Hintergund Der Kampf von Ryanair um das eigene Geschäftsmodell

Bei Ryanair läuft es seit einiger Zeit nicht rund, die Zahlen sind schlecht. Die Probleme sind vielfältig, vor allem aber die immer selbstbewusster auftretende Belegschaft sorgt beim Management für Ärger.

Ryanair-Chef Michael O'Leary. © dpa / Niall Carson/PA Wire

Seit einem Jahr kommt es in ganz Europa zu Auseinandersetzungen mit der Belegschaft und Ryanair zeigt sich in einigen Ländern erstmals bereit, kollektive Vereinbarungen zu treffen. Seitdem sinken aber auch Aktienkurs und Gewinn. Zur heutigen Hauptversammlung haben die Iren sämtliche Pressevertreter ausgeladen. Michael O'Leary soll künftig CEO der ganzen Ryanair-Gruppe sein, was vielfach als Zeichen für einen wieder härteren Kurs gegenüber den Angestellten gewertet wird.

Belegschaft

Ryanair sah sich in den letzten anderthalb Jahren an verschiedenen Standorten und Unternehmensbereichen mit Streiks konfrontiert. In diesem Ausmaß eine neue Erfahrung für die Iren. Immer öfter und hörbarer machen die Angestellten ihrem Unmut über die Arbeitsbedingungen Luft.

In Deutschland gibt es mittlerweile sowohl einen Tarifvertrag für Kabinenmitarbeiter als auch für die Piloten. Die Flugbegleiter beklagten sich jedoch im Sommer bitterlich, dass dieser nur schleppend umgesetzt werde. Vor allem eine fehlender Betriebsrat wird sowohl von Gewerkschaften als auch Politik bemängelt.

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Bei den Piloten kam es erst Anfang September zu einer Einigung. Die Tarifverträge sehen eine deutliche Steigerung der Grundgehälter vor. Um die Umstellung auf deutsches Einkommenssteuerrecht zu gewährleisten, bisher zahlten die Piloten ihre Steuern in Irland, werden die Cockpit-Besatzungen den Angaben nach durch einen Betriebsübergang in die maltesische Tochtergesellschaft "Malta Air" überführt.

Bei der maltesischen Airline in der Ryanair Group sind sie in einem direkten Anstellungsverhältnis unter Geltung der deutschen Tarifverträge beschäftigt. Die VC hatte ursprünglich gefordert, einen eigenständigen Flugbetrieb in Deutschland zu gründen.

Auch in Spanien und Großbritannien kam es jüngst zu Pilotenstreiks, weshalb die Airline hunderte Flüge streichen musste. "Das Thema Mitbestimmung ist für Ryanair nach wie vor ein absolutes No-GO", zitierte das "Handelsblatt" einen Flugzeugführer. Das Ziel bleibe nach wie vor, die Mitwirkung des Personals in engen Grenzen zu halten, um den größten Wettbewerbsvorteil der Airline zu erhalten: niedrige Kosten und personelle Flexibilität.

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Finanzen

Im Mai musste O'Leary einen herben Gewinneinbruch für das Geschäftsjahr 2018 verkünden. Nach einem Rückgang des Nettogewinns um 40 Prozent auf 885 Millionen Euro - trotz steigender Passagierzahlen und steigenden Umsatzes - wird die Strategie der Iren an den Finanzmärkten seitdem zunehmend kritisch hinterfragt.

Für den Gewinnrückgang machte Ryanair vor allem die gestiegenen Treibstoff- und Personalkosten verantwortlich. So zahlte Ryanair seinen Piloten um ein Fünftel höhere Gehälter. Zudem belasteten Flugausfälle durch Fluglotsen-Streiks.

Zudem leidet Ryanair unter den Überkapazitäten im europäischen Flugverkehr. So schließt der Billigflieger seine Basen auf den Kanaren und baut über 500 Arbeitsplätze in Spanien ab. Auch der Brexit drückt die Nachfrage. Insgesamt könnten in Europa bis zu 1500 Arbeitsplätze auf der Kippe stehen.

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737 Max

Eine zusätzliche Belastung stellt der Ausfall von erwarteten Lieferungen der 737 Max dar. Die Airline geht davon aus, dass sie ab Januar oder Februar die ersten Max übernehmen kann und plant bis Ende Mai 2020 nun mit 30 statt wie bislang 58 Boeing 737 Max 200. Mit der reduzierten Flugzeug-Anzahl könne statt dem bisher geplanten Wachstum von sieben Prozent nur noch drei Prozent im Sommer 2020 realisiert werden. Im Gesamtjahr von April 2020 bis März 2021 könnten nur 157 Millionen statt 162 Millionen Passagiere befördert werden.

Lauda

Als einmaligen Sondereffekt bezeichnete Ryanair-Chef O'Leary die Kosten für die Übernahme von Lauda. Ohne die Übernahmekosten hätte der Gewinn bei über einer Milliarde Euro gelegen. Ryanair hatte die letzten Anteile an der Niki-Nachfolgerin im Dezember 2018 übernommen.

Gleichzeitig kündigte O'Leary an, dass die Ryanair-Group-Airlines Lauda und der polnische Ferienflieger Buzz weiter wachsen werden. Der Airline-Chef rechnet damit, dass Lauda in 2020 mit 35 Maschinen unterwegs sein und das Passagieraufkommen bei acht Millionen liegen werde. Für dieses Jahr liegen die Prognosen bei sechs Millionen Passagieren.

Seitdem hat sich die Krise bei Lauda weiter verschärft. So kündigte Laudamotion-Chef Andreas Gruber Anfang August in einem Brief an die Belegschaft tiefgreifende Sparmaßnahmen an. Aus dem Schreiben geht hervor, dass Lauda in einer existenziellen Krise steckt. Man müsse schnell aus der Verlustzone kommen und eine vergleichbare Effizienz wie die Mutter Ryanair erreichen. Sollte dies nicht gelingen, würde das Unternehmen scheitern.

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Für dieses Jahr peilt die österreichische Airline einen Verlust in Höhe von bis zu 50 Millionen Euro an. Im Vorjahr hatten noch knapp 140 Millionen Euro Minus in den Büchern gestanden, die komplett durch Kredite der Mutter Ryanair abgedeckt wurden. Die Verluste im laufenden Jahr seien auf hohe Kerosinpreise, sehr tiefe Ticketpreise, erheblichen Gehaltssteigerungen und Ineffizienzen der Crews zurückzuführen.

Kapazitäten in Deutschland

In Deutschland ist der irische Low-Cost-Pionier schon seit geraumer Zeit auf dem Rückzug. Der Marktanteil von Ryanair und der Tochter Lauda fiel im vergangenen Jahr von 9,8 auf 8,4 Prozent. Schon bei der Vorstellung der Jahreszahlen im Frühjahr sagte der langjährige Ryanair-Chef Michael O'Leary, dass er für den deutschen Markt aktuell nur wenig Wachstumsmöglichkeiten sehe.

Signifikant sind dabei die Kapazitätsrückgänge an den Regional-Airports wie Frankfurt Hahn, Weeze und Bremen. So bot der Billigflieger im Sommer 2019 beispielsweise ab dem Hahn nur noch circa 410.000 Plätze. Im vergangenen Sommer waren es hier noch über 800.000. Knapp 300.000 Plätze waren es auch ab Weeze. Bremen muss einen Rückgang im Angebot des Billigfliegers von rund 75.000 Plätzen verkraften. Bereits zum Winter hatte der Billigflieger vor Ort die Basis geschlossen.

Zudem hat sich die Airline komplett aus dem innerdeutschen Verkehr zurückgezogen. So ist die zuletzt einzige innerdeutsche Verbindung zwischen Berlin-Schönefeld und Köln/Bonn nach Ablauf der aktuellen Sommerflugplanperiode nicht mehr buchbar. Bereits zum Winterflugplan 2018/19 hatte der Billigflieger die Frequenz zwischen Berlin und Köln/Bonn massiv zusammengestrichen.

© AirTeamImages.com, Jorge Guardia Aguila Lesen Sie auch: Ryanair gibt innerdeutsche Flüge auf

Vor der Aufnahme der Route im September 2015 hatte Ryanair noch angekündigt, neben Berlin-Köln/Bonn auch noch weitere innerdeutsche Verbindungen ins Programm aufzunehmen, was jedoch nicht in die Tat umgesetzt wurde. Damals waren die Ryanair-Pläne für Deutschland durchaus noch hochtrabend, nicht weniger als die Ablösung von Air Berlin als zweitgrößte Airline sollte am Ende einer mehrjährigen Expansion stehen. Davon kann heute keine Rede mehr sein.

Als Grund für die Zurückhaltung in Deutschland nennt Ryanair vor allem die Überkapazität am Markt nach der immer noch nicht abgeschlossenen Marktkonsolidierung. So prognostizierte O'Leary, dass die Preise in Deutschland auch in kommenden eins bis zwei Jahre weiter sehr niedrig bleiben werden.

Von: dk

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