganzen Welt, sagte ein Sprecher des Unternehmens: "Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, dass unsere Produkte und Dienstleistungen stets sicher, von höchster Qualität und unter Einhaltung aller geltenden Vorschriften sind."

Dennoch betonte Boeing, dass man sich bei der Entwicklung des umstrittenen MCAS-Systems, das für die beiden Max-Abstürze von Lion Air und Ethiopian verantwortlich gemacht wird, nicht auf Subunternehmer verlassen habe. Gerade bei einem starken Dollar sind die Anreize für Boeing, Arbeiten ins Ausland zu verlagern beträchtlich. Ingenieure in Indien verdienen etwa 10 Dollar pro Stunde, verglichen mit 35 bis 40 Dollar für Ingenieure in den USA.

Boeing war vertraglich verpflichtet, in Indien zu investieren

Hinzu kommen harte Handelsinteressen im intransparenten und politisierten globalen Luftfahrtmarkt, auf dem Boeing auch im Bereich der Militär-Luftfahrt eine große Nummer ist. So hat Boeing im Austausch für einen 11-Milliarden-Dollar-Auftrag von Air India im Jahr 2005 versprochen, 1,7 Milliarden Dollar in indische Unternehmen zu investieren. Ein guter Teil davon dürfte bei HCL gelandet sein. Auch hat Boeing in den letzten Jahren mehrere andere Aufträge für indische Militär- und Verkehrsflugzeuge erhalten, darunter einen Auftrag über 22 Milliarden Dollar im Januar 2017 von SpiceJet. Der Auftrag umfasste einhundert 737 Max 8 und war der bis dato größte für die Amerikaner in Indien. Ein Coup in einem von Airbus dominierten Land.

HCL, früher bekannt als Hindustan Computers, wurde 1976 vom Milliardär Shiv Nadar gegründet und erzielt heute einen Jahresumsatz von mehr als 8,6 Milliarden US-Dollar. Mit 18.000 Mitarbeitern in den USA und 15.000 in Europa ist HCL ein globales Unternehmen und verfüge über eine umfassende Expertise im Computerbereich, sagte Vice President Sukamal Banerjee Bloomberg

© AirTeamImages.com, Colin Parker Lesen Sie auch: Boeing für weltweit zeitgleiche Wiederzulassung der 737 Max

Von: dk

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