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Schiene, Straße, Luft (39) Reifeprüfung für die globale Logistik

Das Corona-Virus betrifft Touristen und unter ihnen Flieger und Kreuzfahrer ganz besonders. Wir alle können die derzeitige Situation als Reifeprüfung für die Rahmenbedingungen der globalen Logistik betrachten, findet Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Boeing 747 der Cargolux © AirTeamImages.com / ACEdwards

Am späten Abend des 11. September 2001 bestellte ich mir ausnahmsweise ein Taxi für den Heimweg. Ich hatte einen Arbeitstag hinter mir, mit dessen journalistischen Herausforderungen und Emotionen man gut auch eine Woche hätte füllen können. Als ich die Treppe hinunterging, war noch lange nicht klar, ob künftige Geschichtsschreiber diesen Tag als Beginn des Dritten Weltkrieges werten würden. Das passierte zwar nicht, aber die These von der grenzenlosen Freiheit über den Wolken wurde doch nachhaltig erschüttert.

Unten wartete das Taxi, gesteuert von einem arabisch aussehenden Fahrer mit dunklem Vollbart und einzelnen Insignien seines islamischen Glaubens im Auto. Auf einmal kamen alle Vorurteile in mir hoch, die man als Westeuropäer gegen den Islam und seine Gläubigen so haben kann und gegen die ich immun zu sein glaubte. Natürlich sprengte er mich nicht in die Luft, sondern fuhr mich, die Straßenverkehrsordnung weitgehend befolgend, an mein Ziel.

Apokalyptische Visionen

Ich erzähle das hier, weil das Corona-Virus Rassismus und Vorurteile mancher Menschen wieder stark befeuert. Wie 9/11 ist es ein Thema, das Logistik und Luftfahrt besonders betrifft. Menschen asiatischen Aussehens müssen neuerdings unter dem Verdacht leiden, sie seien Träger des Virus. Manche werden schon aggressiv, wenn neben oder hinter ihnen im Flieger jemand niest. Wir können uns die Stimmung auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen, wenn ein oder zwei von 3500 Passagieren unter Virusverdacht stehen und alle praktisch isoliert werden.

Apokalyptische Visionen und Verschwörungstheorien kommen auf, die die Unsicherheit der Menschen weiter steigern. Normalerweise gilt bei Nachrichten aus Fernost in der Bevölkerung die Devise: "Was kümmert es uns, wenn dort ein Sack Reis umfällt?", diesmal aber betrifft es uns alle. Allerdings nicht in dem Maß, wie es manch sensationshungriger Weltverschlechterer gern hätte, der schon das "Ende der globalen Mobilität erahnt" (SZPlus, 30. Januar).

Wäre es so, wäre die Welt schon längst untergegangen. Zum Beispiel mit der Verbreitung des HIV-Virus, just zu einem Zeitpunkt, wo sich sexuelle Befreiung in den westlichen Ländern einigermaßen etabliert hatte. Aids passt zu Corona, weil sein Auftauchen ebenfalls übelste Theorien über die Ansteckungsgefahr und, damit verbunden, entsprechende Rassismus-Ausbrüche auslöste. Seit der Aufklärung in Europa vor mehr als 250 Jahren gilt es als Zeichen gesunden Menschenverstands, solchen Vorurteilen nicht nachzugeben, sondern sie an Fakten und wissenschaftlicher Arbeit zu messen. Wer Asiatinnen oder Asiaten zu seinem Freundeskreis zählt oder auch nur häufig nach Fernost reist, kennt inzwischen alle diese Vorurteile und wird lernen müssen, damit umzugehen. Ausräumen wird man sie trotz jahrhundertelanger Bemühungen nicht können.

Delle in der Wachstumskurve

Was wird nun vermutlich passieren: Die globale Wachstumskurve wird eine Delle bekommen. Wenn Airlines ihre Flüge nach China aussetzen, wenn Kreuzfahrer unter Quarantäne an der Kette liegen, wenn die Wertschöpfungskette durch die staatlichen chinesischen Bestimmungen und die Vorsichtsmaßnahmen der Wirtschaft unterbrochen wird, geht es eben für eine Zeitlang nicht mehr ganz so steil bergauf mit dem Wachstum. Wo die Logistik weiter geht, wird sie teurer wegen der erhöhten Maßnahmen zum Virenschutz. Es wird hoffentlich Gipfeltreffen geben, auf denen Initiativen für hohe Hygienestandards überall auf der Welt angeschoben werden. Regierungen, ob despotisch oder demokratisch, müssen sich zu frühzeitigem Austausch und hoher Transparenz verpflichten.

Wie bei 9/11 werden einige der jetzigen Erschwernisse wohl bleiben, nachdem nun zum wiederholten Mal die globalen Handelsbeziehungen den Viren-Transport in alle Welt befördert haben. Das ist auch gut so, denn man stelle sich nur einmal vor, dass bei 50 bis 90 Prozent der Infizierten tödliche Ebola-Virus würde sich global ausbreiten.

Wenn es während der Corona-Krise gelingt, die hygienischen Aspekte der Globalisierung in besser kontrollierte Bahnen zu lenken, ist schon viel gewonnen. Dann können wir uns wieder sachlich und fachlich um die umwelt- und wirtschaftspolitischen Aspekte der Logistik und des Tourismus kümmern. Schlichte Relativierung im Vergleich mit anderen Todesursachen hilft dabei nicht weiter, Rassismus noch weniger.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de

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